Das erste Mal passiert es oft auf dem Weg zu den Großeltern. Eben noch hat das Kita-Kind tapfer und mit fester Stimme behauptet, sich nichts sehnlicher zu wünschen, als alleine bei Oma und Opa zu übernachten. Doch auf dem Weg dorthin, meist nur wenige Kilometer entfernt, überkommt sie ein Gefühl, das sie bis dahin in dieser Intensität noch nicht kennen: der dringende Wunsch, jetzt und sofort nichts anderes zu tun, als auf der Stelle umzudrehen und schnurstracks wieder nach Hause zu fahren.

Zu Mama und Papa. Zum heiß geliebten Plüsch-Affen. Ins eigene Zimmer. Und ins eigene Bett. Manche Kinder lassen diesem Gefühl freien Lauf. Andere versuchen noch, es zu bekämpfen. Fast immer vergeblich. Nicht mal unterdrücken ist möglich. Die ersten Tränen kullern.

Wenn's soweit ist: Notfallpaket nicht vergessen!

So oder ähnlich geht’s wohl vielen Kindern, wenn sie das erste Mal über Nacht und ohne Mama oder Papa ein Auswärtsspiel wagen wollen. Aus diesem Grunde ist es hilfreich, wenn Eltern vorher mal mit den Gasteltern Kontakt aufnehmen – etwa wenn das eigene Kind bei Freunden in der Nachbarschaft schlafen möchte.

Einige Hinweise auf die Eigenheiten des Kindes sind ratsam, damit die Gasteltern richtig damit umgehen. Und wenn’s soweit ist: das Notfallpaket nicht vergessen – mit Kuscheltier, das vielleicht ein wenig nach Zuhause riecht, ein Buch und das Lieblingsspiel.

Kinder brauchen Hilfe und Vorbereitung durch die Eltern

Haben Kinder die „Übernachtungs-Feuertaufe“ bei Freunden erfolgreich gemeistert, so ist dies zwar keine Anti-Heimweh-Garantie, aber eine Empfehlung für höhere Aufgaben: Längere Trips für mehrere Tage zu Oma und Opa oder Übernachtungen mit Gleichaltrigen, etwa mit der Kindergartengruppe und ab der ersten Klasse im Schullandheim.

Nicht vergessen: Was Eltern läppisch und nicht erwähnenswert erscheint, kann für Kinder ein Abenteuer bedeuten. Manche Jungen und Mädchen möchten es gar nicht wagen, fühlen sich noch nicht fit genug, andere sind mutiger, brauchen aber ebenfalls Hilfe und Vorbereitung durch die Eltern.

Keine Rückkehr anbieten

So ergründen Mirja und Manfred Kempovski bei ihrem Sohn Luis vor seiner anstehenden Kurz-Freizeit mit dem Kindergarten, ob er sich der Situation wirklich gewachsen fühlt. Doch zuvor hatte ihre Kindergärtnerin zur Vorsicht geraten: „Nicht dauernd von möglichem Heimweh reden und anbieten, Luis abzuholen, wenn es gar nicht gehen sollte.“

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Dann besteht nach den Erfahrungen von Betreuern nämlich die Gefahr, dass das Kind von Beginn an diese „Rückfallposition“ immer im Hinterkopf hat und schon bei kleinstem Unwohlsein einen Rücktransport fordert. Deshalb plaudern die Kempovskis vor der „Reise-Premiere“ intensiv mit Luis darüber, was ihn erwartet.

Und Mutter Mirja kramt ihre eigenen, positiven Erinnerungen an Schullandheim-Aufenthalte und Freizeiten aus dem Gedächtnis. Und weil der ausgewählte Ferienort in der Nähe liegt, fahren die drei schließlich am Wochenende vorher kurz mal hin – als vertrauensbildende Maßnahme vor Ort sozusagen. Wenn das nicht möglich ist, hilft oft auch ein Blick ins Internet, vielleicht gibt es dort Fotos und Beschreibungen der Unterkunft.

Warum die ersten Reisen allein so wichtig sind

„Du schaffst das schon, Luis“ – mit diesen Worten verabschieden die Kempovskis ihren Sohn, auch wenn seine Mutter Mirja dabei einen Kloß im Hals hat. Sie und ihr Mann wissen: die ersten Reisen allein, sie sind für die Persönlichkeitsbildung von Kindern enorm wichtig. Müssen die Kleinen doch viele Dinge in der Ferne allein bewältigen: Körperpflege, das Zurechtkommen in einer fremden Umgebung, Konflikte mit anderen Kindern durchstehen, ohne dass sie nach Mama oder Papa rufen können. Der Tagesablauf ist zumeist auch ein anderer als zuhause und die Bezugspersonen sind es auch.

Lehrer kennen Gegenmittel

Doch wie gehen diese – zumeist Kindergärtner oder Lehrer – mit Heimweh um, wenn es bei Kindern „ausbricht“? Zunächst müssen sie natürlich erkennen, dass ein Kind Heimweh hat, etwa daran, dass es plötzlich sehr still ist, sich allein aufs Zimmer zurückgezogen und in seine Bettdecke eingerollt hat. Dann gilt es, dem „Heimweh-Kranken“ zunächst Geborgenheit, mindestens aber eine Schulter zum Anlehnen zu bieten. Keine Sorge, wenn das Kind in Tränen ausbricht. Dies ist eher ein gutes Zeichen: die „Schleusen“ öffnen sich, das Kind entspannt sich zumeist und ist erst danach in der Lage, zu sagen, warum es überhaupt Heimweh hat.

Bestes Mittel ist dann übrigens nicht, Cola statt Tee zu servieren, sondern das Heimweh-geplagte Kind abzulenken, es in Spiele einzubeziehen oder ihm eine Aufgabe zu geben – etwa in der Schullandheim-Küche: Hier fühlen sich viele Kinder geborgen, hier ist was los und meistens was zu tun, das auch ablenkungsbedürftige Kinder erledigen können. Auch das Vorlesen einer Geschichte kann Heimweh vertreiben, zumal wenn es abends vor dem Einschlafen auftritt.

Das erste Placebo des Lebens

Hilft all dies nicht, helfen sich manche Gruppenleiter mit einem Zaubermittel – den „Anti-Heimwehpillen“. Nein, keine Tabletten von der Doping-Liste, sondern die allseits bekannten, bunten, zuckersüßen und völlig harmlosen Liebesperlen. Entsprechend überzeugend angepriesen, glauben heimwehgeplagte Kinder an diesen ersten Placebo ihres Lebens und fühlen sich besser.

Aber manchmal kommt der Anruf von Kindergärtnern, Lehrern oder Gruppenleitern eben doch: „Malte möchte abgeholt werden – es geht nicht mehr.“ Dann sollten Eltern trotzdem kurz erörtern, ob es nicht doch noch einen Ausweg gibt. Insbesondere, wenn die Freizeit oder der Schullandheimaufenthalt ohnehin nur noch zwei Tage dauert, ist es ratsam, das Kind zum Bleiben zu überreden. Denn wenn es tatsächlich durchhält, kommt es mit dem selbstbewussten Gefühl zurück „ich habe das Heimweh besiegt!“