Wir haben ja jetzt Zeit und lesen daher den SÜDKURIER ausführlich. Vor allem finden wir die Artikel über das Homeschooling interessant, da unser Paul in die 3. Klasse geht und Jule im September in die Schule kommt – hoffentlich!

Jule und Paul aus Allensbach
Jule und Paul aus Allensbach | Bild: Wegener

Die Schulschließung hatte sich ja angekündigt. Also bin ich, die Mutter Julia, ab in den letzten offenen Schreibwarenladen, Bastelheftchen gehamstert, mit angehaltenem Atem bezahlt und wieder Heim zu den Kindern. Erstaunt über nicht allzu viel Chaos, wurde mir klar, was sie gemacht haben. Aber auch die beste CD ist irgendwann zu Ende: „Maaaaamaaaa! Uns ist langweilig!“

Bei uns läuft es anders

Wenn ich unseren Tagesablauf mit dem anderer Schreiber vergleiche, verblasse ich vor Neid, denn bei uns läuft es leider anders: Paul steht zwischen 5 und 5.30 Uhr auf, kuschelt kurz mit Papa, vertilgt dann zwei Kekstörtchen (Papier bleibt liegen) und macht sich an seine Hausaufgaben. Toll, werden Sie jetzt denken, ganz selbstständig und ganz von alleine. Wenn ich dann um 7 Uhr aufstehe, ist Paul fertig, hüpft rum und langweilt sich. Mit seiner netten und perfekt organisierten Lehrerin will er lieber keinen Kontakt haben, denn da könnte ja ein weiterer Arbeitsauftrag rausspringen. Mir ist es ein Rätsel, wie Paul überhaupt seine Hausaufgaben machen kann, ich kann aus dem Chaos am Esstisch nicht mal einzelne Arbeitsblätter unterscheiden. Papa Uwe hat die Aufsicht über die Hausis gewonnen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Ansprüche von Papa und Lehrerin deckungsgleich sind, freue mich aber, dass das Thema Hausis mal nicht mein Kompetenzbereich ist. Am liebsten würde Paul jetzt eine Runde zocken, als ich das ablehne und das Wort „Spielsachen“ erwähne, verteilt Paul widerwillig noch ein paar mehr Spielsachen knöchelhoch auf dem Fußboden.

Jule macht derweilen noch ihren Schönheitsschlaf. Klar – sie musste ja auch die Eltern bis spät abends unterhalten. Gegen 11 Uhr sind dann alle wach und auch abgefrühstückt, und wir können mal was zusammen machen: ich überrede die Kinder zum Puzzeln, denn wir haben noch ein unbearbeitetes Puzzle auf dem Speicher gefunden. Nach 10 Minuten bin ich in das Puzzle vertieft und die Kinder haben auch einige passende Teile gefunden. Beide Kinder freuen sich, dass die Mutter sich so sinnvoll und selbstständig beschäftigt, rennen zum Kühlschrank, klauen Salami und bauen auf Jules Hochbett eine Disco-Station auf – inklusive Verstärker. Zum Trotz und weil ich ja auch mal was für mich machen soll, mache ich das Puzzle (fast ganz) zu Ende, bis Gestreite und Geheule aus dem Kinderzimmer ertönt: „Paul hat mich...Jule hat...!“

Raus in die Natur.
Raus in die Natur. | Bild: Wegener

Beiden Kindern fehlen die Freunde und die Sportvereine. Paul spielt drei Mal pro Woche Eishockey und ist daher leider körperlich extrem fit. Und auch Jule ist bei vielen Sportarten aktiv, und das alles war von heute auf morgen beendet, nur die (den Zustand der Mutter bei weitem überschreitenden) Fitness bleibt. Mit dem Fahrrad fahren wir zu einem Tümpel im Wald. Das ist was für alle, bis beide Kinder kniehoch im Matsch versinken. Ebenfalls gute Erfahrung haben wir gemacht, wenn wir die Kinder in das Holzmachen einbinden.

