Manchmal, sagt Anja Plesch-Krubner, verliere sie den Mut und der Frustrationspegel steigt auf einen neuen Höhepunkt. „Ich frage mich dann, warum ich das eigentlich mache. Und wann die eigentlich Sache kippt von Engagement in Dummheit. Aber was mich dann doch hält, ist meine Wut. Die Wut darüber, wie hier mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wird. Und dass es niemanden in der Politik gibt, der sich hinstellt und sagt: So geht es nicht weiter.“

Anja Plesch-Krubner, 54, Mutter und Ärztin aus Heidelberg, kann ein Lied davon singen, was das G8 mit Familien und Kindern macht. Seit fünf Jahren führt sie gemeinsam mit Corinna Fellner, 52, Mutter aus Amtzell im Allgäu, und einem harten Kern anderer Eltern einen Kampf gegen das achtjährige Gymnasium. „Ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Plesch-Krubner. Die Eltern wollen in Baden-Württemberg zurück zum G9 an allgemeinbildenden Gymnasien. Mit der „Turbo“-Möglichkeit, durch Überspringen der Klasse 11 auch ein G8 zu machen.

Die erste Online-Petition dazu, 2018 gestartet, scheiterte letztlich an Corona, die zweite, im März 2021 aufgegleist, fand bislang über 28.200 Unterstützer und startet jetzt durch: Sie ist in einen Volksantrag gemündet, der am vergangenen Freitag mit einem Gesetzentwurf beim Landtag eingereicht wurde.

Am kommenden Freitag will die Initiative „G9 jetzt in Baden-Württemberg“ das Vorhaben öffentlich vorstellen und unmittelbar im Anschluss mit der Unterschriftensammlung beginnen. „Das direktdemokratische Verfahren ist das Einzige, mit dem wir Druck auf die Politik ausüben können“, sagt Plesch-Krubner.

Etwa 300.000 Schüler besuchen derzeit die allgemeinbildenden Gymnasien im Land – die Frage ist, wie viele von deren Eltern mobilisiert werden können für das G9. Helfer sind in allen Landesteilen dringend nötig, wenn die Unterschriften gesammelt werden, sagt die Initiatorin.

40-Stunden-Wochen plus Hausaufgaben

Aber Druck im Kessel sei jetzt, wo Lernlücken aus den Corona-Jahren in zusätzlichen Stunden aufgeholt werden sollen, noch höher als schon in den Jahren zuvor. Das erleben die Initiatorinnen auch in den eigenen Familien. Täglich zehn bis zwölf Stunden Unterricht, Fächer wie Physik oder Chemie nachmittags bis halb fünf, dazu statt der Mittagspause „Rückenwind“-Angebote – das ist für viele G8-Schüler die Regel. Und dann sind nach 40-Stunden-Wochen noch keine Hausaufgaben gemacht.

Zusätzlich zu Lerndruck und Erschöpfung sorgt erschwerend noch die Pubertät für familiären Stress. „Mein Sohn in der achten Klasse hat nach einer solchen Woche freitags noch bis halb vier Unterricht. Ich frage mich: Was passiert hier eigentlich? Welcher Arbeitnehmer würde sich das gefallen lassen? Jede Gewerkschaft würde Sturm laufen. Aber Schüler haben eben keine Lobby“, sagt die Heidelberger Initiatorin.

Eine Oberstufenschülerin in Bayern streicht an einer Tafel das G8 aus. Andere Bundesländer wie Bayern haben sich bereits wieder vom ...
Eine Oberstufenschülerin in Bayern streicht an einer Tafel das G8 aus. Andere Bundesländer wie Bayern haben sich bereits wieder vom achtjährigen Gymnasium verabschiedet oder bereiten es vor. | Bild: Armin Weigel

Für die Politik im Land heißt der Volksantrag: Jetzt könnte es ernst werden. Während andere Bundesländer, auch das bildungsehrgeizige Bayern, längst den Weg zurück von der achtjährigen „Turbo“-Fehlzündung zum neunjährigen Gymnasium wieder beschritten haben, ignoriert die Politik in Baden-Württemberg seit Jahren, dass Zufriedenheit mit dem G8 und auch Qualität längst nicht so hoch sind, wie es seitens des Kultusministeriums stets postuliert wird.

