Ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin kommt abends nicht nach Hause und schildert nach seinem Auftauchen unter Tränen, von drei südländisch aussehenden Männern entführt, geschlagen und vergewaltigt worden zu sein. Die Geschichte des Mädchens mit russischen Wurzeln verbreitet sich über soziale Medienkanäle blitzschnell. Seriöse Medienangebote und russische TV-Sender steigen ein, nur einen Tag später schlagen aufgebrachte Deutschrussen an Flüchtlingsheimen Fensterscheiben ein, es gibt Demonstrationen vor dem Kanzleramt. Motto: „Heute mein Kind, morgen Dein Kind“. Am Ende interveniert der russische Außenminister bei der deutschen Regierung und prangert die Untätigkeit der deutschen Polizei an.

Lügen und Wahrheiten unterscheiden

Warum es in diesem Januar im Jahr 2016 nie eine Festnahme gab? Weil das Mädchen die Geschichte frei erfunden und bei einem Freund übernachtet hatte. Aus einer glatten Lüge waren internationale Verwicklungen geworden. Ein Tollstück. Das aber sinnbildlich dafür steht, welche Gefahr Gesellschaften droht, deren Bürger nicht mehr ausreichend genug in der Lage sind, erlogene Informationen von der Wahrheit zu unterscheiden. Die anfällig für Lügen und Propaganda geworden sind. Und deren Medienkompetenz in der Schule nur unzureichend ausgebildet worden ist.

Diese Gefahr ist nicht diffus, sie ist sehr real, auch bei uns in Deutschland. Journalisten kämpfen jeden Tag für die Veröffentlichung wahrhaftiger Inhalte und stemmen sich gegen das Getöse des digitalen Wahnsinns. Sie ringen um die Richtigkeit ihrer Informationen und prüfen sorgfältig bevor sie publizieren. Doch dieses Geschäft wird schwieriger, denn die Pressefreiheit wird auch in der Bundesrepublik angegriffen oder mindestens laut infrage gestellt.

Auch bei uns wird die Pressefreiheit bedroht

„Reporter ohne Grenzen“ stufte unser Land auf der Liste zur Freiheit der Presse gerade um zwei Plätze ab, es liegt nun hinter Staaten wie Jamaica und Costa Rica. Journalisten werden bedroht und der Versuch der Einflussnahme ist fast Alltag. Mal gibt es Unternehmen, die mit dem Entzug von Werbegeldern drohen, wenn das Medienhaus nicht die erwünschten Inhalte veröffentlicht. Mal sind es Kommunalpolitiker, die ihrer gesetzlichen Pflicht zur Auskunft nicht nachkommen wollen, weil sie Nachteile für sich sehen. Die mit Staatsgeld eigene Publikationen betreiben und damit gegen das Grundgesetz verstoßen, um ihre Botschaften ohne kritische Reflexion durch Journalisten an die Bürger zu bringen. Und es gibt Polizisten, die die Kameras von Reportern einkassieren, weil sie sich gestört fühlen – auch bei uns in Südbaden.

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Diese Vorgänge wiegen schwer und sie sind alarmierend. Unsere Gesellschaft muss sich entscheiden, ob sie unabhängige journalistische Berichterstattung will oder nicht. Ob sie sie schützen oder bekämpfen will. Eines aber ist sicher: Ohne freie Presse würde sich unser Land verändern, denn viele Missstände blieben unentdeckt, Missbrauch von Macht auf allen Ebenen verborgen. Die „Washington Post“ führt in ihrem Titel den Zusatz „Democracy Dies in Darkness“, Demokratie stirbt in Dunkelheit. Das ist eine Mahnung. Und sie ist berechtigt.