Mensch, Rainald Grebe, eigentlich müsste man Ihnen so richtig böse sein. Wegen Ihres Thüringen-Liedes. Andererseits … Vielleicht wäre auch ein Dankeschön angebracht? Weil sich zwischen den Zeilen ja wunderbar herauslesen lässt, wie toll Sie das Bundesland in der Mitte Deutschlands finden. Oder „das Land ohne Prominente“, wie Sie es (liebevoll?) nennen. Na ja, ein paar bekannte Persönlichkeiten gibt‘s da schon. Clueso zum Beispiel und Yvonne Catterfeld, um mal in Ihrem musikalischen Umfeld zu bleiben. Sie singen dann noch, Thüringen sei eines von den schwierigen Bundesländern, „denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen“. Nun ja – immerhin Sie kennen‘s ja. Und gerade jetzt, in genau diesem Augenblick, werden es wieder ein paar mehr. Sogar der gute Goethe kannte Thüringen schon und „ist extra außem Westen hergezogen“, wie Sie immerhin zugeben.

Der Geheimrat war in Thüringen so viel unterwegs, dass es wirklich eine Kunst ist, überhaupt einen Ort zu finden, an dem er nicht wenigstens einmal war. In der ehemaligen Residenzstadt Rudolstadt (ganz wichtig: ohne F) zum Beispiel ist das praktisch nicht möglich – immerhin war es dort, wo sich Goethe und sein Kollege Schiller zum ersten Mal trafen. 1788 war das, für jeden Rudolstädter eine Jahreszahl, die unbedingt zur Allgemeinbildung gehört. Die Autorin dieses Textes weiß, wovon sie spricht. Rudolstadts Herz schlägt mehr für Schiller als für Goethe und nennt sich „Schillers heimliche Geliebte“, zumindest wirbt die 23 000-Einwohner-Stadt an der Saale so um das Wohlwollen der Touristen. Dem Dichter – also Schiller – wird ein Satz zugeschrieben, den jeder Einheimische gesagt haben könnte: „Die Gegend um Rudolstadt ist außergewöhnlich schön.

“ Was Besucher – Schillers Beispiel folgend – hinzufügen könnten, ist ein reumütiges: „Ich hatte nie davon gehört und bin sehr überrascht worden.“ Ein Originalzitat übrigens.

Was ist so überraschend an der kleinen Stadt? Die Menge von Sehenswürdigem, die auf einer Fläche von 55 Quadratkilometern zu finden ist (zum Vergleich: Berlin hat eine Fläche von 892 Quadratkilometern). Da wäre die idyllische Altstadt, die sich zwar mit ihrer Mischung aus Alt und Neu teilweise wenig von anderen Innenstädten unterscheidet, aber doch genug Individuelles zu bieten hat, um in Erinnerung zu bleiben. Das kleine, aber sehr feine Theater, an dem auch Johann Wolfgang von Goethe als Intendant wirkte. Der Heinrich-Heine-Park (mit dem Freilichtmuseum Thüringer Bauernhäuser), noch idyllischer als die Altstadt, weil selbstverständlich um einiges grüner und auch noch an der Saale gelegen. Die Villa des Fabrikanten Friedrich Adolf Richter, aus dessen Unternehmen die legendären Ankersteinbaukästen stammen (das Lego des 19. Jahrhunderts), die heute wieder hergestellt werden. Und, nicht zu vergessen, die Heidecksburg, das prächtige Barockschloss, das über der Stadt thront. Ein bisschen überdimensioniert, wenn man ehrlich ist, aber immerhin war die Stadt einmal der Hauptsitz der nicht unbedeutenden Linie Schwarzburg-Rudolstadt.

Der große Vorteil, den Rudolstadt hat, ist die Lage im grünen Herzen Deutschlands. Grün? Ja, grün, denn der Wald nimmt 33 Prozent der Gesamtfläche ein. Das ist eine Menge. Schon beim Blick auf die Deutschlandkarte lässt sich nicht leugnen, dass Thüringen mittig liegt. Im Freistaat wiederum liegt Rudolstadt zentral. Man kann also auch schnell mal weg, Großstadtluft schnuppern in Jena oder Erfurt, das historisch noch viel bedeutsamere Weimar besichtigen, Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung machen – Möglichkeiten gibt es genug, um auch einen mehrwöchigen Urlaub ohne einen Tag der Langeweile zu verbringen. Selbst Schiller, der im legendären Sommer 1788, den er in Rudolstadt mit seiner späteren Frau Charlotte von Lengefeld und deren verheirateter Schwester verbrachte, kam aus der Stadt eigentlich gar nicht heraus. Die Inspiration für das „Lied von der Glocke“ soll er in der hiesigen Stadtkirche St. Andreas bekommen haben. Die zwölf Kilometer lange Wanderung auf Schillers Spuren führt dort vorbei. Zwölf Kilometer sind für einen waschechten Thüringer nichts, denen liegt das Wandern im Blut. Und in Rudolstadt macht es erst recht Spaß, weil die Höhenmeter überschaubar sind.

Der Thüringer an sich ist – auch wenn er hin und wieder eigenbrötlerisch erscheint -, durchaus offen. Die Rudolstädter erst recht. Das könnte am größten deutschen Weltmusikfestival liegen, das seine Wurzeln in der tiefsten DDR hat. Und hilfsbereit ist der Thüringer sowieso. Ihn nach dem Weg zur besten Bratwurst-und-Rost-brätel-Stand zu fragen, sollte überall von Erfolg gekrönt sein. Weil: Ihre Bratwurst, die ist den Thüringern heilig, auch wenn zwei Drittel nicht mal einer Religionsgemeinschaft angehören. Das weiß übrigens auch Rainald Grebe, der singt: „Und die Männer wollen im Stillen nur raus in den Garten und grillen.“

Nicole Rieß ist Redakteurin im Ressort Leute und Kultur. Egal, wie schön es anderswo ist: Nur in Thüringen, und ganz besonders in Rudolstadt, schlägt ihr Herz ganz hoch.