Das Festhalten an dem G8-Weg mit landesweit 43 G9-Modellversuchen, der auch vielen Pädagogen als Irrweg gilt, hat mehrere Gründe. Der Wichtigste dürfte in einem Prestigeprojekt der Grünen liegen, einst umgesetzt in der grün-roten Landesregierung auf Drängen der SPD: Ein landesweites G9 würde die Attraktivität der Gemeinschaftsschulen drastisch reduzieren.

Zudem scheut die grün-schwarze Landesregierung den Rückfall in einen bildungspolitischen Systemstreit, wie er jahrelang erbittert geführt wurde und zu einer Erosion des einst zementierten dreigliedrigen Systems in Baden-Württemberg führte bis hin zur heutigen unübersichtlichen Schullandschaft, bei der die Bildungskarriere letztlich vom zufällig am Wohnort bestehenden Angebot abhängt.

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Wo G9 angeboten wird, können sich die Schulen nicht retten vor Anmeldungen. Am Stockacher Nellenburg-Gymnasium etwa, das sowohl G8 als auch G9 anbietet, gibt es praktisch überhaupt keine Anmeldungen für den achtjährigen Zug. Aber jede weitere geplante Änderung an dem fragilen Status Quo der Bildungslandschaft führt vor Ort zu Verwerfungen und politisch zu Streit. In den Koalitionsvertrag haben sich Grüne und CDU deshalb geschrieben, das Schulsystem in dieser Legislatur nicht anzufassen.

Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), hier Ende Oktober am Stuttgarter Landtag bei einer Protestaktion ...
Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), hier Ende Oktober am Stuttgarter Landtag bei einer Protestaktion der GEW gegen Lehrermangel, sieht keinen Bedarf für eine Änderung von G8 zu G9. | Bild: Marijan Murat

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht ohnehin keinen Bedarf: „Wir haben in Baden-Württemberg ein flächendeckendes Angebot, um in neun Jahren zum Abitur zu gelangen“, sagte Schopper kürzlich auf SÜDKURIER-Anfrage. Dies sei auch landesweit an 223 beruflichen Gymnasien möglich, an 50 Waldorfschulen sowie an neun Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe.

Unterstützung von Verbänden

Unterstützung für die Rückkehr zum G9 hat unter den Parteien im Landtag einzig die AfD signalisiert. Eine Kooperation mit der Rechtspartei strebt die Elterninitiative, die sich als unabhängig und überparteilich versteht, aber nicht an.

Mit dem Philologenverband Baden-Württemberg, der 2018 bereits selbst eine Initiative für das G9 gestartet hat, steht man in engem Austausch. Auch der Landeselternbeirat (LEB) unterstützt die Rückkehr zum G9. Die Erziehungsgewerkschaft GEW, die selbst das G9 befürwortet, verfolgt allerdings mit einem verpflichtenden Ganztagskonzept ein anderes Modell als die Elterninitiative.

Dass direkte Demokratie nichts für Anfänger ist, haben Fellner und Plesch-Krubner in den vergangenen fünfeinhalb Jahren in unzähligen Arbeitsstunden an dem Projekt leidvoll erfahren. Jetzt ist der Antrag auf dem Weg.

Was bleibt, ist die Sorge, trotz umfangreicher juristischer Beratung durch ehrenamtliche Unterstützer einen kleinen formalen Fehler gemacht zu haben, der das Ganze zu Fall bringen könnte. „Aber wir müssen jetzt durchhalten und das Ding zum Abschluss bringen“, sagt die Heidelbergerin. Der Aufschlag ist gemacht.