Eine Tochter, eine Vollzeitstelle, ein Haushalt mit allem was dazugehört und nebenbei eine berufliche Weiterbildung auf Bachelor-Niveau – so sah zwei Jahre lang der Alltag der 36-jährigen Elvira Baitinger aus Villingen-Schwenningen aus. Wenn sie am Herd stand, dann selten ohne ein BWL-Buch in der freien Hand. Wenn sie im Badezimmer war, dann nie ohne Handy, auf dem die Mitglieder ihrer Lerngruppe sich rund um die Uhr abgefragt haben. Wenn sie nachts im Bett lag, dann immer mit einem Arbeitsheft neben dem Gesicht. Lernen musste Elvira Baitinger in jeder freien Minute. Aber es hat sich gelohnt: Heute hat die Alleinerziehende ihren Abschluss als Wirtschaftsfachwirtin bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg in der Tasche.

Deutschlandweit absolvieren laut einer aktuellen Erhebung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) jedes Jahr etwa 50 000 Teilnehmer Prüfungen von sogenannten Aufstiegsfortbildungen. Baden-Württemberg liegt bei der Weiterbildungsbeteiligung der Arbeitnehmer deutlich über dem deutschen Durchschnitt. Aufstiegsfortbildungen sind beispielsweise Fortbildungen zum Industriemeister, zum Betriebswirt oder, wie in Elvira Baitingers Fall, zum Fachwirt.

Die zwei Jahre waren nicht einfach für die junge Frau. „Während dieser Zeit gab es immer wieder Punkte, an denen ich gesagt habe, ich schaffe das nicht und schmeiße alles hin“, erinnert sie sich. „Aber meine Familie und meine Bekannten haben mich dann wieder motiviert.“

Der persönliche Einsatz der Weiterbildung neben dem Beruf ist nicht zu unterschätzen, darin sind sich Experten einig. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: Entsprechend des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR), der die Zuordnung der deutschen Abschlüsse in Europa ermöglicht, ist Elvira Baitingers Qualifikation nun gleichwertig mit einem Bachelor-Abschluss an einer Universität. Entsprechend hoch war der Lernaufwand für die Teilnehmer der Prüfung zum Fachwirt.

Bild: Sabine Tesche

"Irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich wusste ich will mehr."

Im Leben beruflich und finanziell weiterzukommen, waren für Elvira Baitinger die Hauptkriterien für ihre Entscheidung: „Irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich wusste: Ich will mehr. Auch meine Kollegen haben mich motiviert, mich weiterzubilden“, erinnert sie sich. Obwohl die 36-Jährige Schule und Ausbildung als Bürokauffrau längst hinter sich hatte, entschied sie sich schließlich, diesen Weg einzuschlagen. Auch damit ist sie nicht allein: Laut DIHK nimmt im Durchschnitt jeder fünfte Arbeitnehmer mit dualem Berufsabschluss später an einer solchen Weiterbildung teil.

Ein Trend, der seit mehreren Jahren anhält, wie auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beobachtet. „Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, die nächsten Jahre immer in der gleichen Position zu arbeiten. Ich wollte einfach vorwärts kommen. Geld spielte dabei natürlich auch eine Rolle“, sagt die alleinerziehende Mutter einer heute 16-jährigen Tochter. Dass berufliche Weiterbildung der Karriere dient und sich auch finanziell lohnt, bestätigt die DIHK-Erhebung: 11 000 Arbeitnehmer, die eine berufliche Weiterbildung abgeschlossen haben, wurden dazu befragt. Rund zwei Drittel sprechen von „positiven Auswirkungen“ auf die Karriere. Drei Viertel dieser Gruppe bestätigen, dass sie in ihrem Betrieb aufgestiegen seien oder nun mehr Verantwortung übernehmen. In 69 Prozent der Fälle bedeutete das auch einen höheren Verdienst.

Zwischen Haushalt, Studium und Arbeit

„In meiner Entscheidung hat mich auch die Tatsache bestärkt, dass sich mir neue Chancen in meinem Beruf bieten. Nur mit dem Abschluss als Fachwirtin konnte ich die neue Position als Leiterin in der Buchhaltung und den Bereich Anlage- und Finanzbuchhaltung übernehmen.“ Diese Aussicht auf Aufstieg wirkte sich wiederum auf die Finanzierung der Weiterbildung aus: Elvira Baitinger hat ihre Fachwirt-Ausbildung zu einem Teil selbst bezahlt,aber auch ihr Arbeitgeber hat sich an den Kosten beteiligt. Damit hat sie eine gängige Fördermöglichkeit für Arbeitnehmer genutzt. Denn gerade im Bereich der finanziellen Förderung gibt es, auch abseits der Angebote der Industrie- und Handelskammern, zahlreiche Möglichkeiten. Zu den bekanntesten gehören das sogenannte Meister Bafög oder die Bildungsprämie. Je nach persönlicher Situation werden zudem Zuschüsse, beispielsweise für Kinderbetreuung, gewährt. Das soll es auch Eltern ermöglichen, Weiterbildungsmöglichkeiten zu nutzen.

Bild: Sabine Tesche

Schwierig waren die zwei Jahre Weiterbildung auch für das Mutter-Tochter-Gespann. „Vanessa und ich mussten uns gut absprechen, wer welche Aufgaben im Haushalt übernimmt. Aber meine Tochter hat mich immer kräftig unterstützt.“ Viel Zeit hatte die Schwenningerin nicht für sie, denn neben Studium und Haushalt hat die gebürtige Kasachin Vollzeit gearbeitet. Dreimal die Woche musste sie dann zum Unterricht: Dienstag, Donnerstag und Samstag. „Ohne die Unterstützung meiner Mutter und meiner Schwester hätte ich das nicht geschafft. Beide haben sich viel um Vanessa gekümmert.“

Heute kann sich Elvira Baitinger geprüfte Wirtschaftsfachwirtin nennen. Und darauf ist nicht nur sie selbst stolz, sondern vor allem auch ihre Tochter. Denn egal, wie schwer die beiden Jahre für Mutter und Tochter waren: „Gelohnt hat sich der Aufwand rückblickend auf jeden Fall. Und ich würde die Entscheidung immer wieder treffen.“


Die Serie „Richtig Lernen – Chancen nutzen“ beleuchtet in acht Teilen das Thema Lernen in verschiedenen Lebensabschnitten. Menschen aus der Region berichten von ihren Erfahrungen und es kommen namhafte Experten zu Wort.
 
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