Uta Böttcher ist Vorsitzende des Vereins für Bildung in der zweiten Lebenshälfte in Würzburg. Seit einigen Jahren gibt ihr Verein auch einen Studienführer für Senioren heraus.
 

Frau Böttcher, wie bewerbe ich mich als Senior auf einen regulären Studienplatz?

Für das Seniorenstudium gibt es an jeder Universität andere Studienangebote – abgesehen von einem regulären Vollzeitstudium. Das ist auch der Grund, warum unser Verein den „AVDS-Studienführer für Senioren“ herausbringt – dort ist für jede deutsche Uni die richtige Anlaufstelle zu finden. Der Interessierte bekommt an seiner Uni oft eine Studienberatung, bevor er sich für einen Weg entscheidet.

Wer entscheidet, wer angenommen wird?

Senioren mit Abitur oder einem gleichwertigen anerkannten Abschluss können ein reguläres Bachelor- oder Masterstudium aufnehmen. Auch ein Zweitstudium (Studium eines weiteren Faches nach bereits abgeschlossenem Studium) oder eine Promotion anzustreben, ist keine Frage des Alters. Für Senioren im Vollstudium gelten die gleichen fachspezifischen Zulassungsvoraussetzungen, Studien- und Prüfungsordnungen wie für die jungen Studentinnen und Studenten.

Der Begriff Seniorenstudium steht jedoch eher für speziell auf ältere Erwachsene und Senioren ausgerichtete Programme, wobei diese zusammen mit den jüngeren Studenten stattfinden können oder davon abgekoppelt sind. Für dieses Seniorenstudium ist meist kein Abitur erforderlich.
Abgekoppelt ist das Seniorenstudium beispielsweise in der U3L (Universität des dritten Lebensalters): Sie ist wie ein Verein organisiert, jeder Student zahlt pro Semester 100 Euro, sie verfügt über eine eigenständige Struktur innerhalb der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und beschäftigt eigene Dozenten. Integrativ ist das Gasthörer- und Seniorenstudium an der Uni Köln – hier nehmen die Teilnehmer am regulären Kölner Studienbetrieb teil und es gibt es nur wenige Veranstaltungen speziell für Senioren. An rund ein Dutzend Unis gibt es ein Zertifikatstudium für Senioren, in der Regel mit einer Dauer von drei bis fünf Semestern und wissenschaftlicher Abschlussarbeit.

Welche Fächer bieten sich besonders für ein Studium an?

Es geht den Seniorstudierenden schwerpunktmäßig darum, Wissen zu erwerben, für das sie in ihrem bisherigen Leben keine Zeit hatten, weil Beruf, Familie und Geldverdienen im Vordergrund standen. Als Seniorstudent dürfen die Menschen sich endlich mit Themen auseinandersetzen, die nicht zwangsläufig in eine Berufslaufbahn münden müssen. Uns so sind die gewählten Fächer gerne Kunstgeschichte, Geschichte, Archäologie, Philosophie oder alte Sprachen. Und durch diese Seniorstudenten entstehen an den Unis Arbeitsplätze für entsprechende Dozenten.
Aber es ist auch möglich, Lehrveranstaltungen in Physik, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften oder Geologie zu besuchen in Absprache mit der Studienberatung und den zuständigen Dozenten

Wie hoch ist die Abschlussquote Ihres Wissens nach?

Meist geht es im Seniorenstudium nicht vorrangig darum, einen Abschluss zu erwerben. Aber wenn dieser angestrebt wird, dürfte sich die Abschlussquote bei Senioren nur wenig unter 100 Prozent bewegen.

Was machen die Absolventen, wenn sie den Abschluss in der Tasche haben?

Wie gesagt, ist das Seniorenstudium nicht so abschlussorientiert. Und die Studierenden haben ja bereits ein ganzes Berufsleben hinter sich. Sie möchten am liebsten nie mit dem Studieren aufhören, weil es so viel Freude bereitet. Aber sicherlich wird das erworbene Wissen auch an andere Interessierte weitergegeben, zum Beispiel in Form von kunsthistorischen Führungen oder sozialem Engagement.

Bei welchen Studienfächern haben Senioren keine Chance und warum?

Ein reguläres Studium von Fächern mit strengen Zulassungsbeschränkungen – wie Zahnmedizin oder Medizin – wird in den meisten Fällen nicht möglich sein. Es sollen den jungen Menschen ja keine ohnehin knappen Studienplätze weggenommen werden. Das heißt aber nicht, dass ein Seniorstudierender nach Absprache mit der Studienberatung und den zuständigen Dozenten nicht auch ausgewählte Lehrveranstaltungen in diesen Fächern besuchen kann.

Welche Probleme können auftreten, wenn Jung und Alt zusammen studieren?

Uns wurde bisher von keinen Problemen berichtet. Wirklich nicht.

Können Jung und Alt auch voneinander profitieren?

Davon wurde uns schon berichtet, und auch darüber, dass kleine Freundschaften entstanden sind. Das Seniorenstudium ist ein wichtiger Baustein, damit Ältere nicht so früh aus der Gesellschaft herausfallen. Sie bleiben sozusagen mit dem Puls der Zeit verbunden. Dabei bringen sie die notwendigen Kenntnisse im Umgang mit neuester Technik wie Internetrecherche, Smartphone-Bedienung und das Versenden von E-Mails meist bereits mit: Sie beschränken sich auf das, was sie für sinnvoll und nützlich halten. Und wenn sie es noch nicht können, ist das Studium eine gute Gelegenheit, es zu lernen.

Aber man darf nicht vergessen: Die heute 60-Jährigen haben ihr ganzes Arbeitsleben mit der Computertechnik gearbeitet – diese Generation hat Computer und Internet schließlich erfunden. Für Jüngere kann der von ihrem eigenen Leben verschiedene Erfahrungsschatz sicherlich bereichernd sein, und die größere Gelassenheit im Umgang mit Schwierigkeiten, die mit zunehmender Lebenserfahrung gerne einhergeht. Auch dass ein älterer Mitstudierender manche Begriffe einfach so kennt und nicht erst im Internet googeln muss. Oder dass er sich in der Vorlesung hinsetzt und mit der Hand mitschreibt und -zeichnet.

Warum entscheiden sich Senioren, überhaupt zu studieren?

Ich möchte hier gerne unsere Senioren selbst zitieren: „Ich will lernen – es ist schön, etwas zu wissen.“ Das gilt auch für die anderen älteren Gasthörer. Alle sind besonders aufmerksam – und geben dadurch auch etwas an die Dozenten zurück. „Es ist sehr angenehm, wie einen die jungen Leute annehmen. Ich fühle mich nie ausgeschlossen.“ „Lernen ist Fitness für das Gehirn. Hören, Sehen und gleichzeitig Schreiben: Da muss man sich auf Vieles auf einmal konzentrieren und das ist ein gutes Training.
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