Friedrichshafen – Nach dem das Schweizer Militärarchiv seine Akten im vergangenen Jahr weiter geöffnet hatte, kam ein bisher unbekannter Vorgang Friedrichshafen betreffend zum Vorschein. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages durch das Deutsche Kaiserreich am 11. November 1918 fanden sich fabrikneue Militärflugzeuge über Nacht ohne Abnehmer wieder. Die siegreiche Entente als neue, rechtmäßige Eigentümerin des deutschen Kriegsgutes ordnete die sofortige Zerstörung an. Viele Rüstungsbetriebe versuchten jedoch noch schnell, ihre Produkte zu Sonderpreisen ins Ausland zu verkaufen. Ein Großteil dieser Kriegsgeräte waren hervorragende Konstruktionen und auf dem allerneuesten Stand der damaligen Technologie.

Von der Zeppelin-Werk Lindau GmbH bekam die Schweizer Fliegertruppe 1919 eine Offerte über insgesamt 19 fabrikneue Beobachtungsflugzeuge, die unter der Bezeichnung Zeppelin LZ C-II angeboten wurden. Die Doppeldeckerflugzeuge waren im Werk Lindau am Bodensee gefertigt worden. Der moderne und stromlinienförmige Fernaufklärer stammte aus der Kriegsproduktion von 1918 und war von Claudius Dornier – dem Geschäftsführer der Zeppelin-Werk Lindau GmbH – entwickelt worden. Die Flugzeuge kaufte das Herstellerwerk mit größter Wahrscheinlichkeit im Juni 1919 vom Reichsverwertungsamt (RVA) zurück, wohl mit der Absicht, die Maschinen gewinnbringend im Ausland zu veräußern. Das Zeppelin-Werk Lindau GmbH war als Flugzeugbau-Sparte neben dem Luftschiffbau des Friedrichshafener Zeppelin-Konzerns im Jahre 1914 gegründet worden und wandelte sich dann 1917 unter der Führung von Claudius Dornier zu einer eigenständigen Gesellschaft innerhalb des Konzerns.

Vorsichtig streckte die Eidgenossenschaft auf dem diplomatischen Parkett die Fühler betreffend einer Duldung der Transaktion dieser Zeppelin-Flugzeuge aus und erhoffte sich als neutraler Staat eine Sonderbehandlung. Die heute im Schweizer Bundesarchiv Bern lagernde französische Antwort-Note war genauso klar wie ablehnend:„Sämtliches Flugmaterial ist durch die interalliierte Kontrollkommission blockiert und es ist aus diesem Grunde nicht möglich, Deutschland zum Verkauf von Flugzeugen an die Schweiz zu berechtigen." Eine Beschaffung war nach dem Briefwechsel nur noch durch einen Import auf verdeckten Wegen möglich. Was die Fliegertruppe aber wenig scherte: „Wir müssen doch wohl nicht die Entente fragen, was wir kaufen müssen", polterte ein Oberst in einem geharnischten Brief an den Armeestab.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden die 19 demontierten Zeppelin LZ C-ll im Oktober 1919 von Friedrichshafen aus über die Schweizer Grenze geschafft. Erster Bestimmungsort der Flugzeuge war eine Lagerhalle im Luzernischen Kriens, die von der Fabrik Chemischer Produkte AG in Luzern angemietet worden war. Der Form halber verkaufte die Zeppelin-Werk Lindau GmbH die Zeppelin-Flugzeuge dem an der Friedrichshafener Olgastraße 29 wohnhaften Prokuristen Julius Bernhardt. Der deutsche Staatsangehörige veräußerte die Flugzeuge dann an den Schweizer Landwirt Alois Hürlimann im Luzernischen Weiler Oberfeld bei Walchwil weiter. Nach außen hin konnte so das delikate Geschäft als eine Transaktion zwischen zwei Privatpersonen dargestellt werden. Der Verkaufspreis pro Aufklärungsflugzeug betrug 30 000 Mark.

Ein Betrag, den die Generalstabs-Abteilung in einem im Bundesarchiv Bern lagernden Dokument als „Spottpreis" bezeichnete. Letztlich gelangte die Gesamtsumme von 570 000 Mark für die 19 Flugzeuge auf ein Konto der Schweizerischen Bankgesellschaft in Zürich, lautend auf Julius Bernhardt.

Am 20. Oktober 1919 überließ Landwirt Alois Hürlimann seine 19 Flugzeuge der Fabrik Chemischer Produkte AG in Luzern. Dieses Unternehmen ließ die Flugzeuge per Bahn nach Dübendorf transportieren und in Hallen einlagern, die Julius Bernhardt als früherer Eigentümer der Zeppelin-Flugzeuge von der Generalstabs-Abteilung des Schweizerischen Militärdepartementes angemietet hatte. Dann ließen die Geschäftspartner zuerst einmal monatelang Gras über die Sache wachsen. Erst im Juli 1920 nahm ein Dr. Julius Breitenbach, seines Zeichens Direktor des Luzerner Chemiewerkes, Verkaufsverhandlungen mit der kaufmännischen Abteilung der Eidgenössischen Flugplatzdirektion in Zürich-Dübendorf auf. Breitenbach offerierte die 19 sich schon in Dübendorf befindlichen Flugzeuge zum Stückpreis von 30 000 Mark. Am 4. September 1920 erwarb das Militärdepartement die 19 Beobachterflugzeuge ganz offiziell von der Fabrik Chemischer Produkte AG. Die Fliegertruppe konnte ihre Hände in Unschuld waschen, hatte sie doch die Flugzeuge von einem Schweizer Unternehmen erworben. Ein Schweizer General meinte dazu: „Da haben wir aber ein Schnäppchen gemacht.“

Zur Person

Ernst Haller, 1938 in Ravensburg geboren, lebt seit 1943 in Friedrichshafen. Viele Jahre war er Geschäftsführer der Messe Friedrichshafen. Er ist langjährige Elferrat und Ehrenmitglied des Vereins zur Pflege des Volkstums. Sein Interesse für Heimatgeschichte verstärkte sich nach dem Ende seiner beruflichen Karriere. Heute ist er Vorsitzender des Geschichtsvereins Fischbach. Er ist Autor mehrerer Bücher. 2014 erhielt Ernst Haller den Ehrenbrief der Stadt Friedrichshafen, im Juni 2016 wurde er mit dem Kulturpreis der Kunst- und Kulturstiftung des Bodenseekreises ausgezeichnet. Im SÜDKURIER schreibt Ernst Haller in der Reihe "Häfler Geschichte(n)" über heimatgeschichtliche Themen in und um Friedrichshafen.