Er ging nachts durch die Gassen der Stadt, um für Ruhe zu sorgen, er warnte die schlafenden Bürger vor Feuer, Feinden und Dieben, er überwachte das Verschließen der Haustüren und Stadttore, und häufig gehörte es zu seinen Aufgaben, die Stunden anzusagen – weniger als Auskunft als zur Anzeige, dass er seinem Dienst nachging. Die Rede ist vom Nachtwächter-Dienst, der auch in Waldshut nach jahrhundertealten Regeln ablief. Vor 150 Jahren aber begann auch in Waldshut für den Nachtwächter eine neue Ära, die Zeit der Stechuhr.

„Seit 1. März hat ein sich längst als den beabsichtigten Zweck nicht erfüllendes und somit als nutzlos erwiesenes altertümliches Institut einer neuen, anderwärts schon vielfach als praktisch befundenen Einrichtung weichen müssen“, berichtete der Alb-Bote am 16. März 1867. „Es sind dies der Hochwächterdienst auf den beiden Toren und das Stundenrufen der Nachtwächter. Statt diesem wurden Kontroll-Uhren eingeführt mit sechs Stationen in und außerhalb der Stadt, welche der Nachtwächter nach der vorgeschriebenen Zeit in einer Stunde abgehen muss.

Er darf nicht früher und nicht später an den Stationen und auch nicht früher als mit dem Glockenschlag am Rathaus eintreffen und muss die ihm von einer Station zur anderen gegebene Zeit einhalten, sonst wird die Uhr zum Verräter an ihm, wenn ein Zeichen, welches durch Umdrehen eines in dem an den Stationen angebrachten Kästchen befestigten Schlüssels auf einen in der Uhr und mit derselben laufenden Papierstreifen eingedrückt wird, mit der Zeit nicht genau übereinstimmt.

Hat ein Nachtwächter die Runde gemacht, macht sich sofort ein anderer Nachtwächter auf den Weg und begeht die Kontrolluhren in der gleichen Weise wie sein Vorgänger. Jeden Morgen wird dann vom Bürgermeister der betreffende Streifen abgenommen und mit den Namen der Nachtwächter versehen in ein Buch eingeklebt, worin man jederzeit nachweisen kann, welcher Nachtwächter in dieser oder jener Stunde die Runde gemacht und wo er sich um eine gewisse Zeit befunden hat, was namentlich bei einem Diebstahl oder Einbruch von Wert ist.“

Abschließend meinte der Alb-Bote, die Einwohner würden jetzt die „beruhigende Gewissheit gewinnen, dass der Nachtwächter wirklich wacht und sich auf der Straße befindet, anstatt, wie es sonst meist der Fall war, auf der Wachstube sanft zu schlummern“.

Dies stellte dem bisherigen Nachtwächterdienst in Waldshut nicht gerade das beste Zeugnis aus. Darüber ist nur wenig bekannt. Im Waldshuter Stadtarchiv existieren einige handschriftliche Akten in deutscher Kurrentschrift, die zu entziffern nicht immer leicht ist. Diesen Akten ist unter anderem zu entnehmen, dass es im Jahr 1839 in Waldshut vier Nachtwächter gab, davon zwei auf den Türmen (Hochwächter) und zwei in der Wachstube, allerdings ohne Hinweis, wo diese Wachstube sich befand.

Von den beiden Wachstuben-Wächtern übernahm jeder die Hälfte der Nacht. Ihre Patrouillen führten sie durch alle Gassen der Stadt. Ihre Hauptaufgabe war, die Störung der Nachtruhe durch „Nachtschwärmerey“ zu unterbinden und die Störer nach Hause zu schicken. Außerdem mussten sich die Patrouillengänger regelmäßig mit den Hochwächtern in Verbindung setzen, um sich zu vergewissern, dass nirgendwo Feuer ausgebrochen war. Das Stundenrufen beschränkte sich auf fünf Rufe zwischen 23 Uhr und 3 Uhr. 1844 wurde beschlossen, die Zahl der Nachtwächter in der Wachstube auf vier zu erhöhen. Und 1867 wurden die Kontrolluhren eingeführt, die eine Fabrik in Schwenningen lieferte.

Rückblende: 1867

Im Februar 1867 konstituiert sich der Reichstag des von Preußen dominierten Norddeutschen Bunds, dem Vorläufer des Deutschen Reichs von 1871 bis 1918. Dem Parlament gehören mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht die ersten Sozialdemokraten an. Kanzler wird Bismarck, wie ab 1871 auch Reichskanzler. Am 17. Februar fährt das erste Schiff durch den neuen Suezkanal. Am 8. Juni wird Österreichs Kaiser Franz Joseph zum König von Ungarn gekrönt; damit wird die Gründung von Österreich-Ungarn besiegelt. Im Dezember 1867 lässt sich Nobel das von ihm erfundene Dynamit patentieren.