Wie heißt es denn nun richtig? Gaul oder Ross? Die Baden-Württemberger sind in dieser Frage tief gespalten. Dieser Spalt hat beachtlicherweise mal nichts mit der Grenze zwischen Baden und Württemberg zu tun. Sondern er zieht sich mit brachialer Gewalt einmal quer durchs Land – von Rastatt im Westen bis Biberach im Osten. Nördlich heißt es „Gaul“, südlich davon „Ross“ – aber nirgends „Pferd“, außer dort, wo Hochdeutsch gesprochen wird.

Vom Aussterben bedroht?

Aber Hubert Klausmann, Sprachforscher und Professor an der Universität Tübingen, und sein Team interessieren sich nicht für Hochdeutsch, sondern für die Mundart. Die ist ja angeblich, wie immer wieder beklagt wird, vom Aussterben bedroht. Das ist, wie Klausmanns „Sprachatlas von Baden-Württemberg“ dokumentiert, in diesem Bundesland nicht der Fall.

Drei Jahre lang ist das Team um Sprachforscher Klausmann durch den Norden Baden-Württembergs gestreift, um endlich die Arbeit ihrer Freiburger Kollegen zu vollenden, die zehn Jahre lang für ihren „Südwestdeutschen Sprachatlas“ durch die Region gezogen waren, um Menschen in ihrem Dialekt zu erleben.

„Stets mit offenen Armen . . .“

Jetzt hat das Land einen gemeinsamen Sprachatlas. Eine „schöne Arbeit“ sei das gewesen, schreibt der Professor. Denn man sei von der Bevölkerung „stets mit offenen Armen und oft mit Essen und Trinken“ empfangen worden. So etwas macht natürlich gesprächig und auch den nun vorgelegten „kleinen“ Sprachatlas zu einem Lese-Erlebnis. Wir stellen sechs Beispiele aus dem Buch vor:

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Mittelhochdeutsch: Diese Sprache bildete sich um 1200 heraus, und aus ihr leiten sich unsere Dialekte ab. Aus den Fortsetzungen des mittelhochdeutschen Zwielauts (Diphtong) „ei“ kann man sehen, wie die südfränkische Lautung „braait“ am Oberrhein in den alemannischen Raum eindringt. Mit der Lautung „broat“ hebt sich das Westschwäbische vom Zentral- und Ostschwäbischen ab, wo es „broet“ oder „broit“ heißt.

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Grammatik: Viele Leute meinen, der Dialekt besitze keine Grammatik. Irrtum! Zwar ist sie nicht schriftlich fixiert, aber die Menschen wissen, wie man die Verben beugt. Bei „haben“ ist gut zu sehen, dass dieses Verb bei den fränkischen Mundarten im Norden zweisilbig ist (“he-wä“, „hö-wä“). Die schwäbisch-alemannischen Mundarten bevorzugen dagegen Einsilbigkeit, wobei „hao“ auf dem Rückzug ist und von „han“ überrollt wird.

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Flickenteppich: Beim Alltagsverb „sein“, dessen Partizip Perfekt „gewesen“ die Karte zeigt, wird es kompliziert. Schuld daran sind die im Mittelalter gebräuchlichen Formen „gewësen“, „gewëst“ und „gesîn“. Im Schriftdeutsch setzte sich „gewesen“ durch, in den Mundarten erhielten sich die alten Formen.

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Wühlarbeit: Ein Tier hat für dialektalen Zwist gesorgt, der Maulwurf. Ursprünglich bestand kein Zusammenhang zwischen Maul und Wurf. Vielmehr ist die Wurzel das althochdeutsche „mûwërf“, wobei „mû“ Haufen oder Hügel meinte. Über den Umweg „moltwërf“ („molt“ für „Staub), kam das Maul ins Spiel, weil keiner mehr wusste, was mit „molt“ gemeint ist. Der „Scheer“ des Südwestens leitet sich vom mittelhochdeutschen „schërren“ für „scharren, kratzen, graben“ her.

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Waldarbeit: Sie liefert den Forschern viele schöne Wörter. Sie sagen einiges über das harte Tagwerk der Bauern und Holzfäller. Die sägten von den Stämmen, die für Brennholz vorgesehen waren, Rundhölzer ab. Die Hauptbezeichnungen im Land sind dafür „Meterstück“, „Rollen“ oder „Rugel“, während man am Bodensee den „Kegel“ rollen ließ.

Bild: Verlag Regionalkultur/Klausmann

Harmonie: Zwischen den meisten Badenern und Württembergern herrscht Konsens darin, das Weihnachtsgebäck „Brötle“ zu nennen. Am Oberrhein beharrt man teilweise auf der Präzisierung „Zuckerbrötle“. In Oberschwaben wurde das Wort für ein Sonder-Brötle, die Springerle, auf jede Art von Weihnachtsgebäck übertragen. Das „Plätzle“ als Form des in Deutschland beliebten „Plätzchen“ fristet dagegen ein Grenz-Dasein.

Buchtipp: Hubert Klausmann. Kleiner Sprachatlas von Baden-Württemberg, Verlag Regionalkultur, 192 Seiten mit 84 farbigen Karten und Abbildungen, 19,90 Euro. Weitere Wortbeispiele auch akustisch abrufbar unter: www.sprachalltag.de



Was sagen verschiedene Orte in unserer Region zum Wort Holzsplitter? Hören Sie die verschiedenen Ausdrucksweisen in den Audio-Files der Uni Tübingen:

Engen:
Dateiname : Engen
Dateigröße : 19.59 KBytes.
Datum : 20.11.2020
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Oberried:
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Datum : 20.11.2020
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Aidlingen:
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Datum : 20.11.2020
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Seckach:
Dateiname : Seckach
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Laiz:
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Walldorf:
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Datum : 20.11.2020
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