Jeder kennt die Stadt an der Ostsee. Jeder kennt die Heimat des Marzipans, das goldglänzende Holstentor, Logo von Niederegger, das überall dort zu finden ist, wo es Süßes gibt. Die weiß-klebrige Masse aus Mandeln, Puderzucker und Rosenwasser ist Lübeck – zumindest wenn man den Menschen Glauben schenken mag, die keine Lübecker sind. Die Reduzierung auf das süße Kalorienbömbchen wird Lübeck allerdings kaum gerecht – und nur, um das mal zurechtzurücken: Es gibt mehr Lübecker, die Marzipan ausschließlich für Freunde, Bekannte und Verwandte fern ab des lübschen (zu Lübeck gehörend) Lebensraums kaufen, als Lübecker, die es tatsächlich essen.

Lübeck ist so viel mehr als die Heimat des Marzipans: Wer einen Lübecker fragt, erfährt, dass Lübeck einst Königin der Hanse war, reichste Stadt im Mittelalter – heute steht die Stadt übrigens mit mehr als einer Milliarde Euro in der Kreide. Ein Lübecker ist stolz auf die Ostsee, auf Meeresrauschen, Salzluft, Sandstrand und Möwengekreische. Ein Lübecker ist stolz auf das Kopfsteinpflaster, das er täglich verflucht und das er mit seinem Leben verteidigt, sobald die Stadtobersten den Steinen an den Kragen wollen. Ein Lübecker ist stolz auf seine sieben Türme – die Stadtsilhouette, die Menschen überall auf der Welt vom Marmeladenglas aus grüßt.

Ein Lübecker ist stolz auf seine Nobelpreisträger: Thomas Mann, Schriftsteller der „Buddenbrooks“, „Doktor Faustus“ und „Der Zauberberg“; Günter Grass, streitbarer Autor von „Die Blechtrommel“, „Der Butt“, „Im Krebsgang“ und lyrischen Schriften wie „Europas Schande“; Bundeskanzler Willy Brandt: Ostverträge, Kniefall von Warschau, Träger des Friedensnobelpreises – ein Lübecker.

Lübecks größter Schatz aber ist die von Wasser umschlossene Altstadtinsel, seit 1987 Unesco-Welterbe. Giebelhäuser, Gassen, Gänge, Kirchen und 1800 denkmalgeschützte Gebäude bergen so viel Kultur, Geschichte, Charme und Stolz wie kaum eine andere Stadt. Jede Wasserwaage verzweifelt an der Lübecker Altstadt. Alles ist krumm und schief: Straßen und Häuser, Fenster und Treppen, Gänge und Dächer, das Holstentor und der Dom. Hinter zahlreichen Torbögen, die oft unscheinbar in die Häuserreihen der Altstadt geschlagen sind, verbergen sich Lübecks weit verzweigte Gänge – stille Oasen inmitten der Stadt, aber fern ab des städtischen Treibens, Orte zum Verweilen.

Lübeck ist auch eine Stadt der Sagen und Legenden. Um fast jedes alte Gemäuer der Altstadt ranken sich gleich mehrere Geschichten. Da wäre der Teufel von St. Marien. Er soll geholfen haben, die Kirche zu erbauen, weil er dachte, die Lübecker bauten ein Wirtshaus. Bis heute sitzt er vor dem Gotteshaus. Ebenfalls in St. Marien versteckt sich hinter dem Chor der Kirche eine kleine, von vielen missachtete Maus. Die Kirchenmaus ist eine Mahnung, dass aus kleinem Übel über Nacht großes Unglück entstehen kann. Wer ihr steinernes Abbild berührt, dem bringt das Glück. So heißt es.

