Es ist ja nicht, so dass er’s nicht könnte. Nur wollen tut er’s nicht. Schließlich ist der Dialekt nie nur eine etwas andere Art zu sprechen, er ist ein Spiegelbild der Gedanken-, Gefühls- und Lebenswelt. Ein Statement, wie man auf Neudeutsch sagen könnte. Wenn man wollte. Und der Franke will eben nicht. Schließlich gibt es da durchaus diesen Haken mit dem „harten t“, dem „hadden d“ wie es ja phonetisch-korrekt heißen müsste. Der Franke weiß, dass seine Sprache, nunja, eigenwillig ist – und zelebriert sie gerade deshalb mit ganz besonderer Hingabe. Die Worte sind so weich, dass man kaum den Mund aufmachen muss, um sie auszusprechen. So erdig, dass es all die Kunstgeschöpfe und Möchtegern-Kosmopoliten, die sich das vermeintliche Exzellenz-Kürzel „it-“ verpassen, erschaudern lässt. Babbriga (Paprika), Bollidiger (Politiker), Dagdig (Taktik), Gnalldüde (Knalltüte) – und schließlich das höchste zu vergebende Lob: „Bassd scho.“

Bassd scho – keine Formulierung würde besser zu Würzburg passen, dieser touristisch völlig zu unrecht unterschätzten Stadt. Kein Münchner Bussi-Bussi, keine Berliner Subkultur, stattdessen bodenständig-herb bis hin zur Widerborstigkeit. Nicht umsonst wird dem Franken nachgesagt, er sei zuweilen maulfaul. Die Devise lautet „Nix g’sagt is‘ gelobt genug“ und wirkt auf Besucher manchmal verstörend. Wer den Würzburger zum Strahlen bringen will, spricht ihn am besten auf den größten Sohn der Stadt an – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Dirk Nowitzki, Super-Basketballer und Super-Sympath, ist der ganze Stolz. Falls Sie Nowitzki nicht mögen – tun Sie einfach so. Würzburg ist zwar eine Bischofsstadt und damit streng katholisch, aber kleine Notlügen sind in diesem Fall erlaubt.

Aber keine Angst: Dass ihr bisweilen etwas schroffer Ruf nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmt, demonstrieren die Würzburger allabendlich auf der schummrig beleuchteten alten Mainbrücke. Es ist eine ganz zauberhafte Atmosphäre, die noch jeden begeistert hat. Der Fluss rauscht unten, oben thront die Festung Marienberg, die steinernen Heiligenfiguren bilden das Spalier, der Brückenschoppen in der Hand, gerne ein Silvaner oder Bacchus, und schon ist Nordbayern gefühlt ein Stück weiter in den Süden gerutscht.

Überhaupt ist es der Genuss, der in Würzburg eine große Rolle spielt: Anders als im Rest Bayerns und selbst im Rest (Bier-) Frankens sind die Unterfranken stolz auf ihre Weinkultur. Im Restaurant einen „Ausländer“ zu bestellen, wird nicht überall gern gesehen. Pinot Grigio? Silvaner! Schoppen hat hier nichts mit einem Einkaufsbummel zu tun, sondern mit Wein. Jedes Wochenende lädt ab Anfang Mai eine andere Winzergemeinde zum Weinfest ein. Das Weinfest am Würzburger Stein, das Weinfest in Volkach, das Weinfest in Sulzfeld – wie ein flirrendes Grundrauschen liegt der Sound der Festsaison über dem Sommer. „Franken ist ein gesegnetes Land“, lässt Johann Wolfgang von Goethe die Marie in seinem „Götz von Berlichingen“ sagen. „Wer Deutschlands geheimste, jungfräulichste Reize genießen will, muss nach Franken reisen“, schrieb 1837 der Dichter Karl Leberecht Immermann. In Franken fasst man sich kürzer: „Bayerns bessere Hälfte.“

Zu Recht: Franken wird als Urlaubsregion immer beliebter. Die Zahl der Übernachtungen stieg im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent auf 20,8 Millionen. Die meisten davon dürften in Würzburg die Klassiker besucht haben: Residenz, Dom, Festung. Allesamt eindrucksvolle Prachtbauten. Allesamt einen Besuch wert. Doch die Wahrheit ist: Erst wer sich durch die Gässchen treiben lässt, wird die Stadt hinter dem Klischee für sich entdecken – diese sympathische Mischung aus Provinz und Weltoffenheit, wie sie eben vielen unterschätzten Orten zu eigen ist, die sich nicht auf ihren Pfunden ausruhen können und deshalb immer in Bewegung bleiben.

