Es gibt über ihn unzählige Anekdoten. Er wurde besungen, gebraucht und missbraucht – der Hermann. Heute gehört das Denkmal von Hermann dem Cherusker im Teutoburger Wald zu den bekanntesten deutschen Sehenswürdigkeiten. Als kriegerisches Monument in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Ernst von Bandel erbaut, streckt er seinen mit dem Schwert bewehrten Arm gen Westen – in Richtung des damaligen Erzfeindes Frankreich.

Eigentlich würde der Hermann, wie die Einheimischen ihn liebevoll nennen, heute also in die Mottenkiste der Geschichte gehören, zumal sein Standort falsch gewählt ist: Der mit seinem Denkmal gefeierte heldenhaften Kampf der Germanen gegen die Römer fand eher im niedersächsischen Bramsche statt. Dennoch ist das Hermannsdenkmal bei Jung und Alt beliebt. Hunderttausende pilgern Jahr für Jahr dorthin. Das hat weniger mit seiner Vergangenheit als mit dem großartigen Rundblick zu tun, der sich den Touristen am Fuß des Hermanns weit ins ostwestfälisch-lippische Land bietet.

Apropos Ostwestfalen-Lippe. Die Einheimischen haben sich lange mit diesem Wort-Ungetüm schwergetan. Schließlich wird den Westfalen nicht grundlos nachgesagt, stur zu sein. Und so wollten sie lieber gerne das bleiben, was sie waren: Ravensberger, Westfalen oder Lipper. Vor allem die letzteren verteidigen bis heute ihr eigenes kleines Fürstentum und nehmen billigend in Kauf, dass als Folge der Kleinstaaterei Lippe erst sehr spät an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde.

Mit nachhaltigen Folgen für die Industrialisierung. Bis heute wirkt die Beamtenstadt Detmold deshalb eher gemütlich und abgeschieden. Ein Pfund, mit dem die hier ansässige renommierte Hochschule für Musik übrigens wuchert: Nirgendwo sonst könne man sich so exquisit dem Studium der Musik widmen wie in dieser zurückgezogenen Idylle zu Füßen des Hermanns, heißt es.

Kriegerisch sind die Lipper übrigens nie gewesen wie schon das Lied von den "Lippischen Schützen" belegt, das gerne und oft zu fortgeschrittener Stunde in Freundeskreisen angestimmt wird. Die Schützen zogen zwar 1870 in den Krieg gegen Frankreich. Es war ihnen aber wichtiger, "den mitgebrachten Pickert aufzuessen" als zu kämpfen, und so kamen sie an die Front, "da tat der Krieg schon längst zu Ende sein".

Wenn es den Lipper in die große weite Welt hinauszieht, dann ist damit vor allem Bielefeld gemeint. Das rund 30 Kilometer entfernt liegende Oberzentrum der Region hat den Ruf, eine exzellente Einkaufstadt zu sein. Hier thront auf dem Kamm des Teutoburger Waldes die Sparrenburg – Wahrzeichen der Leinenstadt und einst wichtiger Kontrollpunkt an der Pforte zwischen norddeutscher Tiefebene und Ravensberger Land.

Bielefeld wurde durch die Textilindustrie groß und mit dem benachbarten Gütersloh zusammen finden sich hier heute die Namen zahlreicher renommierter Unternehmen von Bertelsmann über Miele bis zu Goldbeck Bau, Seidensticker oder Dr. Oetker. Letzteres hat Bielefeld den liebevollen Titel Puddingstadt eingebracht.

Bundesweit bekannt geworden ist die Leinenstadt aber durch den Bundesliga-Club, der den eingangs erwähnten Hermann (Arminius) in seinem Namen trägt: Arminia Bielefeld. Der Club ließ sich 1999 nach einem seiner zahlreichen Aufstiege in die 1. Liga nicht lumpen und kleidete seinen Namensgeber in ein überdimensionales Vereinstrikot aus 130 Quadratmeter blau-weißen Fahnenstoff.

Feiern können die Ostwestfalen, allerdings eher für sich und nicht so ausgelassen wie es vielleicht im Rheinland oder in Bayern üblich ist. Da kann es einem Neuankömmling in Ostwestfalen-Lippe schon einmal so ergehen wie weiland einem WDR-Journalisten aus Dortmund. Der gesellige Mann aus dem Ruhrpott verbrachte einen ganzen Abend mutterseelenallein in einer Kneipe ohne mit einem der zahlreichen Gäste ins Gespräch zu kommen. Das hätte im 100 Kilometer entfernten Pütt keine zwei Minuten gedauert.

Aber der Mann gehörte halt nicht dazu und was dem Süddeutschen sein Verein ist, ist dem Ostwestfalen seine Clique. Heute mag das etwas anders ein, schließlich sorgen zwölf Hochschulen in der Region dafür, dass viele junge Menschen aus der ganzen Welt nach Ostwestfalen-Lippe strömen. Außerdem verändern zahlreiche Stadtfeste wie das Lichterfest in Bad Oeynhausen oder der Leinewebermarkt in Bielefeld das Image vom spröden Ostwestfalen.

Daneben bieten alle größeren Städte Ostwestfalen-Lippes zahlreiche kulturelle Ereignisse und Museen, so das Martha in Herford oder das Freilichtmuseum in Detmold, die Kunsthalle in Bielefeld oder das Heinz Nixdorf Museum in Paderborn. Mit rund 6,6 Millionen Übernachtungen zieht Ostwestfalen-Lippe jährliche viele Menschen in die Urlaubsregion Teutoburger Wald, von der altehrwürdigen Domstadt Paderborn bis zum einmaligen Wasserstraßekreuz in Minden.

