Wohl niemand hat den Charme des Ruhrgebiets so gut auf den Punkt gebracht wie der Sänger Herbert Grönemeyer. „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt“, beginnt das seiner Heimatstadt gewidmete Lied Bochum. Etwas weniger poetisch formulierte es der Ruhrpott-Kabarettist Frank Goosen in seiner unnachahmlichen Art: „Schön is es hier nicht, aber woanders is auch scheiße.“

Zwar ist das Ruhrgebiet tatsächlich nicht gerade die Côte d’Azur, doch unterschätzen sollte man die ehemalige Bergbauregion nicht – auch wenn sich der Ansturm von Touristen bisher noch in Grenzen hält. Attraktiv macht die Region vor allem an große Anzahl von großen Städten wie Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Bochum oder Dortmund, die direkt nebeneinander liegen und fließend ineinander übergehen. Stadtgrenzen erkennt man oft nur dadurch, dass die geparkten Autos am Straßenrand unterschiedliche Autokennzeichen haben. Mit über 5 Millionen Einwohnern ist das Ruhrgebiet der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgröße Europas.

Mehr Urbanität geht kaum, könnte man glauben. Doch tatsächlich ist das moderne Ruhrgebiet nicht grau, sondern grün. So sind über 10 Prozent der Fläche Essens und Bochums unbebaute Grünanlagen, Sportstätten oder Parks. Der Bergbau und die Industrie sind in den letzten Jahrzehnten immer stärker aus dem Stadtbild verschwunden. Aus Industrie ist Industriekultur geworden. Rund um nicht mehr aktive Hochöfen, Gasometer und Fördertürme befinden sich heute Museen und Freizeitzentren. Ein 400 Kilometer langer Radweg verbindet die Industriedenkmäler.

Zu den wichtigsten Erinnerungen an die industriellen Hochzeiten des Ruhrgebiets zählt das Unesco-Welterbe Zollverein in Essen. Das Steinkohlebergwerk, das bis 1986 noch aktiv war, beheimatet heute das Ruhr Museum, welches die Kulturgeschichte des Ruhrgebiets erzählt, und ein Design Museum. Außerdem finden dort regelmäßig Kulturveranstaltungen und Konzerte statt.

Ein weiterer Höhepunkt der Industriekultur-Route ist das Gasometer in Oberhausen, das 1988 stillgelegt wurde und heute die höchste Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas beheimatet. Noch bis zum Jahresende ist dort die Ausstellung „Wunder der Natur“ zu bestaunen. Nicht weniger beeindruckend ist der Landschaftspark Duisburg-Nord, ein 1985 stillgelegtes Eisen-Hüttenwerk. Heute ist das Industriegelände mit seinen Klettersteigen und Hochseilgärten zu einem Paradies für Kletterer geworden. Auch Taucher können in einem 13 Meter tiefen ehemaliger Gasbehälter der Hochofen-Anlage mit Schiffswrack und künstlichem Riff ihren Sport ausüben, ohne dafür in die Karibik fahren zu müssen. Sogar die Taucher der Polizei und Feuerwehr fahren zum Trainieren in den Landschaftspark. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt eine Lichtinstallation des Lichtkünstlers Jonathan Park das ehemalige Hochofenwerk in ein buntes Lichtermeer. Das Bergbaumuseum in Bochum und das Dortmunder U, welches früher der Union Brauerei gehörte und heute zwei Kunstmuseen beheimatet, sind ebenfalls einen Besuch wert.

Einen großen Schub bekam das Ruhrgebiet 2010, als Essen stellvertretend für die ganze über 50 Städte umfassende Region zur Kulturhauptstadt Europas wurde. Spätestens damals wurde einer breiten Öffentlichkeit bewusst, dass die Region nicht nur aus Industrieruinen, Schornsteinen und Autobahnen besteht, sondern sich zu einer modernen Kulturmetropole gewandelt hat. Folglich steigen seitdem Jahr für Jahr die Touristenzahlen, wenn auch von einem niedrigen Niveau kommend.

Doch nicht nur aus kulturellen Gründen lohnt sich ein Besuch im Ruhrgebiet. Auch der ganz besondere Menschenschlag, seine Sprache und sein eigenwilliger Humor sind wohl in Deutschland einmalig. So ist es kein Zufall, dass viele von Deutschlands besten Komikern aus dem Pott kommen: Helge Schneider kommt aus Mülheim an der Ruhr, Bastian Pastweka ist in Bochum geboren, Hape Kerkeling in Recklinghausen. Die Ruhrgebietler sind direkt, pragmatisch und bodenständig. Und so ist auch ihre Sprache. Grammatik gehört eher nicht zu ihren Stärken. „Ich wähl der Doris ihrem Mann seine Partei“ warb die SPD im Wahlkampf 2002 für Kanzler Gerhard Schröder. Zu den schönsten Begrifften des Ruhrgebietsdeutsch zählen „malochen“ (hart arbeiten), „meine Perle“ (meine Freundin), „Heiopei“ (ein wechselhafter, nicht charakterfester Mensch), „Kaventsmann“ (ein ungewöhnlich großer Gegenstand) oder die schlichte Aufforderung „Hömma“ (hör‘ mir mal zu), mit der man ein Gespräch beginnen kann. Nach diesem Ausflug in die Ruhrgebietssprache ist bei diesem Artikel aber leider Schicht im Schacht. Und keine Fisimatenten mehr!

