Er ist 71 Jahre alt, seit über zehn Jahren pensioniert und könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen. Doch für den ehemaligen Polizisten Ulrich Stather aus Waldshut kommt das nicht in Frage. Nach seinem Renteneintritt hat er sich dazu entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen. „Denn wer rastet, der rostet“, sagt Stather.

Seit 2009 arbeitet er als Reisebegleiter für ein Reisebüro in Meersburg. Und damit nicht genug: Er hat auch eine Ausbildung zum Stadtführer in Waldshut-Tiengen absolviert, um Interessierten Einblicke in die Geschichte der Stadt zu geben. „Ich brauche es, mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und etwas zu lernen. Wenn ich den ganzen Tag zu Hause sitzen würde, würde ich mich langweilen.“

Erst vor Kurzem ist er von Mauritius zurück an den Hochrhein gekommen. Auf seinen mittlerweile über 35 Reisen ging es für den Waldshuter unter anderem nach China, Tibet, Grönland, Namibia und Kuba. „Für mich ist das mein zweiter Traumberuf nach dem bei der Polizei“, freut sich Stather. „Zugegeben, ich verdiene kein Geld dazu, darf aber kostengünstig mitreisen. Als ich noch Leiter des Polizeireviers Waldshut war, ist mir fürs Reisen nicht viel Zeit geblieben. Das hole ich jetzt alles nach“, sagt Ulrich Stather.

Bild: Sabine Tesche

Dass viele Menschen erst im Ruhestand tatsächlich Zeit für das haben, was sie wirklich interessiert und was sie während ihrer Berufstätigkeit nicht ausüben konnten, bestätigt auch Uta Böttcher, Vorsitzende des akademischen Vereins der Senioren in Deutschland (AVDS). „Viele Menschen müssen einfach Geld verdienen. Als Rentner spielt das dann keine so große Rolle mehr. Immer mehr Senioren entscheiden sich deshalb auch für ein Studium. Dabei besuchen sie Vorlesungen, die sie interessieren. Das sind vor allem Studienfächer wie Geschichte, Philosophie und Archäologie.“ Ein weiterer wichtiger Punkt sei auch die Integration in der Gesellschaft. „Es ist wichtig, dass ältere Menschen mit jüngeren in Kontakt stehen“, sagt Böttcher.

Durch Zufall zum Reisebegleiter

Auf die Idee, als Reisebegleiter zu arbeiten, ist Ulrich Stather nicht selbst gekommen. Dies habe sich eher beiläufig ergeben. „Ich habe eine Ostseekreuzfahrt mit meiner Frau unternommen.
Weil viele ältere Mitreisende Probleme hatten, habe ich ihnen immer mal wieder geholfen. Daraufhin hat mich auf der Rückreise ein Reisebüroinhaber aus Meersburg gefragt, ob ich nicht als Reisebegleiter arbeiten möchte. Heute kann ich sagen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.“ Allerdings hat der ehemalige Polizist seine Tätigkeit an eine Bedingung geknüpft: Es muss in jeder Gruppe noch einen Platz für seine Frau geben. „Ohne sie reise ich nicht. Sie war während meiner Berufstätigkeit so viele Jahre alleine zu Hause mit den Kindern, dass wir unsere Zeit jetzt gemeinsam genießen wollen.“

Dass sich Senioren nicht zur Ruhe setzen wollen, wissen auch die Volkshochschulen. Immer öfter bieten sie Kurse speziell für Senioren an. Dabei geht es nicht selten um sportliche Aktivitäten, das Erlernen einer neuen Sprache oder der Umgang mit dem Computer, Internet und sozialen Netzwerken. Im Kreis Waldshut bietet die VHS Waldshut-Tiengen sogar ein Gedächtnistraining für Senioren an. Simone Kaucher vom deutschen Volkshochschul-Verband in Bonn weiß, dass es gerade im Alter wichtig ist, sein Gedächtnis zu trainieren. Eine genaue Statistik, wie viele Senioren tatsächlich an den Volkshochschulen Kurse belegen, gibt es laut Kaucher allerdings nicht.

Jede Reise wird penibel geplant

Ulrich Stathers Frau Gudrun unterstützt ihren Mann bei seiner Aufgabe als Reisebegleiter. Gut kann sich der gebürtige Heidelberger noch an eine Reise nach Jordanien erinnern. „Damals ist ein Ehepaar auf der Straße einfach über den Haufen gefahren worden. Ich habe sie dann ins Krankenhaus begleitet, den ADAC und die Deutsche Botschaft verständigt. Meine Frau hat sich in der Zeit um die restliche Reisegruppe gekümmert“, erinnert sich Stather. Als Reisebegleiter müsse man eben flexibel sein und auch mal improvisieren können. „Da kommt mir zugute, dass ich mich vor jeder Reise penibel vorbereite“, sagt der Pensionär. Zu seinen Vorbereitungen gehört nicht nur das Studieren von Reiseführern, sondern auch eine gründliche Recherche im Internet. Von den örtlichen Sehenswürdigkeiten bis hin zu Notfallnummern ist Ulrich Stather bestens vorbereitet. „Außerdem versuche ich auch soweit es geht die Sprache zu lernen. Ich finde es einfach spannend, immer wieder etwas Neues dazuzulernen.“

Bild: Sabine Tesche

Nach jeder seiner Reisen freut sich Stather aber auch wieder darauf, nach Hause zu kommen. Und auch in Waldshut-Tiengen, wo er 1974 sesshaft geworden ist, sitzt er nicht still, sondern zeigt der Bevölkerung und den Besuchern als Stadtführer unter anderem die Peter-Thumb-Kirche in Tiengen. „Ich mache die Führungen auf meine Art. Als Nicht-Katholik – ich bin evangelisch – habe ich einen anderen Ansatz. Ich nehme die Gruppe mit auf eine Erlebnisreise, spreche darüber, was die Kirche auf mich ausstrahlt, was sie mir sagt.“

Ulrich Stathers größter Reisewunsch ist im vergangenen Jahr in Erfüllung gegangen: Eine Reise in die Antarktis. „Mir gefallen die kalten Länder.“ Und solange er noch gesundheitlich fit ist, will Stather weiter als Reisebegleiter entfernte Länder erkunden, Neues lernen und sein Wissen weitergeben.


Die Serie „Richtig Lernen – Chancen nutzen“ beleuchtet in acht Teilen das Thema Lernen in verschiedenen Lebensabschnitten. Menschen aus der Region berichten von ihren Erfahrungen und es kommen namhafte Experten zu Wort.
 
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