Um sieben Uhr abends laufen die ersten Gäste in den Saal ein, staunen über die liebevolle Dekoration der Tische, suchen ihren Platz. Eine Stunde später ist die Wiesentalhalle in Weiterdingen voll, 224 Plätze sind ausverkauft und die Zuschauer aus dem Hegau und der weiteren Umgebung mit Schnittchen eingedeckt.

Weiterdinger bringen Bühnengaudi in den Hegau

Lange bevor sich der kardinalsrote Vorhang zum Theater hebt, herrscht hier Hochstimmung. Für die Weiterdinger bleibt der Fernseher heute aus – am Sonntagabend ignorierten sie das WM-Spiel von Deutschland gegen Spanien.

Sie haben etwas Besseres gefunden als die Schmierenkomödie von Katar: eine turbulente Bühnengaudi, bei der es drunter und drüber und vor allem daneben geht. Jedes Jahr führen Mitglieder des Narrenvereins Epfelbießer – „Apfelbeißer“ – einen Schwank auf.

Eine Stunde vor Beginn des Theaterstücks. Die Weiterdinger Laiendarsteller treffen sich im Probelokal des Musikvereins, lernen Text, ...
Eine Stunde vor Beginn des Theaterstücks. Die Weiterdinger Laiendarsteller treffen sich im Probelokal des Musikvereins, lernen Text, werden geschminkt. Über Nachwuchs müssen sie sich keine Sorgen machen. | Bild: Fricker, Ulrich

Der Verein wurde 1990 gegründet, kurz nach dem Mauerfall. Wenige Jahre später spielten die Epfelbießer schon Theater, was für Narren selten ist. Die Gruppe ist also jung, gemessen an anderen närrischen Zünften im Gäu.

Jung geblieben sind die Maskenfreunde auch in Sachen Engagement: Von den etwa 100 Mitgliedern der Epfelbießer sind an den drei Theaterabenden alle auf den Beinen. Gemeinsam verwandeln sie die frisch renovierte Dorfsporthalle in ein großes Wohnzimmer. Seit September übten sie an dem launigen Stück.

„Wir haben kein Problem mit dem Ehrenamt“, sagt Roman Storz, Vorsitzender des Vereins. Von den zehn Darstellern der Komödie sind vier Neulinge. Paul Kiener, 20, hat die Aufführungen bereits als Kind erlebt. Nun steht er selbst auf der Bühne und spielt den unschuldigen Post- und Liebesboten, der den Müllers immer wieder Erotik-Pakete zustellen darf. Für Paul ist es selbstverständlich, dass er mitmacht.

Theater in Weiterdingen ist etwas Besonderes

Auch Lea Oostinga, 20 steht erstmals auf den Brettern. „Ich dachte, ich versuche es einmal“, sagt die Finanzbeamtin. Beide fuchsen sich später hervorragend in ihre Rollen ein, sie ernten Beifall auf offener Szene. Von Nervosität keine sichtbare Spur.

Dass Weiterdingen etwas Besonderes ist, spricht sich herum. Die Besucher kommen aus der ganzen Region. Außer den Hegauern fahren auch Theaterfreunde aus dem Kreis Tuttlingen oder Villingen-Schwenningen an.

Auch Schweizer Kennzeichen sieht man auf dem vollgestellten Parkplatz des Dorfes. Ortsvorsteher Egon Schmieder trägt eine Lodenjacke, er sagt: „Mit Ehrenamt haben wir hier kein Problem. Alle packen an.“

Den heimlichen Hauptdarsteller des Abends muss man nicht in der fabelhaften Truppe suchen, die eine Komödie um die liebestolle Familie Müller aufführt. Der stärkste Akteur ist ein Kollektiv namens Gemeinschaftsgeist. Alles geht Hand in Hand am Wochenende zum ersten Advent.

100 fleißige Epfelbießer ermöglichen den Abend – in der Küche der Halle werden frische Häppchen zubereitet.
100 fleißige Epfelbießer ermöglichen den Abend – in der Küche der Halle werden frische Häppchen zubereitet. | Bild: Fricker, Ulrich

Wo andere Vereine Angebote streichen und Feste kippen, weil Personal aus den eigenen Reihen fehlt, schöpfen die Weiterdinger aus dem Vollen. Auch über die Klippen der Corona-Zeit sprangen sie sicher. 2018 zogen sie den Roten Vorhang zum vorerst letzten Mal auf. Dann wurde die die Halle saniert, die Pandemie zog vorüber.

Roman Storz konnte nicht ahnen, dass der Neustart so gut gelingen würde – und er gelang. Auch beim Publikum – die Abende waren rasant ausverkauft, der Charme der Weiterdinger Truppe hat sich weit herumgesprochen.

Das Erfolgsrezept ist einfach: „Leuten eine Freude machen“

Stefan Storz führt mit Helena Schwarz zusammen Regie. Storz ist ein Theatermensch der ersten Stunde, stand früher selbst auf den Brettern und „lässt jetzt die Jungen vor“, wie er sagt. Das Erfolgsrezept ist schlicht und ergreifend: „Wir wollen den Leuten einfach eine Freude machen. Sie sollen vespern, trinken und lachen. Vom Krieg und Katastrophen ist an diesem Abend nicht die Rede.“

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Da nicken alle zehn Darsteller zustimmend. Sie haben sich eine Stunde vor Beginn in einem Nebenraum versammelt, sonst Probelokal des Musikvereins. Sie stärken sich mit Sekt und Selters, dämpfen die Aufregung, lassen sich schminken. Benno Köpke, der kräftige Mime mit Kultpotenzial, murmelt Teile des Textes vor sich hin.

Während das Publikum ein Lachsbrötle zu sich nimmt, gehen die Schauspieler hinter der Kulisse in sich. „Das ist wie im richtigen Theater“, sagt Regisseurin Helena Schwarz. Dreieinhalb Stunden später ist alles vorbei. Das geballte Ehrenamt füllt den Abend.