Das Treffen mit Roland Stierle darf natürlich nicht in irgendeinem Café stattfinden. Besser auf einer der 323 Hütten des Deutschen Alpenvereins. Die meisten sind um diese Jahreszeit geschlossen. Also verabreden wir uns zu einer Wanderung durch die schneebedeckten Oberallgäuer Voralpen. Es geht in Richtung Reutter Wanne bei Wertach. An einem jener traumhaften Wintertage mit Sonne und pulvrigem Schnee.

Bergsteigerverband wie große Familie

Stierle, mehr als 20 Jahre Vorsitzender der Sektion Stuttgart mit inzwischen über 20 000 Mitgliedern und jetzt auch DAV-Vizepräsident, vergleicht den Bergsteigerverband mit einer großen Familie. Da gebe es unterschiedliche Meinungen und Strömungen, sagt der 65-jährige Familienvater, aber eben auch einen großen Zusammenhalt. Man verstehe sich als „pluraler Verein mit hohem Demokratieverständnis“.

Was nötig sein wird in einer Interessengemeinschaft mit inzwischen fast 1,3 Millionen Mitgliedern. Die seit Jahren boomt wie überhaupt der ganze Alpen-Tourismus. Wo Diskussionen geführt werden müssen,
wie weit dieser Boom noch gehen darf, wie Massentourismus und Naturschutz zusammenpassen.

Der Höllental-Klettersteig über Eisenstifte auf die Zugspitze.
Der Höllental-Klettersteig über Eisenstifte auf die Zugspitze. | Bild: Hans Herbig (Deutscher Alpenverein)

Und dies vor dem Hintergrund der „Overtourism“-Debatte, wie es neudeutsch heißt. Also der Frage, ob den Alpen angesichts ständig neuer Rekordzahlen der Übertourismus droht. Professor Alfred Bauer, Tourismus-Forscher an der Hochschule Kempten, hat das deutlich gemacht. So warnte er vor einer kritischen Entwicklung an einzelnen Schwerpunkten wie Neuschwanstein oder dem südlichen Oberallgäu, „das an manchen Tagen regelrecht im Verkehr erstickt“.

Von 36 Mitgliedern auf 1,3 Millionen

Das mit dem Pluralismus war mitnichten schon immer so ausgeprägt beim DAV. Gegründet wird der Verein am 9. Mai 1869 im Münchener Gasthaus zur „Blauen Traube“. Dort versammeln sich 36 Männer, die mit der Ausrichtung des sieben Jahre zuvor gegründeten österreichischen Alpenvereins unzufrieden sind. „Der Deutsche Alpenverein sollte für alle da sein, die die Berge lieben“, erzählt Stierle. Damals freilich klingt das noch etwas pathetischer: Es gehe darum, „alle Verehrer der erhabenen Bergwelt zu vereinen“.

Es folgen die Jahre der Hüttenbauten, die Berge werden durch Wege und Steige erschlossen. Mit dem Waltenberger Haus in den Oberstdorfer Bergen entsteht im Allgäu die erste Schutzhütte. Deutscher und österreichischer Alpenverein schließen sich schließlich zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuÖAV) zusammen.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Prospekte des Deutschen Alpenvereins (DAV) mit der Aufschrift "Sicher klettern" und den Logos des DAV und der Jugend des Deutschen Alpenvereins (jdav) liegen am 15.11.2010 in München (Bayern) übereinander. Die Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2022 könnte für den Deutschen Alpenverein zur Zerreißprobe werden. Foto: Tobias Hase/dpa (zu dpa "Schwindelnde Höhen - Alpenverein bei Olympia erneut auf Gratwanderung" vom 04.11.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Prospekte des Deutschen Alpenvereins (DAV). | Bild: Tobias Hase (dpa)

