Der ältere Herr auf der Holzbank reagiert freundlich. Ja, er verstehe deutsch. Der Weg nach Vicosoprano, nach dem wir fragen, beginnt in der Ortsmitte, sagt er und weist mit der Hand die Richtung. Er erkennt in uns verirrte Touristen – und für den Moment hat er recht. Wir bedanken uns für die Information und gehen weiter. Er nickt uns nicht minder freundlich hinterher.

Ort dieser Begegnung ist Stampa, ein Straßendorf im Bergell oder italienisch Val Bregaglia. Das Bergell ist ein Tal der Graubündner Alpen. Früher gehörte es zur Herrschaft Como, Amtssprache ist bis heute Italienisch. Auf beiden Talseiten erheben sich mehrere über 3000 Meter hohe Gipfel. Berühmt sind die Granitbrocken der Scioragruppe und des Albigna- und Fornogebiets. Hautnah erlebt man sie entlang der Route "Vier Hüttenzauber", wie wir in unserer Herberge in Vicosoprano erfahren. Man sollte allerdings eine gute Kondition mitbringen, um diese Partie zu meistern.

Von Maloja verläuft das Bergell nach Südwesten bis nach Chiavenna, Italien. Die Höhendifferenz auf einer Distanz von nur 30 Kilometern beträgt 1500 Meter. Diese Tatsache und eine verschiedenartige Exposition beeinflussen eine südliche Vegetation, die sich in üppiger Vielfalt zeigt. Laub- und Nadelwälder, Wiesen und Weiden sind die typischen Landschaftsbilder im Tal. Die Waldgrenze liegt bei 2000 Höhenmetern. Es ist nicht umsonst ein beliebtes Revier für Wanderer – 180 Kilometer Wegstrecke sind ausgewiesen. Und obwohl im Winter Teile des Tals ohne Sonneneinstrahlung bleiben, ist das Klima mild, weil vom Mittelmeer beeinflusst.

Das Bergell ist die Heimat der Künstlerfamilie Giacometti. Das ist zunächst der Panoramamaler Giovanni (1868-1933), seine Söhne Alberto (1901-1966) und Diego (1902-1985), der als Möbelgestalter tätig war, sowie Bruno (1907-2012), ein renommierter Architekt. Dazu kommt noch Giovannis Cousin zweiten Grades, Augusto Giacometti (1877-1947), der als Meister der Farbe gilt. Augusto stammte aus einem armen Elternhaus, im Unterschied zu Giovanni, der mit Annetta Stampa die Tochter einer der reichsten Familien des Tals heiratete – das Dorf trägt nicht ohne Grund ihren Familiennamen. Und obwohl die Häuser der beiden Familien nur wenige Meter neben einander standen, pflegte Augusto mit den anderen Giacomettis kaum Kontakt. Eine Familienfehde – aber das ist eine andere Geschichte.

Alberto Giacometti ist der berühmteste Sohn der Künstlerdynastie. Sein Gesicht prangt sogar auf der Hundert-Franken-Note. Alberto wurde wenige Gehminuten von Stampa entfernt in Borgonovo geboren. Auf dem dortigen Friedhof liegt er begraben, wie der Rest der Familie. Alberto hatte viele Talente. Bereits im Alter von zwölf Jahren schuf er sein erstes Ölgemälde, mit 14 Jahren knetete der Hochbegabte Skulpturen aus Plastilin. Der Weg in die Kunst war sozusagen Pflicht.

An der École des Beaux-Arts in Genf erlernte Alberto die Malerei, an der École des Arts et Métiers das Zeichnen und die Bildhauerei. Danach setzte er seine Studien beim Rodin-Schüler Antoine Bourdelle in Paris fort. Diego folgte 1925 seinem ältesten Bruder und wurde sein Assistent. Alberto etablierte sich rasch in der französischen Metropole. Er wurde Teil der Surrealisten um André Breton, schloss Freundschaft mit Joan Miró und mit den Schriftstellern Samuel Beckett und Jean-Paul Sartre.

Doch bei alledem blieb Alberto dem Bergell treu, dem Haus der Familie in Stampa nahe der Brücke des Flusses Maira, in dem er aufwuchs und das heute noch steht. Er besuchte jährlich sein Tal, um die Eltern zu sehen, die wenigen Freunde, aber auch, um im Atelier des Vaters zu arbeiten. Selbst nach seinem künstlerischen Durchbruch Ende der 1940er-Jahre blieb ihm die Heimat wichtig. Er suchte sie regelmäßig mit seiner Frau Annette auf.

Es heißt, dass Giacometti zu seinem reduzierten Stil – lange, dünne Figuren, die körper- und gewichtslos wirken – in Paris fand, als er in einer Menschenmenge eine visuelle Erfahrung von Raumtiefe machte. Es heißt aber auch, dass in seinem reifen Werk, das heute Unsummen kostet – die Bronzeskulptur "Zeigender Mann" wurde in New York für 141,3 Millionen US-Dollar versteigert – ein präformales Vorstellungsregister der Materie zum Ausdruck kommt, das durch die Bergwelt, insbesondere den Granit geprägt ist. Dafür gibt es Belege: Fotos von Alberto, als er am Fuß des Pizzo Badile in dem harten, dunkelgrauen Granitstein sitzt.