 

10 Tipps rund um Rudolstadt

1. Deftiges: Gleich nach der Bratwurst kommt bei den kulinarischen Thüringer Spezialitäten der Kloß. Dem hat die Kloßmanufaktur in Heichelheim bei Weimar eine Erlebniswelt gewidmet – unter anderem mit einer riesigen Kugelbahn, die die Kloßherstellung zeigt. Statt Bällebad gibt‘s für die Kleinen eine Kloßkiste. Für die Großen den begehbaren Kloß und, klar, den Werksverkauf.

2. Süßes: Zwei Spezialitäten, die schon in der DDR beliebt waren, kommen aus dem schönen Schmalkalden, Vita-Cola und Viba-Nougat. Letzteres kann man sich in der Nougat-Welt (ansässig in der Nougat-Allee 1, wo sonst) mit Zutaten nach Wahl in Form pressen lassen, wenn das Naschen am Nougatbrunnen nicht ausreicht.

3. Dunkles: Mit 7916 Metern (westliche Röhre) bzw. 7878 Metern (östliche Röhre) ist der 2003 eröffnete Rennsteigtunnel der längste Straßentunnel Deutschlands. Er ist Teil der Autobahn A 71 Erfurt–Schweinfurt und liegt zwischen den Anschlussstellen Gräfenroda und Oberhof. Die 200 Millionen Euro teuren Röhren unterqueren den Rennsteig. Schneller als 80 Kilometer pro Stunde sollte man darin nicht fahren – es sei denn, man hofft auf ein kostenpflichtiges Erinnerungsfoto.

4. Hohes: Im Thüringer Wald bei Ilmenau steht der 861 Meter hohe Kickelhahn – lange nicht die größte Erhebung, aber sicher eine der schönsten. Vor allem einer der kulturgeschichtlich bedeutsamsten. Denn, wie sollte es anders sein, auch Goethe war (mehrfach) hier. Nicht weit vom Gipfel entfernt steht das Goethehäuschen, ursprünglich eine Jagdunterkunft. 1783 soll Goethe hier das Gedicht „Wandrers Nachtlied“ auf die Bretter über einem Fenster geschrieben haben. „Über allen Gipfeln ist Ruh …“

5. Buntes: Wer seinen Besuch trotz der verlockenden Angebote noch ein wenig aufschieben kann, sollte bis Ostern warten – dann gibt es in der Nachbarstadt Saalfeld nämlich etwas ganz Besonderes, den Ostereierbaum. Der stand ursprünglich in einem Garten, inzwischen wird im Schlosspark geschmückt. 10 000 Eier kommen dabei zum Einsatz, keins ist wie das andere.

6. Märchenhaftes: Ebenfalls in Saalfeld, aber unter Tage, befindet sich ein Märchenreich – die Feengrotten, in denen früher nach Mineralen und Alaunstein geschürft wurde. Heute stehen sie als farbenreichste Grotten der Welt im Guinnessbuch der Rekorde. Gesund ist die Luft dort unten auch. Und der Nachwuchs kann sich nach dem Abstieg im Feenweltchen vergnügen. 7. Schräges: Die gefahrene Strecke beträgt zwar gerade mal 1,351 Kilometer, und mit Tempo 30 ist die Oberweißbacher Bergbahn nicht gerade eines der schnellsten Schienenfahrzeuge, aber die Standseilbahn überwindet dabei einen Höhenunterschied von 323 Metern. Höhenangst sollte man nicht haben – es wäre schade um den Ausblick über das Thüringer Schiefergebirge.

8. Historisches: Das Herz jedes geschichtlich Interessierten dürfte in Schwarzburg höher schlagen. Denn es war Fürst Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als letzter deutscher Monarch abdankte. Sein barockes Schloss ist heute mehr Ruine als Touristen-Attraktion, wird derzeit jedoch saniert. In Paulinzella hatte der Fürst ein Jagdschloss, die beeindruckendere Sehenswürdigkeit dort ist die romanische Klosterruine.

9. Sportliches: Wandern ist in Thüringen Nationalsport – nach Schwarzburg führt ein herrlicher Weg durchs wild- romantische Schwarzatal. Oder wie wäre es mit einer Wanderung entlang der Thüringer Porzellanstraße, auf der man gleich noch etwas über die Tradition der Porzellanherstellung lernen kann? Wer trainiert ist, kann sich an den Rennsteig wagen: Der 170 Kilometer lange Kammweg zwischen Eisenach und Blankenstein ist mit 100 000 Wanderern jährlich der meistbegangene Weitwanderweg Deutschlands.

10. Erholsames: Nach all der Aufregung darf es etwas ruhiger sein, und dafür bietet sich Bad Blankenburg an, einer der ältesten Kurorte Thüringens und die Stadt, in der Friedrich Fröbel den ersten Kindergarten gründete. Die Stadt hat mildes Klima, klare Luft und eine Mineralquelle, die Linderung bei Magenschmerzen verspricht..

Über Rudolstadt thront die Heidecksburg (oben). In der Stadt hat Friedrich Schiller viele Spuren hinterlassen, weshalb man gern an ihn erinnert (links). Im Zentrum ist alte Bausubstanz erhalten geblieben. Bilder: Fotolia – S.Alias, Fotolia – Jörg Hackemann, dpa