43 Verhandlungstage, ein Jahr und fast einen Monat – so lange hat das Verfahren um den Fall der Freiburger Gruppenvergewaltigung gedauert. Nun soll der Mammutprozess zu einem Ende kommen: Am 23. Juli, dem kommenden Dienstag, solle das Urteil fallen, kündigte das Landgericht Freiburg an. Der Mammutprozess mit elf Angeklagten, fünf Sachverständigen und etwa 50 Zeugen hatte am 26. Juni 2019 begonnen.

In dieser Woche hatten die elf Strafverteidiger ihre Plädoyers gehalten „und auch jeder Angeklagte hatte Gelegenheit zum letzten Wort“, wie das Gericht mitteilt. Damit stehe der Urteilsverkündigung in der kommenden Woche nichts mehr im Wege.

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Harte Vorwürfe

Acht der elf Angeklagten wird vorgeworfen, eine 18-Jährige am 14. Oktober 2018 vergewaltigt zu haben, drei weitere Angeklagte sind nicht mehr dringend tatverdächtig, daran beteiligt zu haben. Alle elf müssen sich aber auch wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.

Der Eingang des Hans-Bunte-Areals im Industriegebiet von Freiburg. Wenige Meter von dem Tor entfernt soll sich die Tat abgespielt haben.
Der Eingang des Hans-Bunte-Areals im Industriegebiet von Freiburg. Wenige Meter von dem Tor entfernt soll sich die Tat abgespielt haben. | Bild: Moll, Mirjam

Die junge Frau hatte an jenem Abend zum ersten Mal die Partydroge Ecstasy eingenommen und war betrunken, es wurden aber auch Spuren eines Betäubungsmittels in ihrem Blut gefunden, möglicherweise K.O.-Tropfen. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten unter Hochdruck, doch erst im April 2019 konnte die Anklage erhoben werden.

Staatsanwaltschaft fordert teils lange Haftstrafen

Für den Straftatbestand der Vergewaltigung gelten nach Erwachsenenstrafrecht Haftstrafen von zwei bis 15 Jahren. Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Plädoyer unter Ausschluss der Öffentlichkeit für den Hauptangeklagten Majd H. fünfeinhalb Jahre. Er soll es gewesen sein, der das Opfer als Erster vergewaltige und im Anschluss seine Freunde über die wehrlose junge Frau im Gebüsch informierte.

Für die übrigen sieben Angeklagten im Fall der Vergewaltigung forderten die Staatsanwälte Thorsten Krapp und Rainer Schmid geringere Haftstrafen: Auf Nachfrage sagt ein Gerichtssprecher dem SÜDKURIER: Die geforderten Haftstrafen beliefen sich bei den Angeklagten, die nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden, auf drei Jahre bis fünf Jahre und sechs Monate, bei den Heranwachsenden, die nach Jugendstrafrecht verurteilt werden, auf zwei Jahre und zehn Monate sowie vier Jahre und sechs Monate. Bei den drei Angeklagten, denen unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen wird, forderte die Staatsanwaltschaft demnach sieben Monate (einmal nach Jugendstrafrecht) sowie einen Freispruch.

Das Straßenschild „Hans-Bunte-Strasse“ hängt an einen Laternenmasten. Mitte Oktober 2018 soll dort eine 18-Jährige nachts in einem Gebüsch vor einer Diskothek von mehreren Männern vergewaltigt worden sein.
Das Straßenschild „Hans-Bunte-Strasse“ hängt an einen Laternenmasten. Mitte Oktober 2018 soll dort eine 18-Jährige nachts in einem Gebüsch vor einer Diskothek von mehreren Männern vergewaltigt worden sein. | Bild: Patrick Seeger

Dabei dürfte es sich um Muhammad M. handeln, der der jungen Frau schließlich aus dem Gebüsch geholfen haben soll und sie zurück in die Stadt begleitete und ihr Obdach anbot. Sein Anwalt hatte die anfänglichen Vorwürfe der Vergewaltigung bestritten, zudem lagen keine eindeutigen forensischen Beweise gegen den jungen Mann vor.

Christiane Steiert, die das mutmaßliche Opfer in der Nebenklage vertritt, forderte den Angaben des Gerichts zufolge Freiheitsstrafen zwischen sechs Jahren und sechs Jahren und neun Monaten bei den Erwachsenen, bei den Heranwachsenden jeweils eine Jugendstrafe von fünf Jahren. In den Fällen der unterlassenen Hilfeleistung forderte sie eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten, eine Jugendstrafe von einem Jahr und eine Jugendstrafe, die das Gericht in seinem Ermessen festlegen solle.

Plädoyers der Verteidiger haben es in sich

Wie die Plädoyers der Verteidiger ausfielen, war zunächst nicht bekannt. Sie fanden ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das ist immer dann notwendig, wenn Teile der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit ablaufen – hier zur Aussage des mutmaßlichen Opfers, aber auch zu Erörterungen über das Privatleben einiger Angeklagter.

Wie der SÜDKURIER vom Gericht erfährt, hatten die Verteidiger der Angeklagten, die wegen des nicht mehr dringenden Tatverdachts der Vergewaltigung bereits auf freiem Fuß waren, jeweils Freispruch beziehungsweise in einem Fall eine Freiheitsstrafe von vier Monaten gefordert. „Von den übrigen Anwälten wurde jeweils Freispruch beantragt“, heißt es seitens des Gerichtssprechers.

Das ist keine Überraschung: So hatte Anwältin Hanna Palm immer wieder im Lauf der Verhandlung durchblicken lassen, dass ihr Mandant die junge Frau nicht zum Oralsex gezwungen haben könnte, sondern sie dies sogar eingefordert haben könnte. Andere Anwälte wie Kerstin Oetjen hatten ähnliche Theorien für ihre Mandanten. Auch der Hauptangeklagte Majd H. hatte über seinen Anwalt Jörg Ritzel mitteilen lassen, der Sex sei einvernehmlich gewesen.

Gutachten spricht gegen Theorie einiger Verteidiger

Gutachter Thorsten Passie hatte diese Optionen aber ausgeschlossen – die junge Frau sei zum wahrscheinlichen Tatzeitpunkt nicht mehr in der Lage gewesen, ihren Willen zu äußern oder sich zu wehren.

Zu welchem Schluss die Kammer unter Vorsitz von Richter Stefan Bürgelin kommen wird, bleibt abzuwarten. Das Urteil wird aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen erneut im Paulussaal der evangelischen Kirchengemeinde in Freiburg stattfinden – der große Saal des Landgerichts war im vergangenen Jahr für den Prozess zwar umgebaut worden, um alle Beteiligten unterzubringen, bietet aber nicht genügend Raum, um die Abstandsregeln einzuhalten.