„Ja, ich halte ihn für gefährlich. Dem würde ich alles zutrauen“, sagt Hermann Hofer, Koch des Gasthofs „Schlüssel“ in Oppenau. Hofer ist ein gefragter Mann an diesem Montagnachmittag in Oppenau, an dem sich der kleine Touristenort im beschaulichen Renchtal (Ortenaukreis) in eine bewaffnete Festung verwandelt hat.

Hermann Hofer, Koch des Gasthofs „Schlüssel“ in Oppenau, kennt den Flüchtigen und gibt den Medien bereitwillig Auskunft.
Hermann Hofer, Koch des Gasthofs „Schlüssel“ in Oppenau, kennt den Flüchtigen und gibt den Medien bereitwillig Auskunft. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Der Koch spricht von dem 31-jährigen Yves Etienne Rausch, den die Polizei zu diesem Zeitpunkt seit über 24 Stunden mit einem gewaltigen Aufgebot in den Wäldern rund um Oppenau sucht. Rausch, ein wegen einer früheren Körperverletzung und Waffenbesitzes vorbestrafter Mann aus dem Ort, seit geraumer Zeit ohne festen Wohnsitz, hatte am Sonntagvormittag vier Streifenpolizisten bei einer Kontrolle in einer Gartenhütte plötzlich mit der Waffe bedroht. Er schaffte es, allen vier Beamten die Dienstwaffen abzunehmen und ist seitdem schwer bewaffnet vermutlich in den weitläufigen Wäldern rund um Oppenau auf der Flucht.

Im Gasthof „Schlüssel“ soll Yves Rausch nach Angaben von Koch und Vermieter gewohnt haben – bis die Zwangsräumung kam.
Im Gasthof „Schlüssel“ soll Yves Rausch nach Angaben von Koch und Vermieter gewohnt haben – bis die Zwangsräumung kam. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

„Stinkfaul und immer schwarz gekleidet“

Am Montag wimmeln das Kernstädtchen an der Rench und seine umliegenden vier Teilorte nicht nur von Hunderten schwer bewaffneten Polizeibeamten, sondern auch von Medienvertretern, die Hofer schnell ausfindig machen. Bereitwillig gibt der Koch Auskunft. „Ich kenne ihn, er hat bis vor eineinhalb Jahren oben bei uns im ‚Schlüssel‘ in einer Dreizimmerwohnung gewohnt,“ sagt Hofer, „aber weil er keine Miete bezahlt hat, kam es zur Zwangsräumung.“ Seit der Räumung habe er ihn nicht mehr gesehen. „Stinkfaul“ sei Rausch gewesen, habe ab und zu Gelegenheitsjobs gehabt, wenig gesprochen und sei meist mit einem Freund unterwegs gewesen. „Und immer schwarz gekleidet.“

Kaum jemand zu sehen auf den Straßen von Oppenau. Die Polizei hat Anwohner darum gebeten, zuhause zu bleiben.
Kaum jemand zu sehen auf den Straßen von Oppenau. Die Polizei hat Anwohner darum gebeten, zuhause zu bleiben. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Die Polizei hat am Sportplatz im Ortsteil Ramsbach ihr Lagezentrum eingerichtet, Dutzende Mannschaftswagen stehen hier, fahren mit Blaulicht ein und wieder ab. Der Staatsapparat hat das große Besteck aufgefahren: Hundestaffeln und Suchtrupps mit Wärmebildkameras sind in den Wäldern unterwegs, das Gebiet wird großräumig durchkämmt, Hubschrauber suchen das Gelände von oben ab, Sondereinsatzkommandos stehen bereit. Bergwacht und Feuerwehr unterstützen die ortsfremden Beamten. Am Lagezentrum ist ein ständiges Kommen und Gehen von Polizisten, die sich ablösen bei der mühsamen Suche und unter ihrem Vollschutz der sommerlichen Hitze standhalten müssen.

SÜDKURIER-Resporterin Ulrike Bäuerlein vor Ort: Im Hintergrund das provisorische Lagezentrum der Polizei.
SÜDKURIER-Resporterin Ulrike Bäuerlein vor Ort: Im Hintergrund das provisorische Lagezentrum der Polizei. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Aus ganz Baden-Württemberg wurden Beamten zusammengezogen, sagt Polizeipressesprecher Yannik Hilger vom Polizeipräsidium Offenburg. „Wir gehen von einer Gefährdungslage aus.“ Denn der 31-jährige Flüchtige, der in Tarnkleidung unterwegs sein soll, kennt sich aus in den Wäldern, zumindest eine Zeitlang soll er auch im Wald gelebt haben. Neben Pfeil und Bogen – „kein Spielzeugbogen“, sagt Hilger – sei er wohl mit Schusswaffe und Messer bewaffnet. Dazu kommen die Dienstwaffen der Streifenbeamten, vier Heckler&Koch-Pistolen vom Modell P 2000, je mit einem Magazin von 13 Schuss.