Noch ist dieser ein reiner Männerhaufen. 1893 ist die Kindergärtnerin Käthe Levi aus München die erste Frau, die aufgenommen wird. Ihrem Argument haben die Herren der Schöpfung nicht mehr viel entgegenzusetzen:
„Ja sagn’S amal, hat denn unser Herrgott d’Berg bloß für d’Mannsbuilder g’schaffen?“

Nach 1933 gliedern die Nazis den DAV in den „Reichsbund für Leibesübungen“ ein. Erst nach Kriegsende erlauben die Alliierten Anfang der 1950er-Jahre eine Neugründung. Seitdem wächst und wächst der DAV. Auf nun, im Jubiläumsjahr 2019, beeindruckende knapp 1,3 Millionen Mitglieder in 356 Sektionen zwischen Kiel und Oberstdorf. Der Frauenanteil nimmt ständig zu und liegt aktuell bei knapp 43 Prozent. Es klingt unglaublich: In Zeiten, in denen immer mehr Vereinen die Menschen davonlaufen, hat der Alpenverein ein jährliches Mitgliederplus von vier Prozent und mehr.

Kletterboom bringt Zuwachs

Worauf gründet der Boom? Roland Stierle nennt den Trend zu Natursportarten als einen Grund. Jeder Hüttenwirt kann das bestätigen. Immer mehr junge Leute sind in den Bergen unterwegs. Sie klettern, wandern oder fahren Mountainbike. Und dann gibt es den Kletterboom, der seit Jahren anhält. Fast überall dort, wo eine Kletterhalle entsteht, gehen die Mitgliederzahlen nach oben. Stierle findet es gut, dass der Alpenverein Kletterhallen fördere und damit einen Ganzjahressport für alle Generationen ermögliche.

Dass sich der DAV verändert und neue Sportarten in sein Programm aufnimmt, findet der Vizepräsident normal. Auch die Hütten würden ja nicht mehr so gebaut wie vor 150 Jahren. Und überhaupt: Alles
ändere sich eben mit der Zeit. Und doch gibt es im Verein unterschiedliche Strömungen – früher genauso wie heute. Und je größer er wird, desto vielfältiger sind die Interessen.

Josef Klenner, der Präsident des Deutschen Alpenvereins (DAV) mit rund 1,3 Millionen Mitgliedern.
Josef Klenner, der Präsident des Deutschen Alpenvereins (DAV), der rund 1,3 Millionen Mitgliedern zählt. | Bild: Friso Gentsch (dpa)

Erhalt und Schutz der Bergwelt hat oberste Priorität

So monieren Kritiker, dass der DAV immer mehr eine Art „Alpen ADAC“ sei, also ein großer Service-Dienstleister für Bergsportler. Da gebe es alles von der Versicherung bis zum Ausrüstungsverleih. Die Bergkameradschaft früherer Jahre, so die Meinung, sei da auf der Strecke geblieben. Auch die Frage, wie umweltfreundlich der Bergsport sein sollte, beschäftigt die Gremien. „Bergsport und Naturschutz ist für uns kein Widerspruch“, beteuert etwa der Kemptener Alpenverein-Chef Harald Platz. Das sieht Roland Stierle ganz ähnlich. Auch Spitzensport und Breitensport bringe man ja unter einen Hut.

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Oberste Priorität habe, so Stierle, der Erhalt und Schutz der Bergwelt. „Deswegen gibt es mit den Politikern im Oberallgäu auch Schwierigkeiten“, erzählt er. Als südlich von Bad Hindelang ein Wasserkraftwerk gebaut werden sollte, sagte auch der DAV nein. Zu groß schienen den Verantwortlichen die Eingriffe in die alpine Wildbachlandschaft.

Kritisch sieht der DAV neue Skilifte und Bergbahnen. Wie sieht es mit dem Komfort auf den Hütten aus? Nicht überall müsse man sich duschen können, findet Stierle. Auf der Kemptener Hütte in den Oberstdorfer Bergen soll es bald keine Duschen mehr geben. „Wenn wir immer mehr Komfort schaffen, dann kommen immer noch mehr Leute“, befürchtet Stierle.