Ohne Körperkontakt geht es auf dem S-Bahn-Tiefbahnhof unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof eigentlich nicht. Es ist ein Virusparadies. Menschenmassen drängen sich zu jeder Tageszeit auf den Bahnsteigen, schieben sich aus den Zügen und wieder hinein, es wimmelt auf Treppenaufgängen und Rolltreppen. Normalerweise. Rund 120000 Menschen zählt der Verband Region Stuttgart im Schnitt täglich allein auf diesem S-Bahnsteig, das ist knapp die Hälfte der über eine Viertelmillion Menschen, die täglich in die Landeshauptstadt pendeln. Hier im Untergrund schlägt der Großstadtpuls von Stuttgart.

Video: Bäuerlein, Ulrike

Aber an diesem Spätnachmittag in der Woche fünf nach dem Corona-Lockdown und in der Woche eins der vorsichtigen Ladenöffnungen ist der Puls kaum noch zu fühlen. An den beiden Bahnsteigen lassen sich gerade mal gut drei Dutzend Menschen zählen. Sie halten Abstand und tragen Mund- und Nasenschutz. In den Zügen leere Abteile, in denen sich einzelne Fahrgäste verlieren.

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„Die Fahrgastzahlen sind derzeit auf etwa 20 Prozent des normalen Aufkommens“, sagt Jürgen Wurmthaler, Infrastrukturdirektor des Verbands Region Stuttgart. Und das ist schon deutlich mehr als in den vergangenen Wochen, als mangels Passagieren auch der Fahrbetrieb drastisch heruntergefahren wurde. Seit 20. April rollen wieder mehr S-Bahnen, und ab dem 11. Mai soll das volle Angebot wieder auf die Schiene kommen. „Aber es ist noch gar nicht klar, in welcher Weise sich die Fahrgastzahlen dann einpendeln“, sagt Wurmthaler. Auch der Straßenverkehr hat spürbar nachgelassen, selbst zu den Stoßzeiten rollen die Autos auf den innerstädtischen Achsen mehr, als dass sie stehen. Das gab es schon lange nicht mehr.

Nur der Baustellenverkehr am Bahnhof rollt. Sonst sind nur wenige Autos unterwegs.
Nur der Baustellenverkehr am Bahnhof rollt. Sonst sind nur wenige Autos unterwegs. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Aber dass in diesen Tagen etwas wirklich Dramatisches in Stuttgart passiert sein muss. zeigt der Blick auf die Mahnwache der Stuttgart-21-Gegner. Denn der bunte Zeltpavillon gegenüber dem Hauptbahnhof, seit Juli 2010 rund um die Uhr mit mindestens zwei S-21-Aktivisten besetzt, ist verschlossen und verwaist.

Erstmals seit zehn Jahren ist der Protest-Pavillon gegen Stuttgart 21 geschlossen.
Erstmals seit zehn Jahren ist der Protest-Pavillon gegen Stuttgart 21 geschlossen. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Am 21. Juli sollte das zehnjährige Bestehen groß gefeiert werden. Was daraus wird, ist unklar. Was weder der unübersehbare Baufortschritt des Milliardenprojekts noch der Zahn der Zeit bewirken konnten, hat das Virus binnen kürzester Zeit geschafft: Die S-21-Gegner mussten weichen. „Wir kommen wieder. Oben bleiben!“ steht auf den Hinweiszetteln am Pavillon mit Verweis auf Corona und die Online-Protestplattform. Auch die Montagsdemos finden derzeit virtuell statt.

Auch die Stuttgart-21-Gegner müssen weichen. Die Mahnwache ist geschlossen, der Protest vorerst ins Internet verlegt.
Auch die Stuttgart-21-Gegner müssen weichen. Die Mahnwache ist geschlossen, der Protest vorerst ins Internet verlegt. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Derweil schaffen die Kräne und Bagger in der Baugrube gegenüber weiter Fakten. Das Virus hat die Großbaustelle offensichtlich nicht lahmgelegt. Bremst Corona auch das Megaprojekt? „Nach Absprache mit den Behörden laufen die Arbeiten bestmöglich weiter“, ist das schmallippige Statement der Presseabteilung des Bahnprojekts, die sonst bei der Vermeldung von Baufortschritten überaus kommunikativ ist. Bei 19 Arbeitern war Anfang April das Corona-Virus nachgewiesen worden, auch ein Arbeiterwohnheim war betroffen. Dutzende Arbeiter mussten in Quarantäne.

Es wird weiter gebaut am Milliardenprojekt.
Es wird weiter gebaut am Milliardenprojekt. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Nur wenige Meter vom Mahnwachen-Pavillon entfernt befindet sich mit dem „i-Punkt“ die zentrale touristische Anlaufstelle der Stadt. Rund 1300 Kunden strömen sonst hier täglich ein und aus. Der Eingang ist geöffnet, einige Schalter sind besetzt. Nur Besucher gibt es nicht. „Touristisches Angebot und Nachfrage sind gleich Null“, sagt Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing GmbH und der Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH. „Wir haben uns trotzdem entschieden, den i-Punkt wieder zu öffnen. Wenn der Einzelhandel wieder öffnet, wollen wir nicht die Rollläden unten haben.“ Und außerdem, sagt Dellnitz, seien die Bürger verunsichert und wollen wissen, was aus Veranstaltungstickets wird.

