Wer ist Yves R.? Tagelang jagt im Juli 2020 die geballte Staatsmacht einen einzelnen Mann, der in einer Gartenhütte bei Oppenau im vier Polizisten entwaffnet hatte und mit deren Dienstpistolen in den Schwarzwald geflüchtet war.

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Während sich im Internet Spott über die Polizei ergießt, herrscht in dem beschaulichen Touristenstädtchen im badischen Renchtal und der umliegenden Region Ausnahmezustand wie zuvor nur beim Nato-Gipfel oder dem Papstbesuch. Die Polizei rückt mit Hundertschaften, Spezialkräften, Hubschraubern, Wärmebildkameras, Drohnen und Spürhunden an, insgesamt sind über Tausend Beamte Tag und Nacht im Einsatz. Die Schule fällt aus, Eltern lassen ihre Kinder nicht aus dem Haus. Dafür fallen Medienvertreter aus der ganzen Republik ein und an jeder Ecke der Ortschaft stehen schwer bewaffnete Einsatzkräfte.

Doch Yves R. bleibt verschwunden, versteckt in den dichten Wäldern, Steilhängen und Schluchten des Schwarzwalds, in denen er sich auskennt. Erst sechs Tage später wird der damals 31-Jährige in direkter Ortsnähe von Oppenau im Gestrüpp einer Böschung festgenommen. Ein SEK-Beamter wird dabei verletzt.

Wie gefährlich ist dieser Mann? Diese zentrale Frage muss das Landgericht Offenburg im Prozess gegen den heute 32-jährigen Yves R. klären, der an diesem Freitag unter großem öffentlichen Interesse begonnen hat. Ist er – eine ortsbekannte merkwürdige Erscheinung – ein am Leben gescheiterter Exot, der aus einer unglücklich eskalierten Lage nicht mehr herausfand? Oder steht vor Gericht ein unberechenbarer Waffennarr mit einschlägiger Vorstrafe, ein Geiselnehmer, der mit dem Leben abgeschlossen hat und bereit war, sich seiner Festnahme mit Gewalt zu widersetzen? Ist er eine Gefahr für die Allgemeinheit?

Die Anklage lautet Geiselnahme

Im tief verschneiten Offenburg steht schon morgens um sechs Uhr in der klirrenden Kälte der erste Besucher vor der historischen Reithalle, in die der Prozess aus Infektionsschutzgründen verlegt wurde. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben wegen Geiselnahme – damit ist die Bedrohung von Polizeibeamten und erzwungene Herausgabe von Dienstwaffen erfasst – und gefährlicher Körperverletzung bei der Festnahme. Dazu kommt unerlaubter Waffenbesitz.

Schwer bewacht ist der Eingang zum Prozessgebäude.
Schwer bewacht ist der Eingang zum Prozessgebäude. | Bild: Thomas Kienzle/AFP

Allein auf die Geiselnahme stehen im Fall einer Verurteilung fünf bis 15 Jahre Haft. Aber in diesem Fall gibt es viele Fragezeichen zu klären. Dass es sich um eine Angelegenheit „ohne Präzedenzfall“ handelt, räumt Kai Stoffregen, Sprecher der Staatsanwaltschaft, im Lauf des Vormittags ein. Die Frage, ob hier ein minder schwerer Fall von Geiselnahme vorliegt, dürfte entscheidend für das Urteil werden, glaubt er.

Aufmerksam, aber schweigend

Im Mittelpunkt des ersten Prozesstages stehen neben der Anklage und der schriftlichen Erklärung des Angeklagten zunächst die Geschehnisse bei der Festnahme am 17. Juli. Mehrere Polizeibeamte sagen am Nachmittag als Zeugen dazu aus. Yves R. sitzt seit der Festnahme in U-Haft. Er wird in Handschließen in die Reithalle geführt, ein unauffälliger, mittelgroßer Mann mit Brille, fahlem, teigigem Gesicht, kahl rasiertem Schädel und einem Kinnbart-Zöpfchen.

Er wirkt zurückhaltend, spricht kaum, antwortet dem Vorsitzenden Richter am Landgericht, Wolfgang Kronthaler mit Kopfnicken oder Kopfschütteln, verfolgt das Verfahren aber aufmerksam. Statt in eigener Sache zu sprechen, lässt er seine beiden Pflichtverteidiger eine persönliche Erklärung verlesen, die einen tiefen Blick freigibt auf die spezielle Persönlichkeit des Yves R. Fragen dazu lässt er nicht zu.

Nie angekommen im Alltag

Demnach hat er nie richtig Fuß fasst im geordneten Leben. Nach einer über dreijährigen Jugendhaftstrafe wegen schwerer Körperverletzung mit einer Armbrust weiß er nur eins mit Sicherheit: Er will nie wieder ins Gefängnis. Er jobbt und lebt in den Tag hinein. In den Wäldern um Oppenau sucht er Zuflucht vor Depressionen, begeistert sich für das Outdoor-Leben, besitzt Axt und Bogen und mehrere Messer.

