Die Gäste und Kunden, sie könnten kommen. Aber ob Restaurants, Bars, kleine Cafés, Touristen- oder Tagungs-Hotels, ob Caterer, die die vergebens auf Aufträge von Geburtstags- oder Hochzeitsgesellschaften warten – die Lage in den Betrieben des baden-württembergischen Gastgewerbes hat sich zu Jahresbeginn erneut verschärft. Fast jeder dritte Betrieb im Land fürchtet laut dem Branchenverband Dehoga um seine Existenz, sollten sich die seit zwei Jahren anhaltenden coronabedingten Umsatzeinbrüche fortsetzen.

Pleitewelle bislang verzögert

Bislang ist die große Pleitewelle unter den Betrieben zwar ausgeblieben – aber nur dank massiver Unterstützung des Staates mit Soforthilfe, Überbrückungsgeldern, gestundeten Krediten und Kurzarbeitergeld. Touristische Betriebe konnten zudem in den Sommermonaten 2021 teils gute Umsätze verbuchen, meldeten sogar Vollbelegung und Hochbetrieb. Für viele aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: Den finanziellen Einbruch nach zwei Jahren Pandemie macht das nirgends wett. Die privaten Reserven und Polster sind abgeschmolzen, und die Hilfen, die das Schlimmste verhindert haben, drohen nun auf mehreren Ebenen auszulaufen.

Das geht aus der neuesten Umfrage des Dehoga Baden-Württemberg hervor, an der sich vom 17.-19 Januar landesweit rund 1800 gastgewerbliche Betriebe beteiligt haben. Knapp zwei Drittel (60,5 Prozent) der an der Umfrage teilnehmenden Betriebe sehen ihren Betrieb demnach aktuell in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährdet, wie der Dehoga dem SÜDKURIER in Stuttgart mitteilte. Und fast die Hälfte der Betriebe ist derzeit von staatlicher Unterstützung abhängig, um die die Mitarbeiter überhaupt zu halten: 48 Prozent gaben an, im Januar erneut Kurzarbeitergeld für Beschäftigte beantragt zu haben.

Für manche Betriebe lohnt sich derzeit eine Öffnung nicht. Aber die Unterstützung für „freiwillige Schließung“ durch den ...
Für manche Betriebe lohnt sich derzeit eine Öffnung nicht. Aber die Unterstützung für „freiwillige Schließung“ durch den Bund läuft aus. | Bild: Martin Schutt/dpa

In dieser Zahl steckt noch weiterer Sprengsatz. Denn die maximale gesetzliche Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld beträgt aktuell 24 Monate. Wer seit März 2020 durchgängig in Kurzarbeit ist, für den läuft der Anspruch Ende Februar aus. Fünf Wochen zuvor stehen Betriebe und Mitarbeiter derzeit im luftleeren Raum – sie wissen nicht, wie es ab März weitergeht. Wird die Bezugsdauer nicht coronabedingt verlängert, drohen in der Branche erstmals großflächig Entlassungen. Hier ist für den Dehoga der Bund gefordert – ebenso wie beim Hilfsanspruch bei „freiwilliger Schließung“. Wer aufgrund der Rahmenbedingungen aktuell nicht kostendeckend arbeiten könne und daher den Betrieb auch ohne Lockdown geschlossen halte, droht bereits Ende Januar den Anspruch auf staatliche Überbrückungshilfe zu verlieren.

Dramatisch ist für den Verband vor allem, dass sich seit Einführung der 2Gplus-Regel am zweiten Adventswochenende, die zu einem massiven Einbruch im Weihnachtsgeschäft und über den Jahreswechsel führte, noch immer keine Erholung abzeichnet.

Fritz Engelhardt, Präsident des Dehoga Baden-Württemberg.
Fritz Engelhardt, Präsident des Dehoga Baden-Württemberg. | Bild: Dehoga

„Die Ergebnisse der Umfrage sind alarmierend und zeigen, dass der wirtschaftliche Druck auf die Betriebe immer größer wird. Der drastische Umsatzrückgang, von dem die Unternehmen berichten, ist nicht bloß eine Momentaufnahme, sondern hat sich bereits im wichtigen Herbst- und Vorweihnachtsgeschäft abgezeichnet“, bewertet Fritz Engelhardt, Landesvorsitzender des Dehoga, die Entwicklung.

Die Umsatzentwicklung blieb zu Jahresbeginn 2022 und trotz einer hohen Akzeptanz der geltenden 2G-plus-Regel in der Bevölkerung noch weit unterhalb der Vor-Corona-Normalität: Durchschnittlich meldeten die Hotels und Gastronomiebetriebe im Zeitraum vom 1. bis 16. Januar 2022 ein Umsatzminus von 54 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorkrisenjahr 2019. Sprich: Die Kunden und Gäste, von denen viele doch mittlerweile geimpft und geboostert sind, könnten eigentlich zurückkommen – aber sie tun es nicht.

Kontrolle des Impfstatus am Eingang eines Restaurants: Bislang hat die Branche die Einschränkungen mitgetragen und versucht, das Beste ...
Kontrolle des Impfstatus am Eingang eines Restaurants: Bislang hat die Branche die Einschränkungen mitgetragen und versucht, das Beste daraus zu machen. Nun aber steigt der Frust. | Bild: Annette Riedl/dpa

Der Verband macht gleich eine ganze Reihe von Faktoren dafür verantwortlich. „Der Schluss, dass doch nur die Nicht-Geimpften wegbleiben, ist falsch“, sagt Dehoga-Pressesprecher Daniel. Es sei eben nicht nur das Fehlen der rund 20 Prozent Ungeimpften, die den Betrieben an die Existenz gehen. Auch Gruppen bleiben weg, in denen Einzelne nicht geimpft oder besonders gefährdet seien, Veranstaltungen würden verschoben oder abgesagt, die allgemeine Verunsicherung sei hoch. „Dazu kommt, dass viele einfach nicht mehr wissen, was jetzt eigentlich gilt“, sagt Ohl.

Zunehmend Resignation und Wut

Das die Verlängerung der Alarmstufe II durch die Landesregierung ohne weiteren Fahrplan habe nicht nur die Perspektive auf Besserung zerschlagen, sondern auch für erheblichen Frust in der Branche gesorgt, die die Maßnahmen bisher weitgehend klaglos mitgetragen habe. „Nachbar-Bundesland Bayern zeigt im Übrigen, dass auch andere Lösungen verantwortungsvoll möglich sind. Dort bleibt die Gastronomie bis auf Weiteres unter 2G-Bedingungen geöffnet – vollständig Geimpfte müssen also keinen zusätzlichen Negativ-Test vorlegen“, so Ohl. Was dem Verband zusätzlich Sorgen bereitet: Dass nun neben den Rückmeldungen über existenzielle Bedrohungen auch noch eine Welle der Wut und der Resignation über fehlende Perspektiven durch die Branche schwappt. „Die Akzeptanz und der Rückhalt für die Corona-Maßnahmen brechen weg“, registriert der Dehoga-Sprecher.