In keiner ordentlichen Weihnachtskrippe dürfen die beiden Viecher fehlen, das graue nicht und das braune nicht. Ochs und Esel gehören nicht erst seit den figurenreichen Schnitzereien von Oberammergau zum Bestand jeder Krippe. Sie bilden die erweiterte Familie um Maria, Josef und das Jesuskind. „Damit es der kleine Jesus warm hat“, sagte ein schwäbischer Schulmeister in den 1960er-Jahren der Klasse, in der auch der Autor saß.

Damit wollte der Lehrer erklären, was die beiden Tiere in dem improvisierten Geburtszimmer von Bethlehem eigentlich suchen. Ging es wirklich nur um die Zimmertemperatur? Oder um ein großes Ereignis, dessen Zeugen sie werden? Noch vor den Hirten und den drei Weisen knien sie an der Wiege einer neuen Epoche.

Zwei gute Freunde des Menschen

Was treiben die beiden Nutztiere dort? Im Lukas-Evangelium heißt es einsilbig, dass Maria in einem Stall niederkam. Auch von einer Krippe ist die Rede, doch nirgends von Tieren, weder bei Lukas, der die Geburt Jesu am breitesten ausmalt, noch bei den anderen drei Evangelisten. Die beiden Säuger mit ihrem warm dampfenden Atem fehlen in den frühen Berichten.

Erst in einem späteren Text tauchen die Tiere aus dem Nichts auf. In der Schrift des Pseudo-Matthäus (“Falscher Matthäus“) heißt es: „Am dritten Tag der Geburt unseres Herrn Jesu Christi ging die allerseligste Jungfrau aus der Höhle heraus, begab sich in den Stall und legte ihren Knaben, den Ochs und Esel anbeteten, in eine Krippe.“

Rosa ist der Esel bei dieser Alessi-Krippe. Mit dem Ochsen nimmt er auch hier eine zentrale Rolle ein.
Rosa ist der Esel bei dieser Alessi-Krippe. Mit dem Ochsen nimmt er auch hier eine zentrale Rolle ein. | Bild: Marijan Murat/dpa

Der falsche Matthäus hat es – wie mancher andere eifrige Scheiber – nicht in die heute gültige Bibel geschafft. Aber die beiden Tiere haben es gepackt und sie erfreuen jeden, der die Vierbeiner mag. Die Botschaft ist eindeutig: Das Tier ist ein guter Freund des Menschen, es erfreut und wärmt ihn, es fühlt mit ihm, und ja – es nährt ihn.

Die Krippe des heiligen Franziskus

Franziskus von Assisi (1181/1182-1226) war der erste Prediger, der Ochs und Esel in das weihnachtliche Geschehen hineingenommen hat. Dieser populäre Prediger kam auf die Idee, die Botschaft von der Geburt nicht nur zu lesen, sondern sie anschaulich zu machen. So schuf Franziskus die erste und lebende Krippe. Bauern und Hirten aus Umbrien spielten vor einer Kulisse die Bauern und Hirten von Bethlehem, dazu wurde ein Kleinkind in eine Krippe gelegt.

Damit etablierte der große Heilige nicht nur die Krippe als neuen Bestandteil des Festes. Er machte auch die Tiere zu Mitspielern auf der weihnachtlichen Bühne. Seitdem muht, blökt und schreit es in Bethlehem.

Franz von Assisi wird nicht nur in diesem Glasfenster in Porto Azzuro auf Elba mit Vögeln dargestellt.
Franz von Assisi wird nicht nur in diesem Glasfenster in Porto Azzuro auf Elba mit Vögeln dargestellt. | Bild: dpa

Franziskus hatte einen tieferen Hintergedanken mit diesem figurenreichen religiösen Theater. Ihm ging es nicht um gesellige Weihnachts-Deko oder den kindergerechten Streichelzoo. Der kleine Mann aus Assisi war um das Wohl der Tiere besorgt. Auch sie sind Teil der Schöpfung, lehrte er. Vögel oder Klauentiere seien nicht nur nach ihrem Nutzen zu taxieren, predigte er den erstaunten Zeitgenossen, für die selbst Singvögel vor allem leckere Happen waren – und nicht beseelte Lebewesen mit einem eigenen Lebensrecht.