Polizeisprecher Yannik Hilger gibt am Lagezentrum der Polizei Auskunft.
Polizeisprecher Yannik Hilger gibt am Lagezentrum der Polizei Auskunft. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Wie es eigentlich sein kann, dass ein einzelner Mann vier bestens geschulte Streifenpolizisten entwaffnet, muss Hilger an diesem Tag noch oft erklären, ohne wirklich eine Antwort geben zu können. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft untersuchen den Vorfall bereits polizeiintern. „Man kann sich vorstellen, dass das für die Beamten auch eine enorme Belastung ist“, sagt Hilger.

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Zwei Streifenbesatzungen waren am Sonntag dem Hinweis nachgegangen, dass sich ein mit Pfeil und Bogen bewaffnete Mann in Tarnkleidung illegal an einer privaten Gartenhütte herumtreibe. „Bei der Personenkontrolle zeigte er sich zunächst wohl kooperativ und freundlich, zückte dann aber in der Hütte für die Beamten völlig überraschend eine Waffe und bedrohte die Beamten“, so Hilger. Sie mussten ihre Dienstwaffen ablegen, damit flüchtete der 31-Jährige.

Polizeisprecher Dieter Klumpp erklärt die Lage mit Hilfe einer Karte.
Polizeisprecher Dieter Klumpp erklärt die Lage mit Hilfe einer Karte. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Am Montag sind Schule und Kindergärten in Oppenau geschlossen, auf den Straßen nur wenig Passanten. Die Polizei ruft die Bevölkerung den ganzen Tag über dazu auf, zuhause zu bleiben, Touristen sollen die Wälder um Oppenau meiden. Offensichtlich mit Erfolg. Die Sonne brennt bei knapp 30 Grad vom Himmel, aber die Tische von Eisdiele und Außengastronomie sind kaum besetzt. „Ganze zwei Kunden sind heute gekommen, keine Tagesgäste“, sagt auch Susanne Vollmer, die mitten in Oppenau ein kleines Modegeschäft betreibt und sich fragt, ob sie am Dienstag überhaupt aufmachen soll. „Es hieß überall, Oppenau sei abgeriegelt, das stimmt doch gar nicht“, sagt sie. „Angst habe ich nicht, aber ein wenig frustriert bin ich schon. Erst war der Laden wegen Corona zu, dann das jetzt. Hoffentlich dauert das nicht mehr lange.“

Modehändlerin Susanne Vollmer wartet vergeblich auf Kundschaft: Erst war der Laden wegen Corona zu, dann das jetzt.
Modehändlerin Susanne Vollmer wartet vergeblich auf Kundschaft: Erst war der Laden wegen Corona zu, dann das jetzt. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Ein paar hundert Meter von Vollmers Modeshop entfernt sitzt Oppenaus Bürgermeister Uwe Gaiser in seinem Dienstzimmer im Rathaus und kann sich vor Medienanfragen nicht retten. „Ich kenne den Mann nicht persönlich, habe mich aber anhand der Fahndungsbilder daran erinnert, ihn gelegentlich im Stadtbild wahrgenommen zu haben“, sagt Gaiser. „Er war auffallend mit der schwarzen Kleidung, hier kennt man halt die Gesichter.“

Bürgermeister Uwe Gaiser kennt den Flüchtigen nicht persönlich, nahm ihn aber im Stadtbild wahr.
Bürgermeister Uwe Gaiser kennt den Flüchtigen nicht persönlich, nahm ihn aber im Stadtbild wahr. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Am frühen Abend zieht Polizeipressesprecher Hilger noch einmal Bilanz. „Leider hatten wir bislang keinen Fahndungserfolg“, sagt er, „die Polizeipräsenz wird auf jeden Fall hochgehalten. “ Die Suche werde über Nacht fortgesetzt – soweit es die Gegebenheiten eben zulassen.“

Der Blick schweift hoch an die dicht bewaldeten Hänge über dem Renchtal, die sich in drei Himmelsrichtungen in den hohen Schwarzwald hineinziehen. Dunkler Tann rundum, soweit das Auge reicht. Bürgermeister Gaiser ist nicht sonderlich optimistisch, dass der Ausnahmezustand bald vorbei ist. „Es gibt Steilhänge, Schluchten, Felsen und große unzugängliche Waldflächen“, sagt er. „Wenn sich einer hier auskennt und verstecken will, ist der sehr, sehr schwer zu finden.“

Die bange Frage, was passiert, wenn die Polizei den schwer bewaffneten Mann ausfindig macht und er sich einer Festnahme widersetzt, nehmen Polizeibeamte und Oppenau mit in den Abend und die Nacht.