Das größte kontinentale Eisenbahnunglück des 19. Jahrhunderts ereignete sich am 14. Juli 1891 im schweizerischen Münchenstein, wenige Kilometer südöstlich von Basel. 73 Menschen starben und 171 wurden verletzt, als ein Zug mit zwölf Wagen und zwei Lokomotiven die Eisenbahnbrücke über die Birs zum Einsturz brachte.

Der um 14.15 Uhr mit mehr als 500 Personen zum Gesangsfest in Münchenstein in Basel abgefahrene Zug erreichte kurz nach 14.30 Uhr die Eisenbrücke, die die Birs kurz vor dem Bahnhof Münchenstein überquerte. Als die erste Lokomotive die Münchensteiner Seite fast erreicht hatte, brach die Brücke zusammen. Die beiden Lokomotiven, vier Personenwagen, ein Gepäckwagen, ein Postwagen und ein Eilgutwagen stürzten in den Hochwasser führenden Fluss. Während die erste Lokomotive auf dem Rücken landete, blieb die zweite im Fluss auf den Rädern stehen; die sieben Wagen bildeten einen größtenteils im Wasser übereinander liegenden Trümmerhaufen. Vom achten Personenwagen lag eine abgerissene Hälfte im Wasser, die andere hing schräg am Brückenpfeiler. Die letzten vier Personenwagen standen unbeschädigt auf dem Gleis vor der eingestürzten Brücke.

„Das Trümmer-Wirrwarr ist unbeschreiblich“, berichtete der Alb-Bote. „Eisenbalken der Brücke, wie Blech gebogen, Wände und Dächer der Wagen, Maschinenteile, Sitzbänke und ein Gewirr von Holz- und Eisensplittern jeder Größe bilden ein chaotisches Ganzes. Zwischen diesem schauerlichen Gemengsel erblickt man menschliche Leichen eingekeilt. Unter den übereinander gestülpten zerrissenen Wagen sieht man in eine Art Höhle der Trümmermasse. Hier liegt ein ganzes Knäuel von Leichen in einem unübersehbaren Haufen.“

Der Bericht des Alb-Bote geht zu Augenzeugenberichten über: „Überlebende Passagiere krochen zu den Fenstern hinaus und sprangen in die Birs. Viele vermochten sich schwimmend ans Ufer zu retten, andere wurden abwärts getrieben und mögen ertrunken sein. Da sah man eine Mutter mit zwei Kindern, die sich fest umklammert hatten, das eine Kind war schon tot, das andere lebte und wurde wahrscheinlich gerettet. Grausig war das Schreien und Stöhnen der Unglücklichen, die eingekeilt waren und sich nicht befreien konnten. Eine Frau war zum Beispiel bis an die Brust im Wasser, in Trümmer eingequetscht und musste stundenlang ausharren, bis sie befreit werden konnte. Ein Herr lag mit zerdrückten Beinen unter einem Rad. Er rief und bat, man möge, da man den Wagen nicht heben konnte, ihm doch die Beine abschneiden und ihn hervorziehen. Ein Arzt, der zu ihm gelangen konnte, suchte die furchtbaren Schmerzen des Beklagenswerten durch Morphiumeinspritzungen zu lindern; der Arme konnte nicht gerettet werden und starb. Bis gegen Einbruch der Dämmerung hörte man Wimmern, Rufen und Stöhnen unter den Trümmern. Viele Menschen waren derart eingekeilt, dass man sie nicht retten konnte. Es war herzzerreißend.“ In der Birs wurde ein Rechen installiert, um Leichen und Wertsachen aufzufangen.

„Die Stadt Basel ist in tiefer allgemeiner Trauer“, endet der Alb-Bote-Bericht von 1891, denn die meisten der Opfer waren wohl aus Basel. „Auf allen Gesichtern liest man die Bestürzung und das Entsetzen über das grauenhafte Unglück. Wer das unbeschreibliche Schauspiel gesehen hat, ist noch erschüttert und kann sich kaum fassen; so furchtbare Bilder vermag sich keine Phantasie auszubilden.“

Rückblende: 1891

Gustave Eiffel, Erbauer des Eiffelturms, war auch Konstrukteur der Eisenbrücke über die Birs bei Münchenstein. Sie wurde 1875 in Betrieb genommen und war für eine Höchstgeschwindigkeit von Tempo 30 ausgelegt. 1881 ließ ein Hochwasser die Brückenpfeiler absinken, wobei die Eisenkonstruktion teils unbemerkt beschädigt wurde. Als der 300 Tonnen schwere Zug am 14. Juni 1891 mit etwa Tempo 40 die Brücke passierte und abbremste, wirkten auf das geschwächte Bauwerk so starke Kräfte ein, dass es nach rechts abkippte und zusammenbrach. Unter den deutschen Opfern waren der Landwirt Graner und sein Sohn aus Säckingen.