„Wir beobachten deutliche Anzeichen für Lagerkoller„, sagt Alexander Rauch, Heimleiter bei der Stiftung Liebenau in Oberschwaben. Rauch leitet den Bereich Liebenau Teilhabe, in dem geistig Behinderte über lange Jahre betreut werden. Seine Schützlinge sind massiv von der Coronakrise betroffen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung, bevor er zum nächsten Termin eilt. Seit der Verschärfung der Ausgangsbeschränkungen dürfen die Bewohner kaum mehr die Einrichtung verlassen. Private Kontakte sind nicht mehr möglich. Deshalb auch Lagerkoller.

Der Ausflug zur Familie musste gestrichen werden

Besonders schmerzlich war es über Ostern. In der Wohngruppe St. Vinzent leben zwölf Behinderte zusammen. In regelmäßigen Abständen dürfen sie zu ihren Eltern oder zu anderen Verwandten fahren. Zum Beispiel über Ostern. Auch Claudia Dannenmann zählt zu den Bewohnern, die über die Feiertage zu ihrer Familie in Böhringen (bei Singen) darf, um dort die Tage zu verbringen. Dieses Jahr war es nicht möglich, was den Betreuten bereits Tage zuvor schonend gesagt wurde. Die meisten von ihnen hat es sehr belastet, weil damit ein eingespieltes Ritual unterbrochen wurde, das ihnen sonst Halt und Struktur gibt. Und gute Laune. Stattdessen hat die Heimleitung versucht, die Zeit durch Beschäftigung und Spiele zu überbrücken.

Claudia Dannenmann wohnt in der Stiftung Liebenau. Dort wurde auch ihr Talent für expressives Malen entdeckt. Zurzeit darf sie wie alle Behinderten dort nicht in die Werkstatt – das schafft Probleme.
Claudia Dannenmann wohnt in der Stiftung Liebenau. Dort wurde auch ihr Talent für expressives Malen entdeckt. Zurzeit darf sie wie alle Behinderten dort nicht in die Werkstatt – das schafft Probleme. | Bild: Brunhilde Dannenmann

„Claudia kann sehr aufgeregt sein“, berichtet ihre Mutter Brunhilde Dannenmann. Die 50-Jährige erhielt beruhigende Medikamente, um die Isolation und Trennung überwinden zu können.

Sie darf nicht mehr in die Werkstatt zum Malen

Seit dem dritten Lebensjahr ist ihre Tochter geistig behindert. In der Liebenau entdeckten ihre Betreuer, dass sie über künstlerisches Talent verfügt. In der Werkstatt arbeitet sie deshalb mit Pinsel und Leinwand und malt ausdrucksstarke, nahezu abstrakte Bilder. Sie werden immer wieder auch außerhalb der Einrichtung ausgestellt. Diese Tätigkeit ruht nun völlig. Alle Werkstätten sind geschlossen, ebenso die Kantine. So lebt die Wohngruppe in den eigenen Räumen.

Claudia Dannenmann durfte über Ostern nicht ihre Familie besuchen. Die Behinderten sollten ihre Wohngruppen nicht verlassen.
Claudia Dannenmann durfte über Ostern nicht ihre Familie besuchen. Die Behinderten sollten ihre Wohngruppen nicht verlassen. | Bild: Brunhilde Dannenmann

Auch für Betreuer Alexander Rauch und seine Kollegen bedeutet das eine erhebliche Mehrbelastung. Dienstpläne werden neu geschrieben und umgestellt. Die Betreuung muss auf den Kopf gestellt werden, da der Ausgleich durch die Arbeit in den Werkstätten entfällt. Die größte Herausforderung liegt auf der geistigen Ebene: „Die Behinderten können nicht nachvollziehen, warum sie vieles nicht mehr dürfen und warum sie in der Wohngruppe bleiben müssen.“ Sie verstehen nicht, warum ihre Welt plötzlich nicht mehr so ist, wie sie es gewohnt sind.

Bisher kein Fall von Corona

Glück im Unglück: Im Bereich Liebenau Teilhabe ist bisher keine Infektion mit dem Coronavirus aufgetreten. Sollten ein Bewohner oder ein Betreuer positiv getestet werden, sieht es anders aus. Bisher können die Schützlinge den Komplex von der Größe eines Dorfes noch verlassen für kleine Spaziergänge.

Die Stiftung Liebenau zählt zu den größten Behinderteneinrichtungen in Baden-Württemberg. Sitz der Stiftung ist Liebenau im Kreis Ravensburg. Diese soziale Einrichtung wurde vor 150 Jahren von einem katholischen Priester gegründet, um Menschen mit einer Behinderung bei einem menschenwürdigen Leben zu unterstützen. Die Liebenau betreut etwa 30.000 Menschen in sechs Ländern, sagt Pressesprecherin Helga Raible. Eines der Tochterunternehmen ist Liebenau Teilhabe, wo Claudia Dannenmann lebt.