„Ich bin geschockt, das darf doch nicht wahr sein! Ich finde das ganz schlimm“, sagt Antonitta Petrocelli. Die Gottmadingerin wollte am Freitagnachmittag in der Singener Karstadt-Filiale einkaufen, stand aber wie viele andere vor verschlossenen Türen. Auf einem Zettel war zu lesen: „Aus organisatorischen Gründen geschlossen“. Wenige Stunden zuvor, kurz nach 14 Uhr, war bekannt geworden, dass Galeria-Karstadt-Kaufhof (GKK) voraussichtlich fünf seiner Filialen in Baden-Württemberg schließt, darunter jene in Singen.

Die Karstadt-Filiale in Singen am Tag der Schließung.
Die Karstadt-Filiale in Singen am Tag der Schließung. | Bild: Tesche, Sabine

Die Meldung war für den Singener Oberbürgermeister Bernd Häusler ein Schock: „Das ist ein schwerer Schlag für die Innenstadt, dass Karstadt nach fast vier Jahrzehnten schließt.“ Die Entscheidung könne er nicht nachvollziehen, so Häusler, nach seinem Kenntnisstand habe die Filiale immer schwarze Zahlen geschrieben. „Für Singen hat das sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Folgen: Rund 100 Beschäftigte sind von der Schließung betroffen“, betont der OB.

Er habe bereits mit der Filialleiterin, dem Betriebsrat und den Eigentümern des Karstadt-Gebäudes gesprochen, so Häusler: „Wir werden uns gemeinsam mit den Eigentümern darum bemühen, das Gebäude als Einzelhandelsstandort wiederzubeleben.“ Aber in Corona-Zeiten sei es natürlich schwierig, eine Lösung zu finden.

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Viele Passanten und treue Karstadt-Kunden in Singen sind fassungslos, als sie von der plötzlichen Schließung erfahren

„Die Leute haben im Sekundentakt an den Türgriffen gerüttelt und gegen die Scheiben geschlagen“, erzählt unsere Reporterin, die am Freitagnachmittag vor Ort ist. Regina Baur ist jeweils extra aus Überlingen nach Singen gekommen, um im hiesigen Karstadt einzukaufen: „Hier findet man einfach alles und besonders von der Uhren-Abteilung bin ich so begeistert.“ Dass ihre Lieblingsfiliale nun geschlossen werden soll, findet Baur „mit einem Wort: schrecklich!“

Regina Baur aus Überlingen kommentiert die Schließung mit: „In einem Wort: schrecklich!“
Regina Baur aus Überlingen kommentiert die Schließung mit: „In einem Wort: schrecklich!“ | Bild: Tesche, Sabine

Auch Ralf Maurer aus Stockach gehört zu den Stammkunden des Singener Karstadts: „Ich schätze das breite Angebot und finde es schade, wenn die Filiale geschlossen wird.“ Für Edelgard Schneble aus Gailingen hat bisher jeder Besuch in Singen auch in den Karstadt geführt: „Es gibt immer etwas, das ich brauche.“ Ihr sei in letzter Zeit aber auch aufgefallen, dass vor allem im Untergeschoss immer weniger Kunden unterwegs gewesen seien.

„Ich finde es schade, wenn die Filiale geschlossen wird“, sagt Ralf Maurer aus Stockach.
„Ich finde es schade, wenn die Filiale geschlossen wird“, sagt Ralf Maurer aus Stockach. | Bild: Tesche, Sabine

Vier weitere Standorte in Baden-Württemberg stehen vor dem Aus

Neben der Filiale in Singen werden in Baden-Württemberg voraussichtlich auch die Karstadt-Kaufhof-Standorte in Mannheim, Stuttgart-Bad Cannstatt, Göppingen und Leonberg dicht gemacht, teilte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Freitag der Deutschen Presseagentur (dpa) mit. Die große Karstadt-Filiale in Konstanz wird jedoch nicht geschlossen.

Im Südwesten seien rund 300 Mitarbeiter von den Schließungen betroffen, so Verdi. Bundesweit sollen 62 der 172 Filialen und zwei Schnäppchencenter geschlossen werden. Rund 6000 der insgesamt 28 000 Mitarbeiter dürften ihre Arbeitsplätze verlieren. Die Zahl der Filialschließungen fällt damit etwas geringer aus, als befürchtet. Ursprünglich hatte die GKK-Geschäftsführung signalisiert, dass im Zuge der Sanierung des Unternehmens bis zu 80 Filialen geschlossen werden könnten.

Galeria-Karstadt-Kaufhof (GKK) war durch die coronabedingte Schließung aller Filialen in eine schwere Krise geraten und rechnet derzeit laut dpa bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro, aufgrund des durch die Pandemie ausgelösten Konjunkturabschwungs.

Die Karstadt-Filiale in Singen am Tag der Schließung.
Die Karstadt-Filiale in Singen am Tag der Schließung. | Bild: Tesche, Sabine

Gekündigte Mitarbeiter können in eine Transfergesellschaft wechseln

Der vom Unternehmen mit dem Gesamtbetriebsrat und Verdi ausgehandelte Sozialplan und Interessenausgleich sieht unter anderem vor, dass die gekündigten Mitarbeiter für mindestens sechs Monate in eine Transfergesellschaft wechseln können.

Verdi hofft nach wie vor, die Zahl der Schließungen weiter senken zu können. „Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen“, so Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger gegenüber dpa. Für Samstag hat der GKK-Gesamtbetriebsrat eine Demonstration vor der Hamburger Zentrale des Immobilienriesens ECE angekündigt. Die Arbeitnehmer verlangen von dem Konzern Zugeständnisse bei der Miete für die von ihm vermieteten Warenhaus-Immobilien.

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