Paul hilft beim Holz machen.
Paul hilft beim Holz machen. | Bild: Wegener

Mit ein bisschen Motivation spaltet Paul selbstständig die „Ruggele“, Mama bedient die Spaltmaschine und Papa stapelt den Haufen. Jule hilft beim Baumstämme halten, so dass der Papa gut sägen kann.

Jule hält den Stamm und Papa Uwe sägt.
Jule hält den Stamm und Papa Uwe sägt. | Bild: Wegener

Familienidylle! Gut, alle sind beschäftigt. Wenn die Motivation jetzt nachlässt, müssten wir eigentlich den nächsten Schritt gehen: aber sollen wir wirklich den Kindern die Motorsägen überlassen? Wohl doch eher nicht. Wir versprechen den Kindern stattdessen Feuer und Stockbrot im eigenen Garten. Beide helfen beim Teigmachen und schnitzen ihre Stöcke. ES klappt und ich fühle mich das erste Mal heute wie eine pädagogisch kompetente Mutter.

Papa Uwe wird zum Stockbrot grillen eingeteilt.
Papa Uwe wird zum Stockbrot grillen eingeteilt. | Bild: Wegener

Dann ist Geduld gefragt, bis das Holz zu Glut verbrannt ist, und endlich halten die Kinder ihre Stockbrote ins Feuer. Da das Verbrennen auf offener Flamme viel schneller Erfolg zeigt, geht ihnen bald die Geduld aus und Papa wird zum Stockbrot grillen eingeteilt, Mutter darf für Getränke sorgen.

Als alles bereit ist, ertönt ein Jauchzer, die Kinder freuen sich, dass sich die Eltern so pädagogisch wertvoll beschäftigen und stürmen ins Haus. Wir Eltern seufzen, grillen Stockbrot (das mir so mittel und meinem Mann gar nicht schmeckt), machen ein Bier auf und genießen die Sonne. Aus dem Haus ertönen Geräusche von Möbelrutschen und lauter Musik, zwischendurch geht ein Fenster auf und Jule ruft: „Papa! Ist mein Stockbrot bald fertig?“

Das weiße Gold.
Das weiße Gold. | Bild: Wegener

Während wir Stockbrot gegrillt haben, ist leider im Haus der Toilettenschlüssel abhanden gekommen. Sehr schade! Das einzig stille Örtchen in der Corona-Zeit! Man konnte in Ruhe sitzen, das weiße Gold, die restlichen Klopapierrollen zählen und einfach mal die Gedanken baumeln lassen – ach wie herrlich!

Den Tag beenden wir seit der Quarantäne vor dem Fernseher. Zum Glück sind die Kinder noch der Meinung, dass der Fernseher nur einen Sender, nämlich Kika, hat. Aber, haben Sie gewusst, dass Kika einen Sendeschluss hat? Wir auch nicht! Aber als wir Eltern erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen sind, schlich sich in unsere Träume der entrüstete Aufschrei unserer Kinder: „Mama, Papa, es geht nicht mehr weiter!“

Paul hilft beim Mundschutz nähen.
Paul hilft beim Mundschutz nähen. | Bild: Wegener

Zur Rettung der Ehre meiner Kinder muss ich sagen, dass Paul gute Noten schreibt und ganz selbstständig und sehr gut geholfen hat, Atemschutzmasken für ein Pflegeheim zu nähen und Jule stundenlang ihre Puppies gekämmt, umgezogen und gebettet hat. Die gekauften Bastelsachen blieben allerdings unangetastet. Am Ende von Corona können wir zwar ziemlich sicher sein, dass wir niemanden angesteckt haben, denn wir nehmen das Social Distancing sehr ernst, allerdings müssen wir die Wohnung renovieren, eine Therapiestelle für mich suchen, das Türschloss der Toilette austauschen und einen Strauss Blumen kaufen, für alle die, die unsere Kinder ansonsten so nett und wertvoll betreuen!