Dass Baden besonders liberal und neuen Ideen stets aufgeschlossen sei, ist ein geflügeltes Wort. Was ist dran? Die badische Landeskirche, in der sich die evangelischen Christen in Baden organisieren, liefert dafür ein treffendes Beispiel: Vor 50 Jahren wurden die ersten Frauen ins Pfarramt zugelassen. Sie dürfen seitdem eine Gemeinde leiten, predigen, kirchliche Handlungen vornehmen – mindestens in Baden.

Eine Frau am Altar war nicht gewünscht

Die Synode – eine Art Parlament der Landeskirche – stellte damals lakonisch fest: „Pfarrer im Sinne der Grundordnung ist auch die Pfarrerin.“ Dieser Satz von 1971, den man heute so nicht mehr schreiben würde, ist kurz und aussagekräftig. In den Jahren zuvor hatten sich männliche Theologen gegen die Gleichrangigkeit von Frauen im kirchlichen Dienst gestellt. Zwar durften Damen längst studieren an den einschlägigen theologischen Fakultäten wie Tübingen oder Heidelberg. Sie konnten ein Examen ablegen und sogar Professorin werden. Nur die Frau am Altar schien undenkbar. Sie war unerwünscht.

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„Als Pfarrgehilfinnen waren sie den Pfarrern untergeordnet – trotz gleicher Ausbildung“, berichtet zu Beispiel Sarah Banhardt vom badischen Theologinnenkonvent. Die Etappen der ruckweisen Gleichstellung hatten ihre markanten Punkte immer im Krieg: 1916 durften sich erstmals Abiturientinnen zum Theologiestudium einschreiben. Und man schrieb das Kriegsjahr 1943 mit der Katastrophe von Stalingrad, als die Seelsorgerinnen erstmals als Vikarinnen tituliert wurden und in die evangelische Hierarchie einrückten. Es bedurfte des Krieges, in den auch viele Pastoren ziehen mussten, um Frauen nach vorne zu holen.

Die Witwe wehrte sich gegen eine Pastorin

Zum Vergleich: In der württembergischen Landeskirche durften bereits 1968 Frauen auf die Kanzel. Auch hier waren die Widerstände zuvor groß, vor allem bei den Mitgliedern. Mehrfach lehnten es Witwen ab, dass ihre verstorbenen Männer von einer Frau im schwarzen Talar ausgesegnet wurde. Dagegen arrangierten sich Männer schnell mit dem weiblich-neuen Erscheinungsbild ihrer Kirche.

Wie fortschrittlich die badische Kirche damals war, zeigt ein Vergleich: Frauen durften zu dieser Zeit ihren Arbeitsplatz noch nicht selbst aussuchen. Bis 1977 konnten sie einen Arbeitsvertrag nur mit Genehmigung des Ehemannes oder Vaters unterschreiben. Auch eine größere Anschaffung war einer Ehefrau 1971 noch untersagt. Ein Auto oder eine Waschmaschine beispielsweise durfte nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Mannes erworben werden.

Eine Bischöfin gibt es in Baden bisher nicht

In den vergangenen 50 Jahren hat sich einiges verändert. Im Pastorenamt sind derzeit 45 Prozent Frauen versammelt, berichtet der Oberkirchenrat (Karlsruhe) dem SÜDKURIER. Und die Dekanin als regionales Führungsamt gehört mittlerweile zum vertrauten Personaltableau dieser Glaubensgemeinschaft. Aktuell sind dies die Dekaninnen Christiane Vogel (Hochrhein), Bärbel Schäfer (Markgräflerland), Hiltrud Schneider-Cimbal (Konstanz) sowie Regine Klusmann (Überlingen-Stockach).

Für das Amt des Landesbischofs hat es freilich noch keine Damenwahl gegeben. Das kann sich schnell ändern: Die Suche nach einem Nachfolger für Jochen Cornelius-Bundschuh läuft – es könnte durchaus eine Nachfolgerin sein.