Immer mit Gegenwind

Je weiter die Menschen in den Norden fahren, desto flacher wird das Land, steifer die Brise. Die Region rund um Lübeck lädt ein zu Wanderungen und Radtouren. Aber Achtung: Es hat schon so manchen sturmerprobten Norddeutschen in verzweifelte Wutausbrüche getrieben, die unsichtbare Wand aus Wind zu durchbrechen. Im Gegensatz zu den Bergen geht es auf der anderen Seite nicht wieder herunter, es ist kein Ende in Sicht, der Wind weht ständig aus allen Richtungen und auf dem Rückweg weht er einem immer noch entgegen. In Lübeck und an der Ostsee gilt: Egal, in welche Richtung jemand fährt, es ist immer Gegenwind. Und dieser Wind pustet Wolken in einem Tempo über den Himmel, dass man bei jedem Strandbesuch mehr im Schatten liegt als in der Sonne. „Kann man nichts machen, is halt so“, sagt der Norddeutsche, rümpft die Nase und geht in die Ostsee. Wer auf blauen Himmel, durchgehend Sonne und plus 36 wartet, wartet an der Ostsee ein ganzes Leben lang.

Das erklärt wohl auch das sonnige Gemüt des Lübeckers... Ironie aus. Aber so miesepetrig wie den Norddeutschen nachgesagt wird, sind sie gar nicht. Der Lübecker in seiner schroffen, pragmatischen, wortkargen Art ist ein sehr herzlicher Mensch. Zur Begrüßung umarmt er seine Freunde, er ist offen und vertrauensvoll, fremde Menschen duzt er, bevor er sie siezt. Seine Herzlichkeit versteckt der Lübecker meist hinter einer undurchdringlichen Schale aus Sarkasmus, Ironie und unverhohlener Ehrlichkeit. Das Wichtigste in Lübeck: Man muss über sich selbst lachen können.

Wahlgetränk der Lübecker ist Bier – im Mittelalter (ja, früher war alles besser) war Lübeck die Stadt mit der höchsten Dichte an Brauereien, heute hält noch eine einzige Brauerei die Fahne tapfer im Wind – ein herbes Pils, Flensburger, Holsteiner, Jever oder Becks. Süß oder sauer („is denn schon wieda Helloween?“) oder ein Radler („ein Radfahrer, ob das schmeck?“) gibt‘s in Lübeck nicht, nur Alster oder Alsterwasser – und wie Wasser wird Alkohol in Lübeck genossen: nicht Glas schwenken, riechen, nippen, Wasser trinken, nippen, Wasser trinken – „nö, nich lang schnaggen, Kopp in Naggen“, ist das norddeutsche Motto.

Was die Sprache betrifft, liegt die Hansestadt irgendwo zwischen hannoverschem Hochdeutsch und Flensburger Platt. So genau ist das nicht zu sagen. Sicher ist, die Lübecker begrüßen sich morgens, mittags und nachts mit einem norddeutschen „Moin“ – eine sich ständig wiederholende Stellungnahme, die jedem klarmacht: „Hey, ich bin Fischkopf und stolz drauf!“ – und irgendwie den ganzen lübschen Charakter in sich vereint: guten Tag, guten Abend, guten Morgen, hallo, wie geht‘s dir, wo kommst du her, wie ist die Stimmung, quatsch mich nicht voll – alles in einer Silbe auf den Punkt gebracht. Lübsch lässt grüßen.

Luisa Rische ist Redakteurin der Lokalredaktion Konstanz. In der Heimat springt sie zu jeder Jahreszeit in die salzig-kalten Wellen der Ostsee.

Sieben Tipps für Lübeck

1. Abtauchen: Wer das Herz der Hansestadt entdecken möchte, taucht am besten in die 90 Gänge, Torwege und Höfe der Altstadtinsel ab. Sie sind Überbleibsel des mittelalterlichen Städtebaus und Wege in Lübecks allzu lebendige Geschichte: Als Lübeck Kopf der Hanse und Zentrum des Handels war, zog es immer mehr Menschen in die Stadt. Innerhalb der Stadtmauer aber blieb nicht mehr viel Platz zum Leben. Die lübsch-pragmatische Lösung: Die Lübecker erschlossen die Innenhöfe und Freiräume zwischen den Bürgerhäusern, indem sie Löcher in die Fassaden ihrer Häuser schlugen, enge, winzige Gänge bauten, durch die man teils nur gebückt kommt, und Häuser in die erschlossenen Innenhöfe baute. Die meisten der Gänge und Höfe in Lübeck sind frei zugänglich.

