Die Ärztin am Telefon möchte anonym bleiben. Wir nennen sie Anne Kaiser. Ihre Klinik aus der Region kann „vielleicht noch zwei Wochen“ Patienten in den verschiedenen Stationen aufnehmen. Dann sind keine Betten mehr frei. Derzeit kommen etwa zwei bis drei, manchmal auch fünf Patienten pro Woche in das Haus, darunter viele ältere Menschen. „Ich habe mehrere Patienten, die ich gerne entlassen würde – aber ich kann nicht“, beschreibt Kaiser die Lage in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet. Noch ein bis zwei Wochen, schätzt sie: Dann sind die Betten der Klinik belegt. Und das in Zeiten von Corona. Doch genau da liegt das Problem.

Denn Kaisers Patienten sind Patienten, die pflegebedürftig sind. Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Ihre Angehörigen wollen oder können die Menschen nicht versorgen, berichtet die Ärztin. Teils, weil sie systemrelevante Berufe haben und nicht zu Hause bleiben können. Teils, weil sie der Aufgabe, einen Menschen rund um die Uhr zu versorgen, einfach nicht gewachsen sind.

Schwarzwald-Baar-Klinik kann Patienten nicht abgeben

Ähnlich sieht es beim Schwarzwald-Baar-Klinikum aus. „Auch wir haben pflegebedürftige Patienten, die keine stationäre Versorgung im Krankenhaus mehr benötigen“, bestätigt Sprecherin Sandra Adams dem SÜDKURIER auf Anfrage. Für diese Patienten bestehe aber „eine durch das Gesundheitsamt ausgesprochene Verlegungssperre in die vorhandenen stationären Alteneinrichtungen und Pflegeheime„ im Schwarzwald-Baar Kreis.

„In der Folge sind die Patienten bei uns zwei Wochen in Quarantäne, aktuell sind es rund 50 Patienten.“ Die Situation sei „durchaus problematisch“, ergänzt Adams mit Blick auf die so eingeschränkten Bettenkapazitäten und das gebundene Personal für diese Patienten.

Im Klinikum Friedrichshafen werden intern Patienten verlegt

Das Klinikum Friedrichshafen schildert eine ähnliche Situation: „Es ist immer noch schwierig, Kurzzeit- oder Dauerpflegeplätze für Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt zu finden“, sagt Sprecherin Susann Ganzert auf Anfrage des SÜDKURIER.

Das Problem habe es bereits vor Corona gegeben, werde nun aber verstärkt, weil zum einen Pflegekräfte aus Osteuropa fehlten, zum anderen auch Hospize Aufnahmestopps verhängten.

Derzeit habe das Klinikum zehn Patienten, die eigentlich in eine Pflegeeinrichtung überwiesen werden müssten, de facto aber im Krankenhaus bleiben müssen – bis zu zehn Tage nach Angaben von Ganzert. Aktuell greife die Klinik hausintern auf die eigene geriatrische Rehabilitationsklinik zurück, um dort einige der Patienten unterzubringen.

Pflegeheime blocken ab

Tatsächlich nehmen viele Pflegeheime derzeit keine neuen Bewohner auf. Aus Angst vor Corona, aus Sorge, das Virus könnte sich in dem Heim ausbreiten und die besonders gefährdeten Menschen lebensgefährlich krank machen.

Ganzert schildert, dass Pflegeheime, „wenn sie denn bereit sind, betagte Menschen zu übernehmen“, neben einem negativen Corona-Test verlangten, dass das Krankenhaus Schutzkleidung für 14 Tage gleich mitliefere, weil die Versorgung und Isolation des Patienten in den Heimen nicht gewährleistet werden könne.

Entlassung ohne Anschlussversorgung nicht möglich

Das Problem: Die Krankenhäuser können die Patienten nicht einfach entlassen, wenn sie niemand abholt oder ein Heim sie aufnimmt. Die Krankenkassen wiederum bezahlen nur die medizinisch notwendigen Tagessätze an die Kliniken. Die Kosten darüber hinaus können die Krankenhäuser nicht geltend machen und bleiben im Zweifel darauf sitzen.

Ärztin Kaiser sieht mittelfristig die Versorgung der Patienten gefährdet, die dringend Hilfe brauchen – ob wegen des Virus oder wegen eines Herzinfarkts, eines Unfalls oder einer lebensnotwendigen OP. Diese Dinge können nicht warten. Aber das Krankenhaus hat eben auch nur eine begrenzte Kapazität.

Strenge Vorgaben vom Land

Wie kann es sein, dass Pflegeeinrichtungen die Aufnahme verweigern können? Wie sollen pflegebedürftige Menschen in der Corona-Krise versorgt werden? Das Sozialministerium sagt dem SÜDKURIER auf Anfrage, dass Neuaufnahmen in stationären Pflegeheimen derzeit tatsächlich nur möglich sind, „wenn eine 14-tägige Quarantäne im Einzelzimmer mit eigener Nasszelle gewährleistet“ sei.

Sollte das nicht möglich sein, könnten Patienten durch Vorsorge- und Rehaeinrichtungen in die Kurzzeitpflege aufgenommen werden. Sofern auch dort keine Kapazitäten vorhanden seien, könnten Behelfspflegeheime oder Hotels genutzt werden.

Zudem könnten sogenannte „Isolierpflegeheime“ eingerichtet werden. In diesen Heimen könnten gezielt Bewohner mit Corona versorgt werden, die im Anschluss wieder in ihre ursprünglichen Heime zurückverlegt werden könnten.

Behördliche Auflage für St. Georgen

Doch das Problem scheint schon jetzt akut. Ein Blick in die Region zeigt, dass verschiedene Einrichtungen tatsächlich keine Patienten aufnehmen. Im Fall von St. Georgen gab es mehrere Coronapatienten in einem Heim, sogar einen Todesfall. „Wir haben sie jetzt ganz gut unter Kontrolle, seit Freitag gibt es keine Neuerkrankungen mehr“, sagt Geschäftsführer Markus Schrieder. Die betroffenen Patienten seien auf dem Weg der Besserung.

Nach Absprache mit dem Gesundheitsamt und dem Landratsamt hat sich die Einrichtung dazu entschieden, keine Patienten aufzunehmen – bis zum 4. Mai. „Ich könnte nicht mit gutem Gewissen sagen, dass jemand bei uns einziehen kann“, erklärt der 53-Jährige.

In der Region ist das Problem des Aufnahmestopps in Pflegeheimen weit verbreitet:

Ambulante Pflege weiter möglich

Der größere Bereich der evangelischen Altenpflege in St. Georgen ist ohnehin ambulant. Stationär gibt es 150 Patienten, die seit zwei Wochen ihre Zimmer nicht verlassen konnten. Ambulant betreut die Einrichtung über 400 Leute. Viele Menschen könnten ohne Probleme zu Hause versorgt werden, betont Schrieder.

Die Altenheime, ergänzt der Geschäftsführer der St. Georgener Einrichtung, seien ohnehin „ein gefährlicher Ort“ – einfach, weil so viele Menschen auf engem Raum zusammen sind. Durch die Aufnahmesperre habe er schon jetzt 15 Betten leerstehen. Es drohen finanzielle Einbußen. „Aber das ist im Moment sekundär.“

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