Wer die Worte „Rekord“ und „Winter“ zusammen in einem Satz hört, schaltet auf Durchzug. Gefühlt wandert das Quecksilber im Thermometer doch jedes Jahr noch ein Stückchen höher. Ständig neue Spitzenwerte – das stumpft ab. Aber das, was gerade passiert, ist dramatisch. Die Pflanzenwelt leidet. Für Tiere bedeuten Wetterextreme nicht selten den Tod.

Dramatische Folgen für Hummel und Siebenschläfer

Das weiß Lilith Stelzner vom BUND Baden-Württemberg nur zu gut. Die Naturschutzreferentin sieht vor allem Tiere, die Winterschlaf halten, in Gefahr. „Ihre Energiereserven sind nur für einen ganz bestimmten Zeitraum vorgesehen“, sagt Stelzner. Werden die Tiere drei, vier Wochen früher aktiv, kann das für Haselmaus, Hummel, Siebenschläfer und Co. dramatische Folgen haben, weil ihr Energievolumen aufgebraucht ist, bevor der nächste Winter einbricht.

Wildbienen in Gefahr

Eine Wildbiene sucht nach Nektar.
Eine Wildbiene sucht nach Nektar. | Bild: Uwe Anspach/dpa

Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem die Tiere aktuell fertig werden müssen. Wenn der Winter zu warm ist, treiben Bäume früher aus und blühen vorzeitig. „Das trifft zum Beispiel Wildbienen hart. Denn sie sind Spezialisten und somit auf bestimmte Pflanzen angewiesen, um zu überleben“, sagt Sabine Brandt vom Naturschutzbund Nabu in Biberach. Die Mohnbiene etwa benötigt die roten Blätter der Blume, um Niströhren der Larven auszukleiden. Sollte die Biene erst wach werden, wenn die Pflanze durch den warmen Winter schon verblüht ist, hat die nachfolgende Generation keine Chance.

Nistplätze für Zugvögel werden knapp

Von den Wetterextremen sind auch Zugvögel betroffen. Vor allem Langstreckenzieher, wie die Nachtigall, die bei Kälteeinbruch auf die Südhalbkugel reist, kommt Experten zufolge durcheinander, wenn die Winter warm bleiben. „Die Kurzstreckenzieher, die nicht so weit fliegen, kommen früher zurück, weil sie merken, dass es verhältnismäßig warm bleibt. Das ist ein Problem“, sagt Stelzner vom BUND. Warum? Sie suchen sich die besten Nistplätze aus. Für Langstreckenzieher, wie etwa den Storch, bleiben dann unter Umständen schlechte oder gar keine Nistplätze mehr übrig.

Die Zecke auf dem Vormarsch

:Eine tote Zecke Hyalomma marginatum sitzt auf einer Hand.
:Eine tote Zecke Hyalomma marginatum sitzt auf einer Hand. | Bild: Marijan Murat/dpa

„Wir rechnen mit deutlich mehr Zecken„, sagt Nabu-Expertin Sabine Brandt. Normalerweise sterben viele Zecken, wenn im Winter dauerhaft Temperaturen unter null Grad fallen. Das war dieses Jahr wiederholt nicht der Fall. „Die Zecken können sich somit schneller und besser vermehren. Das wird auch für uns Folgen haben, die wir jetzt noch nicht abschätzen können“, sagt sie.

Tigermücken mit Malaria breiten sich in Deutschland weiter aus

Stechmücken sind temperaturgesteuert. Sie werden aktiv, wenn es warm wird. Ein schlechtes Zeichen? Jein. Die warmen Winter begünstigen zwar eine hohe Population. Aber relevant ist auch genügend Wasser im Frühjahr und Sommer. „Es kann noch so heiß sein. Wenn es nicht regnet, können sie sich nicht vermehren. Hitze und Regen – also ein tropisches Klima – wäre die ideale Zusammensetzung“, sagt Lilith Stelzner. Ob uns eine Mückenplage erwartet, wird der Niederschlag in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. „Was aber jetzt schon klar ist: durch die warmen Winter können auch tropische Mücken, wie die Tigermücke, bei uns überleben. Sie kann Malaria übertragen. Und diese Art beobachten wir seit einigen Jahren bei uns“, sagt Nabu-Expertin Sabine Brandt.

Schmetterling und Gottesanbeterin – Gewinner des wärmeren Winters

Eine Gottesanbeterin.
Eine Gottesanbeterin. | Bild: Uli Deck/dpa

Doch es gibt auch Gewinner der warmen Temperatur. Einige Schmetterlingsarten finden den Weg zurück nach Deutschland. „Das ist schön und freut uns“, sagt Brandt. Seit einigen Jahren verbreitet sich sogar wegen den hohen Temperaturen die europäische Gottesanbeterin hierzulande. Man trifft sie normalerweise ausschließlich in Afrika und Südeuropa an. „Sie kommt jetzt immer häufiger über Südfrankreich zu uns. Sie liebt die trockenen Weinberge. Die gibt es auch hier“, sagt Brandt.

Folgt auf den Rekord-Winter ein Rekord-Sommer?

Ganz so einfach ist es nicht. Die Tendenz geht aber in diese Richtung. Eigentlich schneit es in Osteuropa deutlich mehr als in Deutschland. Dieser Niederschlag blieb dieses Jahr beinahe gänzlich aus. Und das hat Folgen, weiß Ullrich Kümmerle, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in Freiburg. „Normalerweise reflektiert die riesige Schneedecke in Osteuropa die Sonnenstrahlen zurück in den Weltraum. Der Übergang von Schnee und Eis in Wasser verbraucht viel Energie. Wenn dieser Effekt ausbleibt, kann es durchaus sein, dass es bei uns im Frühling und Sommer wärmer wird.“