Ihre Rolle als Bürgerschreck spielten vor 25 Jahren die Besetzer der Treppe zum Waldshuter Rathaus perfekt. Über Monate hinweg fläzten sich die jungen Frauen und Männer vor dem Haupteingang des ehrwürdigen Behördenbaus. Bedienstete wie Besucher mussten sich an der in abgerissenen Klamotten steckenden und mit Sicherheitsnadeln und Hundehalsbändern geschmückten bunten Truppe vorbeidrücken und über leere Flaschen, Scherben, Zigarettenkippen und Erdnussschalen steigen. Was war nur los? Die Jugendkultur „Punk“, in den 1970er Jahren in New York und London entstanden, war mittlerweile auch in der südbadischen Provinz angekommen.

„Charakteristisch für den Punk“, so eine die Szene kurz umreißende Beschreibung, „sind provozierendes Aussehen, eine rebellische Haltung und nonkonformistisches Verhalten.“ Und weil die Punks jetzt schon seit Monaten die Waldshuter Rathaustreppe belagerten, wurden sie zum Politikum: Im Frühsommer 1992 widmete eine Versammlung der Waldshuter CDU den Punks und der Frage, wie man die Störenfriede loswerden könne, einen eigenen Tagesordnungspunkt. Dabei wurde beklagt, dass Rathausbesucher inzwischen den Hintereingang benutzen müssten, um von den vorne lungernden Punks nicht belästigt zu werden. Dabei seien es doch überwiegend Kinder aus gutem Elternhaus, wie ein CDU-ler feststellte, was ein anderer sogleich korrigierte: „Aus reichem, nicht aus gutem Haus.“ Als gesichert galt indes, dass die Bürgerschrecktruppe sich aus Einheimischen rekrutierte. Einer Lösung des Problems kam die Versammlung jedoch nicht näher.

In einem Leserbrief protestierte Tage später eine junge Frau aus den Reihen der Punks dagegen, als Penner oder Obdach- und Arbeitslose bezeichnet zu werden, „denn die meisten von uns sind Schüler“. Ihre Forderung: Mehr Toleranz und eine zur Rathaustreppe alternative Räumlichkeit. Beides gab‘s natürlich nicht. Doch irgendwann, Wochen später, waren die Punks verschwunden. Vielleicht zum Studium oder zur Bundeswehr. Oder sie hatten einfach genug vom Stress als Punk.