„Nichts ist älter als eine Zeitung von gestern.“ So hört man es oft – und so falsch ist es zugleich. Eine Tageszeitung ist stets aktuell, wenn man sie als ein Stück authentische Geschichte und damit als historische Quelle betrachtet. Als solche interessiert das Druckwerk immer, egal, ob das Blatt vor 160 Jahren oder vorgestern durch die Druckmaschine lief.

Fundgrube auch für Schüler und Studenten

Das werden alle Leute bestätigen, die Tageszeitungen nicht nur lesen, sondern als eine Fundgrube betrachten, die vor allem für lokalhistorische Vorhaben und Studien unersetzlich ist. Professoren und Wissenschaftler, interessierte Laien, Heimatforscher, Hobbyhistoriker, Vereinschronisten, Studenten und besonders Schüler, die für eine Geschichts-Projektarbeit recherchieren, erfahren dort aus direkter Perspektive der Zeit- und Augenzeugen, was wann wo in ihrer Stadt oder in der Region vor vielen Jahren Berichtenswertes geschehen ist.

Welche Filme konnten sich die Konstanzer gegen Ende der 30er-Jahre im Kino anschauen und wie versteckte sich darin die Nazi-Propaganda? ...
Welche Filme konnten sich die Konstanzer gegen Ende der 30er-Jahre im Kino anschauen und wie versteckte sich darin die Nazi-Propaganda? Ein Blick in die „Deutsche Bodensee-Zeitung“ vom März 1938 klärt darüber auf. | Bild: Archiv SÜDKURIER

Allerdings hat die Sache einen Haken: Die alten Zeitungsbände lagern in den Kellern der Archive hinter verschlossenen Türen. Das heißt: Man muss auf Öffnungszeiten achten und Termine vereinbaren. Die Nutzer müssen behutsam mit dem vergilbten, oft spröden Papier umgehen, wenn die Ausgaben nicht auf Mikrofilm verfügbar sind, was meist nicht der Fall ist. Es kann also durchaus mühsam und zeitraubend sein, mit der Quelle Tageszeitung zu arbeiten.

Der „Nellenburger Bote“ in Stockach berichtete vor 125 Jahren auf Seite 1 über Reichskanzler Bismarcks Kulturkampf gegen die ...
Der „Nellenburger Bote“ in Stockach berichtete vor 125 Jahren auf Seite 1 über Reichskanzler Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche. | Bild: Stadtarchiv Stockach

Das wird sich künftig grundlegend ändern. Möglich wird es dank eines umfangreichen Digitalisierungsschubs, den Stadtarchive im Hegau und in Konstanz zusammen mit dem Kreisarchiv Konstanz angestoßen haben. Ihnen kam die Corona-Krise indirekt zu Hilfe. Denn das Kulturstaatsministerium von Monika Grütters hat unter dem Titel „Wissenswandel“ einen Fördertopf mit Geld für Digitalisierungsprojekte gefüllt. Bei der Bewerbung um eine Beteiligung war Eile geboten, denn in ganz Deutschland sind viele lokale Archive an dem Geld aus Berlin interessiert.

„Unglaublich reicher Schatz unseres historischen Kulturerbes“

Das ist nicht verwunderlich, denn die Digitalisierung öffnet die Tür zu einem Tresor mit wertvollem Inhalt. Von einem „unglaublich reichen Schatz unseres historischen Kulturerbes“ spricht der Konstanzer Kreisarchivar Friedemann Scheck. Er und sein Stockacher Kollege Johannes Waldschütz betonen die beeindruckende Zahl von Zeitungstiteln, die vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 im Hegau und in Konstanz verlegt wurden.