Der Homo sapiens ist nicht allein

In seiner berühmtesten Dichtung kommt das klar zum Ausdruck. Im Sonnengesang spricht Franziskus von „Meine Brüder Vögel“. Eine klare Scheidewand zwischen dem zweifüßigen Homo sapiens und anderen Säugetieren lehnte er ab. Auch Tiere haben in diesem Kontext ihren Anteil am Himmel.

Und die moderne Theologie? Wie geht sie mit dem Gedankengut von Franziskus um? Spannenderweise ist die heutige Seelsorge und theologische Forschung nicht weit weg von Franziskus, auch wenn dieser vor etwa 800 Jahren lebte. Seine Anstöße sind aktueller denn je, manche sehen in ihm den Pionier einer christlichen Ökologie, lange bevor es das Wort überhaupt gab.

Ein Pfarrer lehrt die Tierethik

In Münster in Westfalen forscht ein eigenes Institut über die Frage, ob und wie auch Tiere beseelt sind – und was daraus für den Menschen folgt, wenn er Tiere als Mit-Geschöpfe ernst nimmt und nicht nur als Schnitzelträger betrachtet. Rainer Hagencord leitet das Institut für theologische Zoologie, dessen Programm damit umrissen ist: Auch Tiere (griechisch: Zoon) haben Anteil an Gottes großem Plan. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER sagt der Tierethiker Hagencord: „Tier und Mensch sind Seele, keine Frage.“

Freilich, seine Kollegen haben das Thema lange beiseite geschoben. Über Jahrhunderte störte sich kaum jemand an der völligen Vernutzung von Vierbeinern. Diese waren säuberlich nach Haustieren, Jagdtieren, Nutztieren eingeteilt. Sie erfüllten stets einen praktischen Zweck, der sie zu einem Leben an der Seite des Menschen berechtigte.

Die heilige Familie in Keramik: Ochs und Esel im Vordergrund.
Die heilige Familie in Keramik: Ochs und Esel im Vordergrund. | Bild: Adriana - stock.adobe.com

Kein Wunder. Denn wenn man Säugetieren diesen hohen Rang einräumt, hat das direkte Folgen. Eine vegetarische Ernährung wäre nur eine davon. Wenn Tiere so hoch im Schöpfungsplan siedeln, dann haben sie nichts im Schlachthaus und noch weniger auf dem Teller verloren. Hagencord hat diese Konsequenz für sich gezogen. Seit zehn Jahren verzichtet er auf jegliche Nahrung, die zu Lebzeiten zwei Augen hatte. Er sagt aber auch: Jesus war kein Vegetarier.

Die Bibel nimmt Tiere ernst

Rainer Hagencord hat analysiert, wie die Zweiteilung – hier Mensch, dort Vieh – entstehen konnte. Er nennt diese Haltung Dualismus (von dual: zwei). Demnach bildet der Homo sapiens eine Klasse für sich, die alles unterjocht, was da kreucht und fleucht. „Erst dieser Dualismus ermöglichte die Ausbeutung der Erde und anderer Lebewesen“, ahnt er.

Kühe stehen in einem Stall. Immer wieder stellen Tierschutz-Skandale die moderne Massentierhaltung in Frage.
Kühe stehen in einem Stall. Immer wieder stellen Tierschutz-Skandale die moderne Massentierhaltung in Frage. | Bild: Armin Weigel/dpa

„Die Bibel kennt diese Spaltung nicht“, sagt der katholische Priester im Gespräch. Dort werde anderen hochentwickelten Lebewesen ebenfalls ein Anteil am Schöpfungsplan zugestanden. Hagencord verweist auf die Rettungserzählung der Arche Noah. Im Kern geht es um die Frage, wie das Leben auf einer verwüsteten Erde weitergeht. Noah, der die Operation leitet, nimmt ausdrücklich ein Paar von jeder Tiergattung mit. Er wählt nicht aus und lässt keine Art zurück. Jedes hat ein Recht auf Würde, ob es mit Flügeln oder Flossen ausgestattet ist.