 

6 Tipps rund ums Ruhrgebiet

1. Kemnader Stausee: Im Ruhrgebiet wird traditionell hart gearbeitet. Der Bergbau hat seine Spuren in der Mentalität der Menschen hinterlassen. Doch die Erholung darf trotzdem nicht zu kurz kommen. Und Möglichkeiten gibt es in der Region mehr als man denkt. Der Kemnader Stausee zum Beispiel, zwischen Bochum, Hattingen und Witten gelegen, eignet sich perfekt für die aktive Erholung. Der acht Kilometer lange Rundweg um den 1979 fertiggestellten Stausee ist bei Wanderern, Radlern und Inlineskatern gleichermaßen beliebt. Auch Wassersportler kommen dort auf ihre Kosten. Die Wasserqualität lässt aber leider zu wünschen übrig.

2. Westfalenpark: Auch der Westfalenpark mitten in Dortmund hat einiges zu bieten. Zahlreiche Gärten, Sportanlagen, Cafés und Restaurants machen den Westfalenpark zu einem beliebten Naherholungsgebiet. Unbedingt empfehlenswert: Der Aufstieg auf den 140 Meter hohen Floriansturm, dessen Aussichtsplattform einen Rundumblick über ganz Dortmund bietet.

3. Duisburg Marxloh: In dem berühmt-berüchtigten Duisburger Stadtteil haben 60 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Marxloh wird oft als Schmuddelviertel, No-Go-Area oder Ghetto bezeichnet. Andererseits hat Marxloh auch schöne Ecken. Die Weselerstraße mit ihren über 50 Brautmodengeschäften gilt bei Heiratswilligen als romantischste Straße Deutschlands. Und was die multi-kulturelle Vielfalt betrifft, können nur wenige Stadtteile außer Berlin-Kreuzberg mit Marxloh mithalten. Die Agentur „Urban Rhizome“ organisiert ganzjährig Städtetouren mit verschiedenen Schwerpunkten.

4. Auf den Spuren Schimanskis: Wohl kein Kommissar der Krimi-Serie Tatort kann beim Kult-Faktor mit Horst Schimanski mithalten. Obwohl sein vor Kurzem verstorbener Darsteller Götz George eigentlich aus Berlin kommt, hat der raubeinige Kommissar das Bild des Ruhrgebiets in ganz Deutschland geprägt wie kein zweiter. Die Agentur DU Tours bietet verschiedene Touren auf den Spuren des Kult-Kommissars durch den Duisburger Stadtteil Ruhrort, welcher der ersten Schimanski-Folge 1981 ihren Namen gab.

5. Castrop kocht über: Das Ruhrgebiet ist eigentlich nicht gerade als Feinschmecker-Hochburg bekannt. Doch für den Kenner bietet die Region die ein- oder andere Überraschung. Beim kulinarischen Stadtfest „Castrop kocht über“, das jeden Sommer in der der zwischen Bochum und Dortmund gelegenen 70000-Einwohner-Stadt Castrop-Rauxel stattfindet, kommen auch Gourmets auf ihre Kosten. Statt der von Herbert Grönemeyer besungenen Currywurst gibt es dort allerlei Köstlichkeiten der besten Gastronomen der Stadt, vom Scampispieß über eine gebratene Kalbsleber bis zur gebackenen Ente auf Nudeln. Und alles ist so portioniert, dass man die verschiedenen Gerichte an zwei oder drei Ständen probieren kann, ohne danach zu platzen. Als Nachtisch winken Mascarponecreme, Kaiserschmarrn oder gebackene Banane mit Honig.

6. Deutsches Fußballmuseum: Im Ruhrgebiet definieren sich viele Menschen nicht über ihren Beruf oder ihre Herkunft, sondern über ihren Lieblingsfußballverein – sei es Borussia Dortmund, Schalke 04 oder der VfL Bochum. So ist es folgerichtig, dass der Deutsche Fußballbund sein Museum mitten in Dortmund eröffnet hat. Dort gibt es unter anderem den Schuh zu bewundern, mit dem Mario Götze 2014 im WM-Finale das entscheidende Tor erzielte. Bis Januar 2017 läuft eine Sonderausstellung zu 50 Jahre Wembley, die sich dem erinerungswürdigen Finale zwischen England und Deutschland 1966 widmet.