Diese regionalen Tageszeitungen aus dem Raum Hegau-Konstanz sind bald kostenlos digital verfügbar:

„Die Zeitungslandschaft war sehr in Bewegung“, sagt Archivleiter Waldschütz. Dennoch besitze man fast lückenlose Bestände. Denn bei vielen Titeln handelte es sich um amtliche öffentliche Mitteilungsblätter, die routinemäßig gesammelt und gebunden wurden. So meldet Jürgen Klöckler, Leiter des Stadtarchivs Konstanz, eine vollständige Verfügbarkeit aller in Konstanz gedruckten Blätter.

Das Papier ist vom Zerfall bedroht

Doch Tragödien wie die Baukatastrophe unter dem Kölner Stadtarchiv führen vor Augen, dass auch das Zeitungserbe gefährdet ist. Bedrohlicher ist allerdings die Chemie: „Die Zeitungen wurden auf säurehaltigem Holzschliffpapier gedruckt“, sagt Johannes Waldschütz. „Sie sind daher vom Papierzerfall bedroht.“ Die dünnen Seiten reißen an den Rändern ein, Mäusefraß setzt den Bänden zu. Schäden durch Wasser oder Feuer sind trotz aller Schutzmaßnahmen nie auszuschließen.

Schon 80.000 Seiten sind gescannt

Das Projekt Wissenswandel schafft Abhilfe und macht die Zeitungsseiten für jedermann auf dem Computer daheim kostenlos per Internet zugänglich. Seit Januar wurden 80.000 Zeitungsseiten durch eine Esslinger Spezialfirma über Scanner erfasst und digitalisiert. Etwa 300.000 Seiten sollen es insgesamt sein, was etwa einer Länge von 36 Regalmetern entspricht.

Bis Ende August soll nach Auskunft von Archivar Scheck die erste Tranche Online gehen, der Rest soll bis Ende des Jahres folgen. In einem zweiten Schritt sollen weitere 40 Regalmeter gescannt werden.

Zeitungen sind nicht nur eine Quelle für die großen Staatsereignisse. Ein Blick auf eine Anzeigenseite der „Konstanzer ...
Zeitungen sind nicht nur eine Quelle für die großen Staatsereignisse. Ein Blick auf eine Anzeigenseite der „Konstanzer Zeitung“ vom 10. Juni 1888 gibt einen Eindruck von der damaligen Jagd auf Insekten und Plagegeister. | Bild: Archiv SÜDKURIER

Durch den Kauf eines eigenen Scanners wird das Kreisarchiv Konstanz künftig in der Lage sein, die Digitalisierung auch selbst vorzunehmen. Dann müssen nicht mehr so viele Zeitungsbände per Lkw nach Esslingen hin- und zurücktransportiert werden.

Dank modernster Software kann man sogar nach einzelnen Begriffen suchen

Die Nutzer werden Zeitungsseiten künftig am Bildschirm oder auf dem Tablet aufrufen können. Aber sie können zusätzlich auch nach einzelnen Begriffen suchen. Die eingesetzte neuartige Software ist intelligent genug, nicht nur die lateinische Schrift lesen zu können, sondern auch die bis weit ins 20. Jahrhundert verwendete Fraktur, landläufig auch „gotische Schrift“ genannt. Diese müssen die Nutzer beherrschen, um aus dem reichen Fundus an „im Kleinen gespiegelter Weltgeschichte“, wie Johannes Waldschütz die Zeitungen nennt, schöpfen zu können.

Menschen sollen den Weg in die Archive finden

Im Projekt Wissenswandel liegt aber auch eine „Türöffnerfunktion für die lokalen Archive“, wie der Konstanzer Leiter Klöckner sagt. Denn wer digital forscht, der findet leichter auch mal den Weg in ein Stadtarchiv, weil der Kontakt mit analog vorliegenden Quellen nicht immer ersetzt werden kann „und durch die Digitalisierung auch nicht ersetzt werden soll“, wie Jürgen Klöckler betont. Vielleicht wird er in Zukunft sogar mehr als die jährlich bis zu 600 Nutzer haben, die in seine Sammlung kommen. Und selbstverständlich steht auch das umfassende Zeitungsarchiv des SÜDKURIER Besuchern weiter offen.