In dieser Hütte hielt sich R. auf, als die Geiselnahme begann.
In dieser Hütte hielt sich R. auf, als die Geiselnahme begann. | Bild: Philipp von Ditfurth/dpa

Zuletzt haust er im Auto und im Wald, schafft sich Ausrüstung an, plant eine große Wanderung durch Deutschland. Mit den genauen Daten seiner bisherigen Lebensstationen hat er in der Erklärung Schwierigkeiten. Aber er weiß exakt, wie viele Tausend Liter Trinkwasser er zubereiten kann mit dem Wasserfilter, den er sich für seine lange Wanderung zugelegt hat. Die unverschlossene, zugewachsene Gartenhütte, in der er im Juli mit seiner Ausrüstung ein paar Tage Unterschlupf nimmt, wähnt er aufgegeben.

Was passierte bei der Kontrolle?

Doch als ein Nachbar auf den illegalen Eindringling aufmerksam wird und am 13. Juli die Polizei ruft, platzen seine Zukunftspläne jäh. Was bei der Polizeikontrolle passiert, wird wohl zentraler Gegenstand des Prozesses werden und maßgeblich für den Vorwurf der Geiselnahme sein.

Denn die zunächst entspannt ablaufende Personenkontrolle durch zwei Beamte, bei der sich Iyes R. den Angaben der Polizei nach zunächst kooperativ zeigt, eskaliert, als ein weiteres Beamtenduo eintritt und ein anderer Polizist die Ansprache übernimmt. Yves R. fühlt sich wiederholt von ihm provoziert, auch gedemütigt, er bittet vergeblich darum, dass wieder ein anderer Beamter die Kommunikation übernimmt. Dass da „keine Sympathie geherrscht habe“ zwischen den beiden, bestätigen später auch die anderen Beamten. Als der betreffende Polizist ihn dann auch noch durchsuchen will, kommt es zum Schlüsselmoment des ganzen Dramas: Yves R. zieht eine der beiden verborgenen Schreckschusswaffen, die er bei sich hat, und bedroht damit den Beamten. Eine Waffe ist eine mit Pfeffer geladen, die andere mit Farbsignal, beide sehen täuschend echt aus.

Fatale Reaktion

Die Situation kippt. Der Beamte, der aus kurzer Entfernung in den Lauf einer Waffe blickt, die er für echt hält, fürchtet um sein Leben. Seine Kollegen wollen weder seines noch ihr eigenes Leben riskieren. Warum diese Bedrohung? Er fürchtete, verhaftet zu werden, wieder ins Gefängnis zu müssen, schreibt Yves R.. Grund dazu hätte er nicht gehabt. Das weiß Yves R. nicht. Er fordert die vier Polizisten auf, ihre Waffen abzulegen, sich von der Gartenhütte zu entfernen. „Ich war dann überrascht, dass sie das auch taten“ schreibt er. Die Dienstpistolen will er mitgenommen haben, weil er fürchtete, die Polizisten würden zurückkommen und damit auf ihn schießen. Kopflos flieht Yves R. in den Wald, schnappt sich zuvor nur einen Rucksack.

Auf der Flucht ein Plausch mit dem Polizisten

Und trifft mit den vier schweren Dienstwaffen der Polizisten in seiner Tarnhose – „das war sehr mühsam“ – ausgerechnet auf den ahnungslosen Dorfpolizisten von Oppenau, der zufällig mit seiner Familie durch den Wald spaziert. Man kennt sich und wechselt ein paar Worte, dann flieht Yves R. unbehelligt weiter. Warum der Dorfpolizist, der offenbar wusste, dass Yves R. in der Gartenhütte Quartier genommen hatte und doch aussagen hätte könne über ihn, nicht erwähnt werde in den Ermittlungsaktien, versteht Yves R. nicht, wie er schreibt.

Im sonst so beschaulichen Oppenau im mittelbadischen Renchtal wohnte R.
Im sonst so beschaulichen Oppenau im mittelbadischen Renchtal wohnte R. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Er habe nicht geahnt, in welchem riesigen Ausmaß nach ihm gefahndet wurde, und gehofft, alles werde sich nach ein paar Tagen legen, schreibt Yves R. Denn eigentlich, so kann man seine Aufzeichnung deuten, glaubt er, dass er ja nicht wirklich etwas angestellt hat. Die Waffen wollte er los werden, weiß aber nicht, wie. Er will sie nur behalten haben, damit sie niemand im Wald findet und damit Unheil anrichtet. Um sich zu beschäftigen, putzt er sie sogar. Er ist abgeschnitten von der Welt und dem Großeinsatz um ihn herum. Sein Handy hat er aus Sorge vor Ortung nicht an, zudem gibt es ohnehin wenig Empfang in der Region. Er sucht seine versteckten Lagerplätze auf, in der Dunkelheit geht er auf Wassersuche. Manchmal sieht er die Beamten nur wenige Meter von sich entfernt, sagt er. Sie sehen ihn nicht. „Die hätten mich nie gefunden“, ist er überzeugt. Aber bald ist er dehydriert, es ist heiß tagsüber, das Wasser ist knapp, er ernährt sich von Beeren und Brennnesseln.