2. Essen und Einkaufen verbindet die Hüxstraße wie keine zweite in Lübeck. Mehr als 100 Geschäfte, Bars und Restaurant reihen sich in der Straße. Tradition und Handwerk, Originalität und Ambiente stehen im Mittelpunkt der Hüxstraße. Vom Antiquariat bis zur Galerie, von der Buchhandlung bis zum Kinderladen, vom Weltladen bis zur Goldschmiede. Genauso vielfältig ist die Essensauwahl: chinesisch, indisch, italienisch, Feinkost, Fisch, Wein und Kaffeehaus. Auch ein Theater verbirgt in einem der Altstadthäuser. Für einen kleinen, selbst gemachten Snack lohnt es sich, die Parallelstraße, die Fleischhauerstraße zu entdecken: Im Suppentopf gibt es ausschließlich zur Mittagszeit Suppen, die wohl selbst in einem isländischen Reiseführer gelobt werden. Aber Achtung: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und der Suppentopf ist unter Lübeckern so beliebt, dass die Schlange jeden Tag zur Mittagszeit die Straße hinauf- und herunterführt. Und was den Kaffe betrifft: Cole Street.

3. Mitbringsel: Da die meisten Touristen ja doch wegen des Marzipans kommen: Nicht immer muss es Niederegger sein. In den alten Marzipanspeichern an der Untertrave stapelt sich die süße, weiße Masse bis unters Dach zum Mitnehmen oder zum Vor-Ort-Verspeisen, mit Schokolade überzeugen oder en bloc.

4. Abheben: Der Himmel, heißt es bei Google, hat dauerhaft geschlossen. Doch die Schnuppe hat noch geöffnet. Bier, Kaffee, Pizza, Musik, Fußball und Tatort gibt es in der Lübecker der Kneipe, in der sich meist nur Lübecker tummeln. Urig, gemütlich, entspannt, Kneipe. Beliebte Tradition: Rein, Bier, durch, Hinterraum – dort steht der Kicker. Bier gibt es auch im Brauberger oder im Irish Pub.

5. Legenden, Sagen, Mythen: Ein weiteres Denkmal in St. Marien, keine Sage, die zerstörte Glocke aus dem zweiten Weltkrieg, die gleichermaßen als Mahnung dort liegt, wo sie landete, als St. Marien 1942 beim ersten Luftangriff der Engländer auf Deutschland getroffen wurde. Eine weitere Sage rankt sich um den Dom. Die Domgründungslegende um den Bau des Doms. Auch ein Besuch in St. Petri lohnt sich. Per Fahrstuhl geht's zur videoüberwachten Plattform von St. Petri, die 50 Meter über der von der Trave umspülten "Insel" liegt. Von dort hat man einen formidablen Rundblick auf die weltberühmten Fassaden von Buddenbrookhaus bis Marienkirche, aber auch auf Konsumtempel, die unsensibel und pragmatisch ins Unesco-Weltkulturerbe gesetzt wurden.

6. Theater & Kultur: Die Nordischen Filmtage sind eine der bekanntesten kulturellen Veranstaltungen der Stadt. Doch Lübeck lebt durch seine großen und kleinen Theater. Vom Stadttheater bis zum Theaterschiff, Volkstheater Geisler und Theater Partout, Figurentheater und Wassermarionettentheater. Im Sommer lohnt sich ein Besuch auf der Freilichtbühne in den Wallanlagen. Pippi Langstrumpf und Michel von Lönneberger haben hier schon so ziemlich jeden Lübecker Spross glücklich gemacht.

7. Entfliehen: Wer an die Ostsee will, kann sich selbstverständlich in die Tourimagneten Travemünde, Scharbeutz und Timmendorfer Strand stürzen. Wer allerdings einen gemütlichen Strandtag erleben möchte, ist auf dem dem Priwall genau richtig. Dort, wo früher die Zonengrenze zur DDR verlief, kann man heute an der Seelinie bis nach Mecklenburg-Vorpommern schlendern oder radeln. Aus der Brodtener Steilufer sollte niemand auslassen, der in der Hansestadt zu Besuch ist. 8. Besser nicht die Norddeutschen zu ernst nehmen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Wichtig sind Schlagfertigkeit, Konter, Ironie und Sarkasmus. Sonst sich selbst und den anderen nicht zu ernst nehmen. Hinter einer harten Schale verbirgt sich meist ein butterweicher Kern, den der Lübecker nicht zu schnell preisgibt.