Friedrichshafen hatte bis 1944 die eine oder andere Traditionsgaststätte, in der sich die Häfler zuhause fühlten. Dazu gehörte der Gasthof Goldener Hirsch mit einer großen Bierhalle, die dem Hofbräuhaus ähnelte, oder der Gasthof Schwanen in der Friedrichstraße, wo sich alljährlich zum Namenstag des Wirtes Karl Schwarz alle „Karle“ trafen, weil es an diesem Tag für die Namensvettern Freibier gab. Zu dieser Kategorie gehörte auch der Gasthof Linde in der Hochstraße als Treffpunkt der Hofener. Auch dieses Haus wurde leider ein Opfer der Bombenangriffe und nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut.

Links von diesem Lindenbaum stand einst der Gasthof Linde in der Hochstraße 4. Der ursprüngliche Lindenbaum wurde beim Bombenangriff 1944 ebenso wie das Gasthaus Linde zerstört.
Links von diesem Lindenbaum stand einst der Gasthof Linde in der Hochstraße 4. Der ursprüngliche Lindenbaum wurde beim Bombenangriff 1944 ebenso wie das Gasthaus Linde zerstört. | Bild: Sammlung Ernst Haller

Da sich viele ältere Bewohner noch an dieses Gasthaus erinnern, sei hier seine wechselvolle Geschichte beschrieben. Baptist Margraf meldete im Jahr 1869 dem Oberamt Tettnang den Bau einer Gaststätte im Friedrichshafener Stadtteil Hofen an. In Hofen gab es seit 1825 nur den Gasthof Löwen, der aus der ehemaligen Klostertaverne hervorgegangen war. Der als Neubau geplante Gasthof Linde sollte an der damaligen Zollgasse, der späteren Hochstraße, entstehen. Zunächst aber lehnte die Behörde einen neuen Gasthof wegen fehlenden Bedürfnisses ab. Margraf baute trotzdem und bekam nach mehreren Eingaben schließlich doch die Wirtschaftsberechtigung.

Ernst Haller hat die "Häfler Geschichte(n)" aufgezeichnet.
Ernst Haller hat die "Häfler Geschichte(n)" aufgezeichnet. | Bild: Brigitte Geiselhart

Als Margraf 1878 verstarb, heiratete seine Witwe Josef Dimmler. Beide bewirteten die Linde, bis sie 1882 den Gasthof an Ferdinand Welte verkaufen mussten. Welte verkaufte 1905 den Gasthof weiter an Ottmar Eisele. Dieser ging schon 1907 mit dem Anwesen Konkurs. Bei der Versteigerung gab das Bürgerliche Bräuhaus Ravensburg mit 16 500 Mark das höchste Angebot ab und kam so in den Besitz der Linde. Die Wirtschaft wurde von der Brauerei danach an Eduard Gresser verpachtet. Schon 1909 wurde die Linde an die ledige Elise Flur weiterverpachtet, sie erhielt auch die Konzession für die Bewirtung. Sie heiratete 1910 den bei ihr angestellten Kellner Martin Pächter. Infolge ehelicher Zwistigkeiten verwies Pächter seine Ehefrau Elise aus dem Haus. Diese zog daraufhin zu ihrer Schwester in die Nachbarschaft.

Lageplan des Gasthofs Linde in Hofen um das Jahr 1900.
Lageplan des Gasthofs Linde in Hofen um das Jahr 1900. | Bild: Samlung Ernst Haller

