Russischer Überfall auf die Ukraine, Corona-Pandemie. Zwei Krisen, die die Gesellschaft schockiert und verunsichert haben. Die zersetzten und spalteten. Und Gräben hinterließen, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dieser Tage zu erspüren versucht: Seit Dienstag befindet sich das deutsche Staatsoberhaupt deshalb in Rottweil, um hier nicht nur seine Amtsgeschäfte zu erledigen. Steinmeier will mehr – er will mit den Menschen reden.

Obwohl die älteste Stadt Baden-Württembergs gerade wegen ihrer Fasnacht hohen Besuch gewohnt ist, zeigt sich die Ankunft des Bundespräsidenten dennoch als etwas Außergewöhnliches für die Stadt. Am Mittag begrüßt Oberbürgermeister Ralf Broß den Gast vor dem Schwarzen Tor, Wahrzeichen des Narrensprungs. Der Besuch sei eine große Ehre, sagt der parteilose Politiker. „Der Bundespräsident kann aus Rottweil sicherlich ermutigende Beispiele bürgerschaftlichen Engagements und neue Ideen mitnehmen, wie wir unsere Demokratie fit für die Zukunft machen können.“

Steinmeier ist da, wo es brodelt

Es sind nicht die Bilderbuch-Städte, in die es Steinmeier zieht, sondern eher Orte, in denen es brodelt. Nach Altenburg in Thüringen und Quedlinburg in Sachsen-Anhalt ist Rottweil die dritte Station von dieser Reihe, die Steinmeiers zweite Amtszeit prägen soll. „Ortszeit“ heißen diese Reisen, die der Bundespräsident überall in der Bundesrepublik zu unternehmen gedenkt.

Er wolle „erfahren, was den Menschen Mut und Hoffnung macht – und was sie skeptisch gegenüber unserer Demokratie und ihren Institutionen werden lässt“, heißt es vom Bundespräsidialamt. Steinmeier sucht dabei ausdrücklich nach Orten mit einer aktiven Bürgergesellschaft. Dazu gehört auch Rottweil. Denn die Pandemie, das geht aus einer Mitteilung hervor, habe die Stadtgesellschaft vor besondere Herausforderungen gestellt. Bis heute finden hier sogenannte Spaziergänge regelmäßig statt.

Menschen kommen, um Steinmeier zu sehen

Man habe schon früher versucht, die Gegner der Corona-Maßnahmen und deren Befürworter an einen Tisch zu bekommen, erinnern sich Christine Lutzeier und Cornelia Rugg. Die beiden Frauen sind wie viele andere in die Innenstadt gekommen, um den Bundespräsidenten zu sehen. Gebracht hätten diese Gespräch nichts, bisher zumindest. Vielleicht aber habe die Anwesenheit von Politprominenz nun mehr Effekt. „Wir werden sehen.“ Volksnah zeigt sich Frank-Walter Steinmeier in jedem Fall.

Begrüßen den Bundespräsidenten: Christine Lutzeier (links) und Cornelia Rugg.
Begrüßen den Bundespräsidenten: Christine Lutzeier (links) und Cornelia Rugg. | Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Eine solche Attitüde, findet Rüdiger Kunkel, habe ein Staatsoberhaupt überhaupt zum ersten Mal. „Er strahlt viel Sympathie aus.“ Dass Steinmeier drei Tage in Rottweil verbringt, freut den Mann, der seit 30 Jahren in Rottweil wohnt. Zumal vielen gar nicht bewusst sei, was diese Stadt in den vergangenen 1000 Jahre erlebt habe.

Freuen sich über hohen Besuch: Rüdiger Kunkel und Enkelin Johanna.
Freuen sich über hohen Besuch: Rüdiger Kunkel und Enkelin Johanna. | Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Laut dem Bundespräsidialamt steht Rottweil exemplarisch für eine Stadt zwischen Tradition und Moderne. Steinmeiers Motive seien Orte, in denen wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umbrüche besonders schmerzhaft und spürbar seien – aber zugleich erfolgreich bewältigt wurden.

Ein solcher Umbruch – der akuteste in diesen Tagen – zeichnet sich etwa in der Synagoge der Stadt ab. Im Gebetsraum des jüdischen Gotteshauses, das 2017 neu eröffnet wurde, trifft der Bundespräsident auf eine Familie aus Kiew, die vor dem Krieg geflüchtet ist. Vater, Mutter, neun Kinder. Zwei Söhne sind Rabbiner, erzählt Tatjana Malafy, die Geschäftsführerin der Israelitischen Kultusgemeinde. Alle wurden von der Gemeinde aufgenommen und seither von ihr betreut.

Steinmeiers bedrückende Erfahrung

In den vergangenen drei Monaten, sagt Steinmeier, seien alle Zeugen des brutalen Überfalls von Russland geworden. Seither hätten sich Millionen auf die Flucht begeben müssen. Eine sehr bedrückende Erfahrung sei für ihn die Begegnung mit jüdischen Holocaust-Überlebenden aus der Ukraine gewesen, „der jüngste 91, der älteste 97 Jahre alt“, die während des Zweiten Weltkriegs Richtung Osten geflohen waren und jetzt ausgerechnet in den Westen nach Berlin fliehen mussten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (links) neben Oberbürgermeister Ralf Broß und Tatjana Malafy im Gebetsraum der Synagoge in Rottweil.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (links) neben Oberbürgermeister Ralf Broß und Tatjana Malafy im Gebetsraum der Synagoge in Rottweil. | Bild: Jesco Denzel/dpa

„Es stimmt uns ungeheuer traurig, dass Sie Ihre Heimat verlassen mussten“, bekräftigt der Bundespräsident. „Wir freuen uns, dass Sie in Rottweil Hilfe und Unterstützung bekommen.“ Von den etwa 300 Geflüchteten aus der Ukraine in der Stadt sind 40 Juden.

Noch bis Donnerstag bleibt Steinmeier hier. Stundenweise wird er in Rottweil seinen Amtsgeschäften nachgehen. Den Großteil der Zeit aber wird der Bundespräsident in die Gesellschaft investieren: Am Mittwoch besucht er die Narrenzunft und das Forum Kunst, bevor er am Nachmittag den Sorgen der Bürgerinnen und Bürger bei der „Kaffeetafel kontrovers“ zuhören möchte. Am Donnerstag spricht er mit Kommunalpolitikern und verleiht im Mehrgenerationenhaus Kapuziner Orden an ausgewählte Bürgerinnen und Bürger, bis er sich dann wieder auf den Weg nach Berlin machen wird.