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Als Begleiter und, noch mehr, als Gesprächspartner tauchen Tiere immer wieder in den Beschreibungen der Heiligen auf. Beim Tierfreund Franziskus sind es respektable Vogelschwärme, die sich vor ihn setzen und ihm zuhören. Der Mönch soll ihre Sprache mühelos beherrscht haben, will eine Legende wissen, die sich um den seltsamen Mann rankt. Mit ihnen habe er wie mit seinen Brüdern gesprochen, und die Vögel hätten dabei eifrig genickt, um ihre Zustimmung zu zeigen.

Wendelin und seine Herden

Aus den alten Bauernkalendern sind jene Patrone nicht herauszudenken, die sich um Haustiere kümmern. Wendelin zum Beispiel ist zuständig für Herden und deren Hirten, er wird deshalb als Hirte mit Schafen oder auch mit Kühen dargestellt. Leonhard passt auf die Pferde auf. Aufregender ist das Motiv der gezähmten Bestie – auch ein Reflex auf die Gefährdung des Menschen durch wilde Tiere, die im Europa des Mittelalters noch munter durch die Wälder streunten.

So wird der Gelehrte Hieronymus stets mit einem Löwen dargestellt. Das Tier sitzt ihm zu Füßen, brav wie eine satte Katze, die vor sich hin schnurrt. Während Hieronymus mit großer Feder schreibt, hebt der Löwe nur schläfrig die Tatze. Die Szene ist auf hunderten von Malereien gestaltet, am schönsten wohl von Albrecht Dürer in seinem Holzschnitt „Hieronymus im Gehäus“.

Der heilige Wendelin wird meist mit Kühen und Schafen abgebildet. Wendelin ist Schutzpatron der Hirten, Bauern, Tagelöhner und Landarbeiter.
Der heilige Wendelin wird meist mit Kühen und Schafen abgebildet. Wendelin ist Schutzpatron der Hirten, Bauern, Tagelöhner und Landarbeiter. | Bild: Zathletic - stock.adobe.com

Haben Tiere denn eine Seele? Die meisten Hundebesitzer werden dies bejahen. Was haben sie nicht alles erlebt mit Dackel oder Labrador! Sie knuddeln ihr Haustier, es wird gebadet, man spricht mit ihm (natürlich verstehen Hund und Katz alles) und rast mit ihm zum Tierarzt. Wenn nichts mehr geht, hilft man dem geliebten Vierbeiner gnädig aus dem Leben. Man „erlöst“ ihn von seinen Leiden. Erlösung? Eigentlich eine religiöse Kategorie.

„Unser Hund spürt viel, er hat eine Seele“

Doch scheint das nicht zu weit gegriffen. Die evangelische Pfarrerin und Dekanin Regine Klusmann aus Überlingen schreibt dazu auf Anfrage: „Ob Tiere eine Seele haben, vermag ich nicht zu sagen. Wenn ich meiner Katze in die Augen sehe, dann denke ich schon.“ Sie erinnert auch an jene aufregende Stelle in der Schrift des Propheten Jesaja, die eine Welt beschreibt, in der die Lebewesen miteinander ohne Stress leben, wo die Wölfe bei den Lämmern liegen und die Löwen Stroh essen wie die Ochsen …“ (elftes Kapitel). Bereits im Paradies dachte niemand an Schweineschnitzel.

Hund Gino lebt bei den Benediktinermönchen auf der Insel Reichenau. Mit im Bild: Schwester Aracoeli.
Hund Gino lebt bei den Benediktinermönchen auf der Insel Reichenau. Mit im Bild: Schwester Aracoeli. | Bild: Uli Fricker

Auch im kleinen Kloster der Benediktiner auf der Insel Reichenau lebt ein Hund. Gino ist nicht nur nach dem mittelalterlichen Abt Egino benannt. Er nimmt auch regelmäßig am Stundengebet teil. In aller Seelenruhe döst er in der kleinen Kapelle von Niederzell, während die fünf Nonnen und Patres ihren Psalm singen. Pater Stephan beschreibt das so: „Unser Hund spürt viel, er hat eine Seele.“