Wem die Stadt doch zu laut wird, der braucht noch nicht einmal weit zu fliehen. Würzburg liegt in einem Kessel und von fast überall hat man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt. Fahren Sie auf die Steinburg, in den Schützenhof oder auf die Festung. Ein Tipp: Auch der Nikolaushof erhebt sich über dem Maintal, zum Ausblick gibt es im Restaurant hervorragende kulinarische Begleitung. Ein kleines Paradies. Oder auf fränkisch: Bassd scho!

Margit Hufnagel ist Redakteurin im Ressort Politik. Bei Besuchen in der Heimat wird sie zwar üppigst bekocht. Aber ohne eine Bratwurst am Marktplatz wäre der Besuch einfach nicht vollständig.

 

 

Neun Tipps für Würzburg

1. Abtauchen: Wer in Würzburg ist, kommt um die Residenz nicht herum. Trotzdem gibt es hier noch einen Schatz zu entdecken, und der liegt unter der Erde: der Weinkeller des Staatlichen Hofkellers Würzburg. Hier wird heute noch Wein hergestellt, in den Gängen stehen sowohl klassische Holzfässer als auch modernste Technik. Achtung: Wer hier rein will, braucht einen Termin.

2. Essen: Vor der Alten Mainmühle an der Mainbrücke kann man nicht nur wunderbar schöppeln, sondern auch lecker essen. Serviert wird sowohl Fränkisches als auch Internationales. Reservierung wird gerade am Wochenende empfohlen, da die wenigen Plätze schnell gefüllt sind. Wer schnell Platzangst bekommt, sollte sich aber besser ein anderes Restaurant suchen.

3. Snacken: Es ist DER Pflichtbesuch in Würzburg. Wer während seines Stadtbummels Appetit verspürt, sollte in Richtung Marktplatz laufen. Dort steht ein Bratwursthäuschen, das die beste fränkische Bratwurst weit und breit anbietet. Schnickschnack gibt es hier nicht. Die einzige vernünftige Wahl, die Kunden hier treffen können ist „mit oder ohne“ – gemeint ist der Senf. Verfehlen können Sie den Stand nicht: die Schlange, die sich vor allem am Wochenende davor bildet, erinnert an Szenen aus der DDR.

4. Einkaufen: Für alle, die schöne Mode lieben, ist Maingold eine gute Adresse. Der Laden ist zwar klein, hat aber so manches Schmuckstück vorzuweisen. Junge Marken, Street Style und hilfsbereite Verkäuferinnen sind zu finden in der Schustergasse (Frauen) und in der Eichhornstraße (Männer).

5. Ausgehen: Würzburg ist eine Studentenstadt und das macht sich vor allem beim Ausgehen bemerkbar. Wer genug gesellige Weinrunden hinter sich gebracht und sich dem Disko-Alter noch nicht entwachsen fühlt, der sollte ins Airport gehen. Der Club in der Gattingerstraße ist eine der ältesten Diskos Deutschland und seit vielen Jahren eine Kult-Location vor allem in der Techno- und House-Szene.

6. Kultur: Der Kulturspeicher am Würzburger Hafen ist schon von außen betrachtet ein eindrucksvolles Gebilde. Der ehemalige Getreidespeicher mit seiner markanten Natursteinfassade wurde vor einigen Jahren komplett saniert und mit einem Museum und dem Kabarett „Bockshorn“ bestückt.

7. Unternehmen: Er ist unter den Würzburg-Besuchern inzwischen Kult – der Nachtwächter. Seit vielen Jahren führt er Touristen durch die vielen Winkel der Stadt und weiß in schönstem Fränkisch viel Spannendes und Lustiges zu erzählen.

8. Ausflüge: Wenn Sie schon mal am Main sind, fahren Sie einfach noch ein Stück weiter nach Osten. Die Mainschleife rund um Volkach bietet großartige Landschaft und viele kleine Gemeinden, in die sich ein Abstecher lohnt. Auch in die andere Richtung hat der Main viel zu bieten: Setzen Sie sich auf eines der Ausflugsboote und lassen Sie sich in Richtung Veitshöchheim schippern.

9. Besser nicht: Sich über den Dialekt lustig zu machen ist zwar äußerst reizvoll, aber sollte unterbleiben. Franken wissen, dass ihre Aussprache, ähm, besonders ist. Sie selbst ziehen sich dafür auch gerne gegenseitig durch den Kakao. Ganze Comedy-Nummern basieren einzig auf der fränkischen Aussprache. Aber: Sticheln dürfen nur die Franken selbst, niemals Auswärtige.