Tilmann P. Gangloff

Wenn die Indizien eindeutig sind und der Täter gestanden hat, gibt es nach menschlichem Ermessen keinen Grund, an seiner Schuld zu zweifeln – selbst wenn sich weder Hinweise auf eine Gewalttat noch eine Leiche finden lassen. Zumindest dafür hatte der mutmaßliche Mörder eine einleuchtende Erklärung: Nach der Tat hat er den leblosen Körper zerteilt und an die Schweine verfüttert.

Zufällig Auto mit Leiche entdeckt

Und so würde Samuel Brunner vermutlich noch heute im Gefängnis schmoren, wenn nicht zufällig gut fünf Jahre nach seiner Verurteilung in einem Waldsee ein Auto samt Leiche entdeckt worden wäre.

Es handelt sich eindeutig um das vermeintliche Opfer, Walter Schwarz, den Vater von Brunners damaliger Freundin. Deshalb sorgt die vom Gericht bestellte Pflichtverteidigerin Anna Northrup (Martina Gedeck) dafür, dass das Verfahren wieder aufgerollt wird.

Anna Notrup (Martina Gedeck) sieht gute Chancen, dass Samuel Brunner (Gustav Schmidt) in einem Wiederaufnahmeverfahren frei kommen kann.
Anna Notrup (Martina Gedeck) sieht gute Chancen, dass Samuel Brunner (Gustav Schmidt) in einem Wiederaufnahmeverfahren frei kommen kann. | Bild: SWR/Maria Wiesler

Die Handlung klingt, als sei das Drehbuch nach einer Vorlage von Ferdinand von Schirach entstanden. In den Büchern des prominenten Juristen geht es regelmäßig um die Erkenntnis, dass Straftaten oft nicht so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.

Der eigentliche Reiz des möglichen Reihenauftakts (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD), der den poetischen Titelzusatz „Der Gesang des Raben“ trägt, liegt jedoch im Schauplatz: Regisseurin Mara Eibl-Eibesfeldt und ihre Koautorin Carola Diekmann haben die Geschichte im Schwarzwald angesiedelt; die Landschaft hat mit ihren morgendlichen Nebenbildern ebenso wie die unheilvoll dräuende Musik ganz erheblichen Anteil an der düsteren Atmosphäre.

Das war auch schon in Eibl-Eibesfeldt Langfilmdebüt so: Das Kinodrama „Im Spinnwebhaus“ (2016) erzählte mit eindrucksvollen Schwarzweißbildern die Geschichte dreier verwahrloster Kinder. Ein besonders sinistrer Schauplatz ist das überwiegend in dunklem Holz gehaltene Hotel mit seinen vielen ausgestopften Tieren, in dem Northrup unterkommt.

Schauspieler sind sehr präsent

Entscheidender für die Qualität des Dramas ist jedoch die Arbeit mit dem Ensemble. Abgesehen von Therese Hämer als Hotelbesitzerin, die die Anwältin nach einigen Tagen vor die Tür setzt, damit ihr guter Ruf keinen Schaden nimmt, sowie Jörg Witte als nur widerwillig kooperativer Chef des örtlichen Polizeipostens sind die meisten Mitwirkenden zwar wenig bis gar nicht bekannt, aber sehr präsent.

Besonders einprägsam ist Gustav Schmidt in der männlichen Hauptrolle, zumal er den reizbaren Brunner keineswegs als Opfer eines Justizskandals verkörpert. Tatsächlich bleibt lange offen, ob er den Vater seiner Freundin (Vanessa Loibl) nicht womöglich doch auf dem Gewissen hat, selbst wenn er die Tat nun leugnet.

Atmosphärisch: „Die Verteidigerin: Der Gesang des Raben“, spielt im Hochschwarzwald.
Atmosphärisch: „Die Verteidigerin: Der Gesang des Raben“, spielt im Hochschwarzwald. | Bild: SWR/Maria Wiesler

Bei der Untersuchung des Autos aus dem See findet die Kriminaltechnik allerdings Einschusslöcher, die von Jagdgewehren stammen könnten. Aber wenn Brunner die Tat nicht begangen hat, warum hat er sie dann damals gestanden?

Mischung aus Freundlichkeit und Hartnäckigkeit

Von der Neugier auf die Antwort abgesehen lebt „Die Verteidigerin“ vor allem vom eindringlichen Spiel der Titeldarstellerin. Martina Gedeck versieht die erfahrene Juristin, die sich auch durch die Unleidlichkeit ihres Mandanten nicht bremsen lässt, mit einer interessanten Mischung aus Freundlichkeit und Hartnäckigkeit.

Die ist auch nötig, denn das Dorf empfängt weder den zunächst wieder freigelassenen Brunner noch sie selbst mit offenen Armen: Erst sprüht jemand „Verpiss dich“ auf ihren Wagen, dann versagen die Bremsen.

Ob die Sabotage tatsächlich, wie der Werkstattbesitzer (Sascha Maaz) meint, das Werk von Mardern war, wird sie nie erfahren. Dafür stellt sie alsbald fest, dass damals erhebliche Verfahrensfehler begangen worden sind.

Mithilfe eines kleinen, aber wirkungsvollen Drehbucheinfalls hat Eibl-Eibesfeldt immerhin dafür gesorgt, dass die Verteidigerin inmitten der allgemeinen Feindseligkeit kleine Oasen findet: Dank ihrer sympathischen Vorliebe für Eiscreme verschafft sie sich und dem Film einige willkommene Ruhepausen.