Nach langen Tagen realisiert Yves R. schließlich, dass die Polizei nicht aufgibt. Und sieht keinen Ausweg, schreibt seiner Mutter einen Brief. Er rechnet damit, die Sache nicht zu überleben. Am Freitag Nachmittag, sechs Tage nach seiner Flucht, läuft er schließlich auf der Straße Richtung Ort. Er trifft auf den Postboten von Oppenau, der aber in seinem Auto wortlos flieht, die Polizei informiert. Yves R. ist unschlüssig, schließt ab mit seinem Leben. Er ahnt, dass der Zugriff bevorsteht, setzt sich ins Gebüsch, schnitzt mit dem Beil, das er dabei hat, an einem Ast herum, und wartet. „Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich wollte ja zu meiner Mutter. Ich wollte nie jemanden verletzten, aber ich wollte nicht aufgeben, dazu bin ich nicht der Typ. Ich wollte überwältigt werden“, schreibt er.

Polizist ist bereit zu schießen

Für die Polizei ist das Bild ganz anders. Zwar gibt es einige Zeugen aus dem Ort, die Yves R. als harmlos schildern. Einige sollen sich während der Fluchttage auch angeboten haben, in den Wald zu gehen und Yves R. durch Rufen zum Einlenken zu bewegen. Warum ist das nicht erfolgt? Die Polizeiführung ganz oben, sagt ein Einsatzleiter am Freitag aus, habe das aufgrund der Gefahreneinschätzung abgelehnt.

Schließlich ist da ein schwer bewaffneter Mann im Wald unterwegs, der gefasst werden muss. Wird er schießen? Will er sterben? Hat er Sprengstoff dabei? All das wissen die Beamten nicht, die ihn schließlich umstellen. Aber sie kennen seine Vorgeschichte und rechnen mit allem. „Ich bin schon viele Jahre bei der Polizei, aber noch nie einem gegenübergetreten, der vier scharfe Waffen und eine Axt bei sich hatte“, sagt der Beamte, der den Erstkontakt bei der Festnahme herstellt, mit Yves R. ins Gespräch kommt. Er rechnet damit, dass ihm etwas passieren kann – und ist bereit, auf Yves R. zu schießen.

Ein Video zeigt das Festnahme-Gestrüpp

Ein Video im Prozess zeigt die Festnahmesituation, aber man sieht nicht viel außer einem steilen zugewachsenen Hang, SEK-Beamten, die ins Gestrüpp starren, und nach einem Getümmel Ives R. an den Armen aus dem Unterholz ziehen und auf die Straße schleifen. „Was hab‘ ich denn gemacht?“ hört man Yves R. zuvor im Gespräch mit dem Polizisten sagen, der ihn zum Aufgeben bewegen will. Er bleibt ruhig, ergibt sich aber nicht. Er hebt die Hände, um zu zeigen, dass er nicht angreift, eine Polizeiwaffe hat er ein Stück entfernt hingeworfen. Das Beil, das er im Schoß liegen hat, will er aber nicht abgeben. „Ein Germane stirbt mit der Waffe in der Wand“, sagt er zu dem Beamten, der ihn fragt, was er denn erreichen wolle.

Schuss mit der Elektroschockpistole

Dann schießt ihm die Polizei mit der Elektroschockpistole zwei Pfeile in den Rücken. Yves R. schlägt danach wohl mit dem Beil um sich, auf dem Video ist das nicht zu sehen, er trifft einen Beamten, der im steilen Hang hinter ihm steht, am Fuß. Der SEK-Mann ist seitdem dienstunfähig. Eine Krampf- oder Schmerzreaktion durch den Elektroschock? Ein bewusster Angriff, wie die Polizisten aussagen, gar in Tötungsabsicht? Nach dem verletzten Beamten habe er sich erkundigt, sich entschuldigt, es tue ihm sehr leid, schreibt der Angeklagte. Auch der Polizist, der ihn nach der Festnahme in die Haft begleitet, bestätigt dies. Erleichtert habe Yves R. am Ende gewirkt, sagt der Beamte aus. „Er war nicht erschöpft, ich war überrascht, wie eloquent er gesprochen hat.“ Auf ihn habe er vor allem sozial ausgehungert gewirkt nach den sechs Tagen allein im Wald.

Zunächst sind sechs Verhandlungstage angesetzt, der Prozess wird am kommenden Freitag fortgesetzt. Ein Urteil könnte am 19. Februar fallen.