Der Ehemann hatte allerdings in diesem Fall die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Diese meldete der Behörde am 1. Januar 1914, dass ein gewisser Martin Pächter die Linde bewirte, ohne dafür eine Konzession zu haben. Das Lokal wurde daraufhin von der Polizeibehörde geschlossen. Zwei Monate später verständigten sich die Eheleute wieder. Elise Pächter wurde wieder Wirtin in der Linde und ihr Mann musste nun außerhalb übernachten. Elise Flur, inzwischen geschieden, verpachtete 1926 den Gasthof an den Wirt Fritz Mebold. Als dieser 1931 zum Hotel Hecht wechselte, bekam Tochter Klara Flur die Linde. 1934 übernahm die Brauerei Leibinger aus Ravensburg den Gasthof Linde vom Bürgerlichen Bräuhaus in Pacht und gab ihn in Unterpacht an Josef Feuerstein, einem Wirt aus Oberdorf bei Biberach. Für ihn betrug die Pacht für den Gasthof 7 Reichsmark je bezogenem halben Liter Bier.

1944 wurde die Linde durch einen Bombenangriff zerstört, die Trümmer lagen noch 1945.
1944 wurde die Linde durch einen Bombenangriff zerstört, die Trümmer lagen noch 1945. | Bild: Sammlung Ernst Haller

Weil das Haus 1935 nach 70 Jahren in keinem guten Zustand mehr war, kam es zu verschiedenen Beanstandungen durch die Behörde. Feuerstein bemühte sich, die Mängel zu beheben. Er schrieb im November 1935 an das Oberamt, dass in seinem Keller 7000 Liter Wein lagere, welcher gerade gäre, deshalb könne der Keller zur Zeit nicht „geweissnet“ werden.

Am 18. Juli 1938 kam es zu einer heftigen Beschwerde eines Gastes, der bei der Polizei eine Anzeige wegen Ungeziefers in den Zimmern der Linde machte. Er schilderte: „Nachdem im Gasthof Rebstock alle Zimmer schon belegt waren, war ich gezwungen, im Gasthaus zur Linde ein Zimmer zu mieten. Ich bezahlte 1 RM für das Zimmer Nr. 7. Als ich mich gegen 23 Uhr zur Ruhe legte, bemerkte ich bald darauf Stiche im Oberarm. Als ich das Licht einschaltete, bemerkte ich mehrere Wanzen im Zimmer. Leider gelang es mir nicht, eine davon festzuhalten, um sie hier als Beweis vorzulegen. Ich bin daraufhin in das Wirtschaftslokal gegangen und habe den Wirt gebeten, mich dort auf einer Bank übernachten zu lassen. Damit war der Wirt aber nicht einverstanden, er bezahlte den Zimmerpreis zurück und wies mir die Türe, sodass ich gezwungen war, die Nacht im Freien zu verbringen.“

Zwei Tage später wurden im Gasthof Linde die Fremdenzimmer von der Polizei einer Kontrolle unterzogen. In einem Protokoll steht zu lesen: „Im Gasthof Linde nächtigen meist Wanderer, Hausierer und Dergleichen." Aus diesem Grund seien die niederen Preise von 0,20 bis 1 RM pro Bett verzeichnet. Es sei hier allgemein bekannt, dass in der Linde häufig Wanzen bemerkt werden. Schon die früheren Wirte hätten gegen die Wanzenplage gekämpft. Die Zimmer seien den Preisen entsprechend in Ordnung befunden worden. Das Wirtschaftslokal sei ebenfalls in gutem Zustande. Die Betten für 0,20 RM pro Nacht befänden sich unter dem Dach und es stünden sieben Stück in einem Raum. Wirt Feuerstein habe das erneute Auftreten von Wanzen seiner Brauerei, die Verpächter des Gasthauses sei, gemeldet. Von dort solle in nächster Zeit Abhilfe geschaffen werden.

Nach dem Ausscheiden von Feuerstein verpachtete die Brauerei Leibinger 1940 die Linde an Julius Metzler, der das Haus mit zwölf Fremdenzimmern, drei Wirtschaftsräumen und einem Biergarten bis zu dessen Zerstörung durch einen Bombenangriff am 21. Juni 1944 führte.

.Alle Teile der Serie "Häfler Geschichte(n)" von Ernst Haller im Internet:www.sk.de/exklusiv