Friedrichshafen – Als Pfarrer (1869-1884) und Gründer der ersten Winzergenossenschaft in Baden, aber auch als Heimatschriftsteller, hat sich Heinrich Hansjakob in Hagnau große Verdienste erworben. Weil er ein intellektueller Denker und Freigeist war, zog es ihn aber immer gerne aus dem engen Hagnau in den benachbarten „Haffe“. In diesen Jahren hatte der König von Württemberg seinen Sommersitz dort eingerichtet und der Duft der großen weiten Welt zog ein.

Besonders imponierte Heinrich Hansjakob dort das 1872 eingeweihte neue Kurhaus am See. Da es in Hagnau zu dieser Zeit keinen Metzger gab, ließ er sich – zweimal in der Woche und in der Winterszeit einmal – Fleisch und die guten Bratwürste vom Metzger Schaffmayer per Schiff aus dem „Haffe“ kommen – für sich und seine Schwester. Am liebsten ging er aber selber in den „Haffe“, um sich mit seinen Amtskollegen, wie dem gelehrten Pfarrer Sambeth aus Ailingen, dem feinen Zembrodt aus Schnetzenhausen und dem kleinen, dicken Schöttle aus Schnetzenhausen beim Stammtisch im Gasthof „Dreikönig“ in der Wilhelmstraße zu treffen. Diese Besuche nutzte er gleichzeitig, um wieder seinen Bedarf an Fleisch und andern Kolonialwaren einzukaufen. Als er sich mit dem Schiff auf den Heimweg machen wollte, kam es des Öfteren vor, dass ihm der Kapitän in Friedrichshafen erklärte, dass er wegen Sturm in Hagnau nicht landen könne. So blieb dem braven Pfarrer nichts anderes übrig, als sich zu Fuß auf den drei Stunden langen Heimweg zu machen.

Bei schlechtem Wetter oder im Winter suchte er daher den jungen Bauer Johann Frey in Hofen auf, der ihn dann für 3 Mark mit der Kutsche oder im Winter mit dem Schlitten nach Hause fuhr. Den Schimmel, den Frey immer anspannte, beschreibt Hansjakob aber als ausgesprochen schlau und eigensinnig, denn sobald sie Fischbach passiert hatten und es dem Badischen zuging, versuchte er, um jeden Preis beim Grenzpfahl am Lipbach umzukehren. Wollte ihn dann der Kutscher strenger anfassen, so sprang er von der Straße ab und lief querfeldein. Dieses Manöver führte er gerne im Winter und am Schlitten aus, wobei er Kutscher und Pfarrer in den Schnee warf. Während der „Johannes“ den Schlitten wieder aufrichtete und auf die Straße brachte, suchte Hansjakob sein Fleisch, das als Mittagessen für die ganze Woche gedacht war, im Schnee zusammen.

Zu der Ursache muss man wissen, dass Pferde gerne vor Brücken scheuen. Schuld war also nicht das Schild „Ende Königreich Württemberg“, sondern die dortige Brücke über den Lipbach. Möglicherweise hat der Pfarrer sogar geschimpft, wenn er auf Fischbacher Gemarkung aus dem Schnee krabbeln musste, aber der Gemeinde wird er dies kaum angelastet haben. Kontakt zu Fischbach hatte er in diesen Jahren über den Fischbacher Pfarrer Franz Josef Ströbele (1859-1890) der auch zu seiner geistlichen Stammtischrunde gehörte. Er beschreibt Ströbele als einen ernsten, frommen Pfarrer, der sich vor einem halben Jahrhundert vorgenommen habe, nur auf eine Pfarrei zu gehen und dort ein Leben lang zu bleiben. Er führte diesen Vorsatz aus und blieb, obwohl er in einer Gemeinde wirkte, in der die Männer lieber ins Wirtshaus, so Hansjakob, als in die Kirche gingen.

Bei dieser Bemerkung unterschlug Hansjakob, dass in Hagnau die Rebleute zwar mehr in die Kirche gingen, zu Hause und in den Gasthöfen dem Rebensaft aber nicht minder zusprachen.

Während sich Hagnau und Immenstaad als Winzerdörfer ähnlich waren, gab es zu Fischbach einen großen Unterschied. Im Gegensatz zu den vorgenannten Rebdörfern betrieben die Landwirte in Fischbach Ackerbau und Viehzucht und nur im Nebenerwerb den Weinbau. Während die ärmeren Winzer in den Weinorten nur eine Kuh oder einige Ziegen halten konnten und in schlechten Weinjahren, und deren gab es viele, kaum ein Einkommen hatten, konnten die Fischbacher Bauern immer etwas vom Hof verkaufen.

Es wird wiederholt in Fischbach kolportiert, Heinrich Hansjakob habe sich nachteilig zu Fischbach geäußert. Tatsächlich findet sich in seinem Werk „Schneeballen vom Bodensee“ die Bemerkung, dass Fischbach der ödeste Ort und Immenstaad dagegen der schönste Ort am Bodensee sei. Nun muss man wissen, dass er diesen Text in Freiburg rund zehn Jahre nach seiner Zeit in Hagnau aus den Erinnerungen heraus geschrieben hat. Natürlich hatten auch die Hagnauer wenig Freude an dieser Feststellung. Dass die Fischbacher dies dem verdienstvollen Hagnauer Pfarrer nicht übel genommen hatten, beweist die Tatsache, dass die Stadt Friedrichshafen sogar eine Straße in Fischbach nach ihm benannt hat.

 

Zur Person

Ernst Haller, 1938 in Ravensburg geboren, lebt seit 1943 in Friedrichshafen. Viele Jahre war er Geschäftsführer der Messe Friedrichshafen. Er ist langjährige Elferrat und Ehrenmitglied des Vereins zur Pflege des Volkstums. Sein Interesse für Heimatgeschichte verstärkte sich nach dem Ende seiner beruflichen Karriere. Heute ist er Vorsitzender des Geschichtsvereins Fischbach. Er ist Autor mehrerer Bücher: Fasnachtszeiten: Brauchtum von Buchhorn bis Friedrichshafen (1997), Die Geschichte des Weinbaus in und um Friedrichshafen (2005), Mühlen in und um Friedrichshafen (2010), Heimatbuch Fischbach (2014) und Alte und vergangene Gasthöfe in und um Friedrichshafen (2016). 2014 erhielt Ernst Haller den Ehrenbrief der Stadt Friedrichshafen, im Juni 2016 wurde er mit dem Kulturpreis der Kunst- und Kulturstiftung des Bodenseekreises ausgezeichnet. Im SÜDKURIER schreibt Ernst Haller in der Reihe „Häfler Geschichte(n)“ über heimatgeschichtliche Themen in und um Friedrichshafen.