Geschichte, Kultur und Sport verbinden seit eh und je die Menschen. Das ist auch in Ostwestfalen-Lippe nicht anders. Ob es nun der Fußball oder der Handball ist, von beidem hat die Region viel zu bieten. Oder die Natur mit ihren zahlreichen Wanderwegen. Hier schließt sich der Kreis, denn jährlich gibt es nicht nur den großen Hermannslauf vom Denkmal in Detmold zur Sparrenburg in Bielefeld, sondern auch die Hermannhöhen. So heißt der ausgezeichnete Wanderweg, der sich durch die waldreichen Kämme des Teutoburger Waldes und Eggegebirges in einer Länge von 226 Kilometern hinzieht vorbei an Klöstern wie der Reichsabtei und dem heutigem Weltkulturerbe Kloster Corvey, vorbei an den Felsformationen der Externsteine bis zur Sparrenburg in Bielefeld.

Michael Schnurr ist Freier Journalist und Mitarbeiter des SÜDKURIER. Zu vorgerückter Stunde bezeichnet sich der Ostwestfalen als Beute-Lipper. Er wurde in Gütersloh geboren, wuchs in Detmold auf und studierte und arbeitete 35 Jahre lang in Bielefeld.

Neun Tipps für Ostwestfalen

1. Abtauchen: Wer nach Ostwestfalen-Lippe reist, muss einen Abstecher zum Alten Markt in Bielefeld machen. Das historische Zentrum der Stadt mit seinen alten Bürgerhausfassaden lädt vor allem am Samstag mit seinem prächtigen Blumenmarkt zum Verweilen in einem der zahlreichen Cafés ein. In ein wahres Blumenmeer können Gäste zur Blütezeit im Botanischen Garten in Gütersloh eintauchen. Mit seinen Wasserspielen, seinem Kräutergarten und großzügigen Beeten lädt dieser stille Ort zum Meditieren ein.

2. Essen: Es wäre vermessen, eines der zahlreichen Restaurants in Ostwestfalen-Lippe wegen seiner exquisiten Küche besonders hervorheben zu wollen. Es gibt sie in den Städten und auf dem Land und es wird alles gekocht von den deftigen westfälischen Gerichten bis zu internationalen Köstlichkeiten. Wer aber einem ganz besonderen Abend erleben will, bei dem ihm einmal die griechische Küche ganz anders als üblich begegnet, der sollte – mit Voranmeldung – ins Pallas Athene nach Bielefeld gehen.

3. Snacken: Bratwurst geht immer im Westfälischen. Aber ganz besonders schmeckt sie am Wochenmarktstand in Detmold. Wer Brathähnchen liebt, fährt nach Bielefeld an die Herforder Straße. Nirgendwo sonst gibt es derart leckere und saftige Hähnchen. Anstehen zur Feierabendzeit ist garantiert.

4. Einkaufen: Schon einmal von Gerry Weber gehört, oder von Brax oder von Seidensticker? Sie alle sind in Ostwestfalen zuhause und unterhalten hier auch ihre Outlet-Stores. Brax in Herford, Seidensticker in Bielefeld und Gerry Weber in Halle/Westfalen.

5. Ausgehen: Nachtschwärmer kommen in Ostwestfalen-Lippe jederzeit auf ihre Kosten. Rockgrößen machen vor allem im aus einem Dornröschenschlaf erweckten Lok-Schuppen Station oder im Gerry Weber Stadion in Halle/Westfalen. Der Jazzclub in Minden ist ebenso bekannt wie der Bunker Ulmenwall in Bielefeld.

6. Kultur: Klassikfreunde sollten nach Detmold fahren. Im Konzerthaus der Hochschule für Musik gibt es beinahe täglich Hochkarätiges zu hören. Schließlich versammeln sich hier die jungen Musiktalente aus aller Welt. Und die Oetkerhalle in Bielefeld überzeugt bis heute durch ihre exzellente Akustik. Das von Frank O. Gehry gebaute Herforder Museum Martha fällt nicht nur baulich, sondern auch durch seine innovativen Ausstellungen aus dem Rahmen. Ein besonderer Höhepunkt im Jahr ist der Carneval der Kulturen. Vor vielen Jahren aus Nottingham ins Ostwestfälische entführt, wurde der mehrstündige multikulturelle, farbenfrohe Umzug durch die Bielefelder Innenstadt zum Exportschlager. Heute tanzt auch die Hauptstadt Berlin zu den Klängen des Carnevals der Kulturen.

7. Tierisches: Wer Tiere liebt und Kinder für sie begeistern will, fährt in den Olderdisser Tierpark in Bielefeld oder zur Adlerwarte nach Berlebeck bei Detmold. Hier wie dort erleben Kinder und Familien einheimische Tiere in ihrem natürlichen Habitat und in Bielefeld sogar ganz ohne Eintritt.

8. Ausflüge: Das Freilichtmuseum in Detmold mit seiner großen Zahl von westfälischen im Original wieder errichteten Bauernhäusern entführt in die jüngere Geschichte Ostwestfalen-Lippes. Als Abstecher bietet sich ein Ausflug zum Donoper Teich oder zum Hermannsdenkmal an.

9. Besser nicht: Mit einem Lipper über den Namen Ostwestfalen-Lippe diskutieren. Er wird sich nie damit abfinden, dass ein Lipper gleichzeitig auch Ostwestfale ist. Das wäre so ähnlich, als würde man einem Badener erklären, er sei als Baden-Württemberger gleichzeitig auch Württemberger.