Die Touristeninformation ist geöffnet. Mehr ein Statement als Notwendigkeit, denn Touristen gibt es derzeit keine.
Die Touristeninformation ist geöffnet. Mehr ein Statement als Notwendigkeit, denn Touristen gibt es derzeit keine. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

„Wir merken, dass viele Menschen froh sind, jemanden direkt fragen zu können.“ 100 bis 150 kommen täglich, schätzt Dellnitz. „Betriebswirtschaftlich lohnt sich das nicht, aber wir sind trotzdem da.“ Auch, wenn die Mitarbeiter derzeit nur regionale Rad- und Wanderwege empfehlen können.

Trotz der geöffneten Einzelhandelsgeschäfte sind nur wenige Passanten unterwegs. Auch die sonst großflächig von Stuttgartern belagerten Rasenflächen im unteren Schloßgarten Richtung Oper, Schauspiel, Parlament und Schloßplatz sind nahezu vollständig der Herrschaft der rabiaten Nilgänse überlassen, die sich in den vergangenen Jahre explosionsartig vermehrt haben und sich nicht um Abstandregeln und erlaubte Gruppengrößen scheren.

In normalen Zeiten sind die Grünflächen vor dem Landtag von Stuttgartern bevölkert.
In normalen Zeiten sind die Grünflächen vor dem Landtag von Stuttgartern bevölkert. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Anders als die Abgeordneten im Landtagswürfel, die an diesem Tag erstmals seit Wochen wieder zu einer Halbtags-Sitzung zusammenkommen. Der hässliche Politikalltag, für den Populisten im Parlament sorgen, macht auch in Coronazeiten keine Pause: Kretschmanns Regierungserklärung muss warten, statt dessen pöbelt ein Ex-AfD-Abgeordneter herum, legt den Parlamentsbetrieb lahm, lässt sich von der Polizei hinausführen.

Hinter dem alten Schloß haben die exklusiven Einkaufsadressen rund um die Stuttgarter Stiftskirche und das schicke neue Dorotheenquartier wieder geöffnet. Vor dem „Louis Vuitton“-Flagstore gibt es gar eine Warteschlange.

Verwaistes Szeneviertel DQ – aber Warteschlange vor dem Luxus-Flagshop.
Verwaistes Szeneviertel DQ – aber Warteschlange vor dem Luxus-Flagshop. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Auch die Restaurants werben mit „Take Away“-Mittagstisch. Einzig die Abnehmer fehlen, denn auch die umliegenden Ministerien haben großflächig auf Homeoffice umgestellt.

In der historischen Markthalle, wo sonst die wohlhabende Stuttgarter Bürgerschaft frische Marktware, Delikatessen und edle Weine gerne mit großen Scheinen bezahlt und an den Stehtischen auf ein Gläschen und ein Schwätzchen verweilt, fällt der Blick auf wenige Menschen und durch leere Gänge.

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„Wir hatten gar nicht zu, das wussten viele aber nicht und sind weggeblieben“ sagt Thomas Lehmann, Geschäftsführer der Märkte Stuttgart GmbH. „Deshalb waren die ersten Wochen sehr schwierig.“

Mittlerweile kommen die Kunden zurück, und auch, wenn der optische Eindruck ein anderer ist, schätzt Lehmann den Rückgang insgesamt lediglich auf 20 Prozent. Wobei es manche der 34 Beschicker mit ihren Spezialitäten sehr schwer haben, sagt Lehmann. Bis zu 3000 Menschen, darunter viele Touristen, schieben sich sonst täglich durch Markthalle. Jetzt dürfen maximal 70 auf einmal hinein. Und Stehausschank gibt es keinen.

Sonst ist in der Markthalle kaum ein Durchkommen – derzeit dürfen nur insgesamt 70 Kunden das historische Gebäude betreten.
Sonst ist in der Markthalle kaum ein Durchkommen – derzeit dürfen nur insgesamt 70 Kunden das historische Gebäude betreten. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Im Rathaus, einen Steinwurf von der Markthalle entfernt, sollte in diesen Tagen eigentlich der Grundsatzbeschluss des Gemeinderats über die bis zu eine Milliarde Euro teure Sanierung der Stuttgarter Oper fallen.

Er ist coronahalber verschoben, um bis zu ein Jahr, fordert die CDU. Dann wird Stuttgart einen neuen Oberbürgermeister oder erstmals eine Oberbürgermeisterin haben. Die Amtszeit von Rathauschef Fritz Kuhn, der sich gerne mit dem Opernbeschluss in der Stadthistorie verewigen würde, endet im Januar. Aber auch Stuttgart, das auf prall gefüllten Geldspeichern sitzt, wird viel Geld für die Folgen der Coronakrise brauchen. Eine Milliarde Euro für die Oper, das klang schon vor dem Virus abenteuerlich. Aber danach könnte es obszön klingen. Selbst in Stuttgart.

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