Unsere Kinder beginnen jede Urlaubsreise mit der immer gleichen Frage, einem Running-Gag in unserer Familie: Wie weit ist es noch, wann sind wir da? Diesmal lautete die überraschende Antwort: Jetzt, wir sind schon da! Denn wer mit dem Wohnmobil verreist, sitzt quasi von der ersten Minute an in seiner Ferienwohnung und verlässt sie erst wieder, wenn er heimkehrt.

Auf Einladung der Firma Hymer aus Bad Waldsee waren wir vier Wochen lang mit einem Wohnmobil in Skandinavien unterwegs – auf Testfahrt gewissermaßen. Testfahrt für die ganze Familie: Mutter, Vater, Elfjährige und Achtjähriger: Wie gut halten wir es vier Wochen lang auf engem Raum miteinander aus, wann gibt es den ersten großen Knatsch, und wann beginnt der Moment, an dem wir uns zurück ins Zelt wünschen?

Windhosen, Skulptur in Husum an der Nordsee. Bild: Stefan Hilser
Windhosen, Skulptur in Husum an der Nordsee. | Bild: Stefan Hilser

Die Nachteile am Wohnmobil lagen für uns immer auf der Hand. Derer gab es drei: Man hockt als Familie ständig auf engem Raum und kann nicht mal schnell getrennte Wege gehen, weil dem Rest der Truppe dann ja die ganze Ferienwohnung abhandenkäme. Zweitens sind die Kosten für Fähre und Autobahnen höher als bei der Fahrt mit einem normalen Auto.

Drittens muss man sich mit einem Wohnmobil auf breiten Straßen bewegen und kann nicht eben mal schnell in die Pampa abbiegen. Wir waren bislang überzeugte Camper. Aber ehrlich: Norwegen hätten wir wegen der schlechten Wetteraussichten nie angesteuert.

Norwegen. Bild: Stefan Hilser
Norwegen. | Bild: Stefan Hilser

Gegen den Lagerkoller organisierten wir Selbstbeschäftigungsprogramme. Wir packten kistenweise Bücher und Bastelmaterial ein, nahmen ein aufblasbares Kanu mit: In den norwegischen Fjorden oder zwischen schwedischen Schären war das ein Traum.

Die Ladefläche in unserem 7,80 Meter langen Womo war so unendlich groß – man spricht hier nicht von Kofferraum, sondern von Garage – dass nicht nur Bücher und Boot Platz fanden, sondern auch ein Toaster und ein City-Roller, sowie Lebensmittel für mehrere Wochen.

Mit dem Wohnmobil am Tornby-Strand in Dänemark, südwestlich von Hirtshals. Bild: Stefan Hilser
Mit dem Wohnmobil am Tornby-Strand in Dänemark, südwestlich von Hirtshals. | Bild: Stefan Hilser

Doch kann auch der größte Stauraum nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich in einem Womo näher als in einem normalen Familienhaushalt kommt. Der Esstisch beispielsweise schrumpft gefühlt von Tag zu Tag. Beim Frühstück gibt es entweder Müsli für alle oder Brot für alle, beide Sortimente hätten keinen Platz.

Dafür schaut man als Wohnmobilist jeden Morgen beim Frühstücken auf eine andere Traumlandschaft. Gestern auf schwedische Schären, heute auf norwegische Gletscher, morgen auf das Pusten eines Schweinswals im Fjord.

Kunstobjekt auf der Insel Hidra in Süd-Norwegen, Blick auf Kirkehamn, die Insel ist der Gemeinde Flekkefjord vorgelagert. Bild: Stefan Hilser
Kunstobjekt auf der Insel Hidra in Süd-Norwegen, Blick auf Kirkehamn, die Insel ist der Gemeinde Flekkefjord vorgelagert. | Bild: Stefan Hilser

Zurück zum Minimalismus im Womo: Dünnwandiger als sonst kommt auch die Toilettentüre daher. Sie schluckt, sagen wir es mal so, weniger Geräusche als eine handelsübliche Zimmertüre. Dafür muss man sich nicht mit ekelhaften Autobahntoiletten abgeben oder nachts über den Zeltplatz tapsen, und meistert – blasentechnisch betrachtet – auch den längsten Stau auf der A 7.

An Tag zehn der Reise brach sich der Lagerkoller seine Bahn. In ihrer Kajüte kamen die Kinder bis zuletzt ganz prima miteinander aus, jeder hatte seine eigenen Schränke für Spiele und Urlaubsschätze. So war das Womo trotz der 18 Etappen in 25 Tagen ein sicherer Hafen, ein vertrauter Rückzugsort, egal, wo es gerade parkte.

Mit dem Wohnmobil in Norwegen. Bild: Stefan Hilser
Mit dem Wohnmobil in Norwegen. | Bild: Stefan Hilser

Zwischen den Betten bauten sich die Kinder mit Brettern eine Demarkationslinie – und gerieten dann in der freien Natur, auf einer Wanderung zu einem der größten Gletscher Europas, aneinander. „Darüber schreibst du aber nicht“, mahnte die Tochter. Recht hat sie, wo wir uns doch gerade auf einer der schönsten Wanderungen befinden.