Der 50. Todestag Giacomettis bringt das Bergell in Bewegung, insbesondere Stampa. Dutzende Veranstaltungen feiern den Künstler; im örtlichen Museum wurde unter dem Titel "A Casa" eine Werkauswahl des Künstlers gezeigt. Und endlich ist das an der Straße gelegene Atelier, ein umgebauter Heuschober, für die Öffentlichkeit zugänglich. Vater Giovanni hatte den Heuschober 1904 erworben. Ursprünglich wollte er, der Sonne wegen, von Borgonovo ins höher gelegene Soglio ziehen, das heute als schönstes Dorf der Schweiz gilt – und auch einen Besuch wert ist –, aber die Pläne zerschlugen sich.

"Es ist eine Freude, in dem Atelier zu arbeiten. Ich habe genug Platz, Licht und Wärme", schrieb Giovanni an seinen Künstlerfreund Cuno Amiet. Im Atelier haben die Söhne und die Ehefrau Modell gestanden. Später porträtierte dort Alberto seine Frau Annette und modellierte seine Plastiken. Heute erinnern noch einige Zeugnisse an das Wirken von Vater und Sohn. Ein Tisch, ein Stuhl und eine Presse, auf der Giovanni seine Holzschnitte druckte, zwei Staffeleien, Albertos Farbpalette, sein Aschenbecher, dann Brandspuren, die der Kettenraucher hinterließ, wenn er die Glimmstengel am Boden ausglühen ließ.

Einer aus dem Clan, Marco Giacometti, Lehrer in Stampa, kümmert sich um das Erbe seiner Vorfahren. Er hat das "Centrogiacometti" gegründet und verschiedene Initiativen gestartet, wie die Öffnung des Ateliers. Er hat Bücher publiziert ("Die Giacomettis – Eine Künstlerdynastie"), er hält Vorträge, und zum Todestag von Alberto hat er den "Giacometti Art Walk" mitinitiiert. Eine App bietet den Gästen die Gelegenheit, auf den Spuren der Künstlerfamilie zu wandern: Es können verschiedene Themenwege zwischen Sils im Engadin und Chiavenna heruntergeladen werden. Das eigene Smartphone wird so zum Audio- und Videoguide – so geht Wandern heute.

Nicht minder spannend ist ein anderes Angebot: Ein Fotoweg ausschließlich auf Originalbildern von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Ernst Scheidegger und Loomis Dean, die auch in dem Buch "Ich verstehe weder das Leben noch den Tod", das als Führer verwendet werden kann, aufgenommen wurden. Die 44 ausgewählten Bilder stammen aus den letzten fünf Jahren vor Giacomettis Tod (er starb in Chur) und zeigen ihn in der Landschaft zwischen Stampa-Coltura und Borgonovo. Wir haben die geplante Wanderung mit Marco abbrechen müssen. Ein Donnerwetter mit starkem Regen trieb uns in sein Schulhaus, das auf dem Weg liegt. Doch ja, ab und zu regnet es auch im Bergell. Regen vermieste schon Cuno Amiet den Aufenthalt im Tal. Er beschwerte sich sogar einmal darüber bei Giovanni Giacometti, als hätte dieser Einfluss auf den Wettergott …

Marco Giacometti – seine Großmutter war die Cousine des Künstlers – macht sich mit seinem Engagement nicht nur Freunde. Nicht, dass die Bergeller ihren Alberto gering schätzen würden, aber für sie ist er so, wie sich wohl selbst sehen – wortkarg, bescheiden –, warum dann dieses Aufsehen? Es gibt also Widerstand. Doch Marco lässt nicht locker. Er hat viele Pläne, um die Kulturtouristen anzulocken. Im Ausland habe er gespürt, sagt er, welchen Klang der Name Giacometti habe: "Es ist die einzige Marke, die das Tal über seine Grenzen hinaus bekannt macht." Recht hat er.

Und ja, da wäre noch der andere Teil der Familie, die Linie Augusto. Man verträgt sich, aber man zieht hier nicht am gleichen Strang. Jener ältere Herr auf der Holzbank in Stampa, der uns Touristen am ersten Tag freundlich den Weg wies, das erfahren wir jetzt von Marco, war Rolando Giacometti, Landwirt im Ruhestand und "einer von der anderen Seite der Dorfstraße". Marco lächelt, als er das sagt. Die beiden kommen gut miteinander aus.

Das Bergell

  • Alpental: Das Bergell – italienisch Val Bregaglia – verbindet den Kanton Graubünden mit Italien und damit den Norden mit dem Süden. Es ist geprägt von steilen Felswänden, von Wäldern und kleinen Dörfern, die reich sind an Geschichte und Kunst. Die Künstlerdynastie der Giacomettis stammt aus dem Alpental.
  • Klima: Die verhältnismäßig geringe Höhenlage und die günstige Exposition zur Sonne bedingen angenehme klimatische Verhältnisse. Das Bergell ist auch im Herbst schön.
  • Anfahrt: Das Bergell ist am einfachsten mit dem Auto erreichbar. Mit der Bahn ist die Anfahrt nach St. Moritz (Engadin) oder nach Chiavenna (in der italienischen Provinz Sondrio) möglich. Von dort aus verkehren Linienbusse.
  • Allgemeine Information: Bregaglia Engadin Turismo, CH-7605 Stampa, Telefon: 0041-81-822 1555, E-Mail: info@bregaglia.ch, Internet: www.bergell.ch oder www.bregaglia.ch