"Friedrichshafen, das ist der beste Platz auf der Welt. Das hat Augusto immer gesagt", erzählt Ivan Bottecchia, derzeitiger Inhaber des Eiscafés Italia. Augusto Pra Mio, am 15. September 1915 in Zoldo Alto geboren, war der Gründer und 35 Jahre lang auch Inhaber des bis heute weit bekannten Eiscafés an der Häfler Seestraße. Der Italiener brachte das Eis nach dem Krieg in die Zeppelin-Stadt. Der Weg dahin war nicht einfach, weiß Bottecchia.

In den 1930er Jahren verschlug es Augusto Pra Mio aus dem Val di Zoldo gemeinsam mit seinen Brüdern nach Saarbrücken, um dort, wie die meisten Bewohner aus dem Zoldo-Tal in den Dolomiten, als Speiseeis-Verkäufer zu arbeiten. Die Brüder machten ein gutes Geschäft, bis 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Augustos Brüder kehrten mit ihren Familien nach Italien zurück. Nicht so Augusto. "Seiner Ansicht nach gab es immer Bedarf an Eis", erinnert sich Ivan Bottecchia, der vor fünf Jahren als Pächter das Eiscafé Italia übernahm. Genau wie Augusto stammt er aus dem Zoldo Alto, das Haus seiner Familie liegt direkt gegenüber dem der Pra Mios.

Von Saarbrücken an den Bodensee

1942, mit dem Beginn der Bombenangriffe auf Saarbrücken, verließ Augusto die Industriestadt und zog, bepackt mit seiner Eismaschine, in Richtung Berlin und von dort in Richtung Dresden, genauer nach Delitzsch, 130 Kilometer entfernt von der sächsischen Hauptstadt. Beim Besuch der dortigen Apotheke traf er auf Liselotte Kötsch, die später seine Ehefrau werden sollte. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Von da an verbrachte er jede freie Minute in der Apotheke", erzählt Bottecchia schmunzelnd.

1947 heirateten die Deutsche und der Italiener, im nachkriegsgebeutelten Deutschland ohne große Feier. Die Bedingungen für die Eisproduktion waren ebenso schlecht. Als 1949 die DDR gegründet wurde, verließ das Ehepaar Delitzsch, das auf dem Gebiet des neuen Staates lag.

Dass das Paar nach Friedrichshafen kam, verdankt die Stadt ihrer Lage. Ein befreundeter Eismacher aus der Heimat, der 1952 das bis heute bestehende "Lazzarin" in Freiburg eröffnete, erzählt von der schönen Stadt, die auf dem Weg von Zoldo nach Freiburg lag. "Das ist eine tolle Lage, da musst du ein Eiscafé aufmachen, hat er gesagt", erzählt Bottecchia. Gesagt, getan. 1949 zogen Liselotte und Augusto in die Zeppelin-Stadt. Der Pachtvertrag zwischen der Familie Rommelspacher, den Besitzern des Gebäudes an der Seestraße 10, die selbst ein Café führten, und den Pra Mios, wurde mit Handschlag geschlossen.

Der Eis-Boom erreicht Deutschland

Es folgten vier Jahre des Auf- und Umbaus. Die erste Zeit sei nicht einfach gewesen in der vom Krieg völlig zerstörten Stadt, weiß Bottecchia aus den Erzählungen der Pra Mios. Die Leute hatten wenig Geld, die Uferpromenade war noch keine Flaniermeile. Erst Ende der 1950er Jahre, als das Wirtschaftswunder den Bodensee erreichte, wendete sich das Blatt für das deutsch-italienische Ehepaar. "Da setzte der Eis-Boom in Deutschland ein", weiß Bottecchia. Überall im Land sprossen die Eisdielen wie Pilze aus dem Boden der jungen Republik. Sechseinhalb Monate, so lange dauerte damals die Saison, verkauften die Pra Mios ihr selbstgemachtes Eis nach Familienrezept.

Die Auswahl der Sorten war damals geringer als heute: Schokolade, Vanille, Stracciatella, Haselnuss, Zitrone und Erdbeere. "Damals waren die Geschmacksrichtungen auf das beschränkt, was es an Zutaten direkt in der Region zu kaufen gab", erzählt Bottecchia. Eine Kugel Eis in der handgemachten Waffel kostete damals zehn Pfennige. Auch Kaffeespezialitäten gingen über die Theke.

1988, nach 35 Jahren, übergaben die Pra Mios das Geschäft an die Familie de Toni, ebenfalls aus dem Val di Zoldo, dem Tal der Eismacher in den Dolomiten. Die Bande nach Friedrichshafen blieben jedoch eng. "Augusto und Liselotte kamen jedes Jahr zurück, um Freunde zu besuchen", erzählt Bottecchia. Das Haus des Ehepaares im Zoldo-Tal ist voll von Bildern ihres Lebens am Bodensee. "Es gibt keinen Raum, in dem nicht mindestens ein Foto von Friedrichshafen hängt, vom Keller bis zum Dachboden", berichtet der jetzige Café-Besitzer. Vor einigen Jahren verstarb Augusto. Seine Frau Liselotte lebt bis heute gegenüber der Familie Pra Mio. "Ich bringe ihr oft Kreuzworträtsel mit und erzähle, was sich in Friedrichshafen alles abspielt – das interessiert sie bis heute", erzählt Bottecchia. 2011 übernahm er mit seinem Partner Alan Piai das Italia.

Val di Zoldo: Das Tal der Gelatieri

Versteckt zwischen den Bergen im südöstlichen Teil der Dolomiten befindet sich das Val di Zoldo, das Zoldo-Tal. Die drei Ortschaften Forno di Zoldo, Zoldo Alto und Zoppe di Cadore sind die Heimat der meisten in Deutschland arbeitenden italienischen Eisdielen-Besitzer, wie den Pra Mios, den de Tonis oder den Bottecchias. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mit der Erfindung der Eismaschine, zogen große Teile der Bevölkerung nach Wien und von dort nach ganz Europa, um ihr Eis zu verkaufen. "Im Sommer waren oft nur noch die Alten und die Kinder da. Der Rest war in Deutschland und verkaufte Eis", erinnert sich Ivan Bottecchia. In den Schulferien zogen die Kinder nach und verbrachten den Sommer in Deutschland – weshalb die meisten von ihnen schon früh Deutsch sprachen. Bis heute kommen etwa drei Viertel der italienischen Eisdielen-Besitzer in Deutschland aus dem Val di Zoldo. Seit 1959 findet im Tal eine der größten Fachmessen für Speiseeis statt, 1969 schlossen sich die Zoldo-Tal-Bewohner in der "Union der italienischen Speiseeishersteller in Deutschland“ zusammen. (jel)