Er war den Schweizer Behörden bereits bekannt. Und man wusste, dass er gefährlich ist. Denn er drohte schon einmal mit einer Selbsttötung. Am vergangenen Sonntag machte er seine Drohung wahr. Ein 38-jähriger Deutscher brachte erst seine beiden vier- und siebenjährigen Kinder und anschließend sich selbst um. Der Schaffhauser Justizdirektor Ernst Landolt (SVP) trat heute vor die Medien, um die Vorgeschichte des Eschenzer Tötungsdeliktes aus Sicht der Behörden zu erläutern.

Bereits am 22. Oktober 2019 drohte der 38-Jährige seiner Frau mit einem Messer, dass er sich und die beiden Kinder umbringen werde. Die Frau meldete diese Aktion bei der Polizei. Daraufhin wurde der Mann vor seinem Haus gestellt und festgenommen.

Mann war in Psychiatrie untergebracht

Danach folgte prompt die Einweisung in eine Psychiatrie. Die Ärzte sollten feststellen, ob der Mann wirklich gefährlich ist und seine Drohung womöglich wahr machen könnte. „Dabei ergaben sich keine Anzeichen einer Selbst- oder Fremdgefährdung, weshalb die Fürsorgerische Unterbringung aufgehoben werden musste“, geht aus der Pressemitteilung des Kantons hervor. Bedeutet: Der Mann durfte nicht weiter festgehalten werden, weil eine konkrete Gefährdung nicht erkennbar war.

Bild: Küster, Sebastian

Am 25. Oktober 2019 wurde der Mann deshalb nach zwei Tagen aus der Psychiatrie entlassen. Danach lief bis Januar 2020 ein Verfahren am Kantonsgericht Schaffhausen, um die Trennungsbedingungen des Paares zu verhandeln. Die Eltern vereinbarten, dass sie ab sofort getrennt leben, der Vater aber dennoch weiterhin seine Kinder sehen und abholen darf. Auch während dieses Verfahrens gab es laut des Volkswirtschaftsdepartments des Kantons Schaffhausen keine Anzeichen dafür, dass der Mann gefährlich ist.

Warum darf der Vater seine Kinder zu sich allein nach Hause holen?

Dennoch wusste man, dass der Mann einen Suizid androhte. Den Behörden musste klar sein, dass die Kinder möglicherweise einer Bedrohung ausgesetzt sein könnten. Was bleibt, ist die Frage: Warum darf der Vater trotzdem weiterhin seine Kinder sehen und sie zu sich allein nach Hause holen?

Diese Frage kann nur der behandelnde Psychiater beantworten. Doch der ist an seine Schweigepflicht gebunden. Die Kantonspolizei wollte auf der Pressekonferenz wich der Frage aus: „Für uns gab es keine Hinweise, dass er eine Gefährdung darstellt. Die Staatsanwaltschaft hat festgestellt, dass er keine Bedrohung mehr ist. Die Tat war nicht vorhersehbar. Es gab keine Anzeichen für diese Tragödie“, so der Schaffhauser Justizdirektor Ernst Landolt (SVP).

Schweizer Behörde wollte Gefährdungslage erneut bewerten

Doch auch im April hätten die Behörden noch einmal reagieren können. Zu diesem Zeitpunkt wendete sich die Ex-Frau und Mutter der Kinder wegen eines Elternkonflikts im Rahmen der Trennungssituation an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Schaffhausen (KESB), die dem deutschen Jugendamt ähnelt.

Die KESB wusste von den Drohungen des Mannes. Das bestätigt die Chefin Christine Thommen. Man habe die Situation abgeklärt und dennoch keine Anhaltspunkte gefunden, nach welchen die KESB sofort hätte handeln wollen. Man habe ein Gespräch für das Frühjahr mit beiden Elternteilen angesetzt, um mehr zu erfahren und die Situation neu zu bewerten. Doch der Vater kam diesem mit dem erweiterten Suizid zuvor.

Bild: Küster, Sebastian

Die Tragödie ereignete sich am vergangenen Sonntag. Gegen 13.30 Uhr riefen Verwandte der Familie den Rettungsdienst und meldeten den Fund der drei Leichen in der Wohnung des 38-Jährigen. Die Familie lebt seit vielen Jahren in der Schweiz, zuvor im Kanton Wallis. Ursprünglich kommen sie jedoch aus Deutschland. Woher genau, will die Kantonspolizei auf Nachfrage des SÜDKURIER nicht mitteilen.

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