Wir also auf dem Weg zum Hardanger Jokulen. Die Tour führte uns zunächst mit der Eisenbahn zur höchsten Bahnstation Norwegens, nach Finse. Auf 1222 Metern, über der Baumgrenze, schroffes Gelände, Wollgras wogt im Wind, unzählige Gletscherseen, und dazu eine Gletscherzunge des Hardanger Jokulen, die bis auf 1400 Meter herunter schleckt. Das wirkt hochalpin, liegt aber nur auf Feldberghöhe.

<strong>Höhepunkt der Reise:</strong> Einsamkeit auf dem Hardangervidda, einer Hochebene in Norwegen. Bild: Stefan Hilser
Höhepunkt der Reise: Einsamkeit auf dem Hardangervidda, einer Hochebene in Norwegen.

Natürlich muss man von dort ein Andenken mitnehmen, also schleppte das Familienoberhaupt vom Berg herunter eine Schieferplatte, die den Rucksack vollständig füllt. Die früher gerne verwendete Ausrede, dass die Sammelstücke im Auto sowieso keinen Platz hätten, wirkte plötzlich nicht mehr.

Die Höchstgeschwindigkeit in Norwegen ist so niedrig – teilweise geht es mit 90 über die Autobahn – dass man als Wohnmobilist locker im normalen Verkehr mitschwimmen kann. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit auf der gesamten Reise betrug 57 Stundenkilometer.

Helleren, Sokndal, Norwegen. Bild: Stefan Hilser
Helleren, Sokndal, Norwegen. | Bild: Stefan Hilser

In Norwegen selbst waren wir mit kaum mehr als 40 unterwegs. Während man in anderen Ländern dafür zum Hassobjekt auf der Straße würde, fährt man mit 40 Stundenkilometern in Norwegen im vorgeschriebenen Rahmen. Also: Wenn Womo, dann ab nach Skandinavien!

Vier Wochen schaffen eine Beziehung zwischen Mensch und Mobil. Jeder Schrankknopf wird einem vertraut, jedes Ploppen, wenn die Seitentüre schließt. Selbst die Dame aus dem Navigationsgerät scheint einem eine vertraute Person zu sein, von der man sich nicht mehr trennen möchte.

Schafe auf der Insel Hidra in Süd-Norwegen, Blick auf Kirkehamn, die Insel ist der Gemeinde Flekkefjord vorgelagert. Bild: Stefan Hilser
Schafe auf der Insel Hidra in Süd-Norwegen, Blick auf Kirkehamn, die Insel ist der Gemeinde Flekkefjord vorgelagert. | Bild: Stefan Hilser

Man findet irgendwann das Gefühl ulkig, morgens aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wo man ist. Man schätzt die Möglichkeit, bei Müdigkeit an jeder x-beliebigen Stelle anhalten und schlafen zu können. Selbst Regenwetter wird zum guten Freund, wenn es aufs Dach prasselt, der Kaffee dampft und jemand die Spielkarten auf den Tisch legt. Und all das endet abrupt an der eigenen Haustüre.

Der Übergang vom schönsten Urlaub in den Alltag erfolgt schockartig. Wer nicht verinnerlichte, dass der Weg das Ziel war, wird sich oder seine Kinder nach der Rückkehr verwundert fragen: Wann sind wir da?

Die Reiseroute

  • Die vierwöchige Tour führte über 18 Stationen und 4300 Kilometer im August 2016 vom Bodensee nach Oslo und zurück über die Nordsee. Stationen waren unter anderem Lübeck und die Ostseeinsel Fehmarn, von hier aus ging es per Fähre nach Dänemark, über die Öresundbrücke nach Schweden, mit Stationen in Smögen bei Göteborg und Kongsberg nach Finse auf die Hochfläche Hardangervidda, mit Eidfjord, Sand und Strand nach Fjordnorwegen, sowie Sogndal und Mandal in Südnorwegen via Kristiansand per Fähre zurück nach Hirtshals in Dänemark.

Ein paar Tipps und Stationen

  • Wir fuhren nach Lübeck und Fehmarn, dann mit der Fähre nach Dänemark/Kopenhagen, um die Brücke über den Öresund zu nehmen (Fähre + Brücke zusammen etwa 100 bis 120 Euro). Dann ging es nach Göteborg, entlang der Küste Richtung Oslo. Die Hauptstadt haben wir südlich umfahren, Richtung Kongsberg. Dort hoch auf den Hardangervidda (oben entlang der Seen gibt es viele Stellplätze). Dann wieder runter an den Eidfjord (schöner Campingplatz direkt am Wasser), weiter nach Strand (kostenloser Stellplatz am Heimatmuseum), weiter nach Sand (für 20/25 Euro Stellplatz im Hafen samt Dusche), rüber Richtung Stavanger (Wobei wir uns den Stress der großen Stadt gespart haben und an die Küste fuhren). Alles hässlich, bis man nach Holmane kommt... Ab da weiter Richtung Südosten, immer an der Küste entlang. Großartig ist zum Beispiel Flekkefjord (kostenloser Stellplatz mit Dusche im Hafen). Ein Muss ist der Transfer rüber auf die Insel Hidra (an dem kleinen Markt links Richtung Hafen, kleiner Sandstrand, wieder für etwa 20 Euro Stellplatz mit Dusche).