Alona Negrich sitzt fest – in einem Land, das es aus Sicht fast aller Staaten der Welt gar nicht gibt: Abchasien. Abchasien ist ein von Georgien abtrünniges Gebiet im Südkaukasus an der Grenze zu Russland. Bis vor kurzem lebte hier Alona Negrichs Vater. Als sie die Nachricht erhielt, dass er im Sterben liege, beschloss die Lehrerin aus dem Landkreis Böblingen sofort, zu ihm zu reisen. Ein letztes Mal habe sie ihn noch sehen wollen, erzählt die 47-Jährige.

Doch eine Reise in das vergessene kleine Gebiet am Schwarzen Meer ist gar nicht so einfach. Negrich muss über Russland reisen – eines der wenigen Länder, das Abchasien anerkennt. Sie organisiert sich ein russisches Touristenvisum. Erst geht es mit dem Flugzeug nach Moskau, dann nach Sotschi, von dort rund 100 Kilometer mit dem Taxi über die Grenze nach Abchasien. Sie habe alles genauso gemacht wie bei ihrer letzten Abchasien-Reise vor fünf Jahren, erzählt die Herrenbergerin, die am Böblinger Max-Planck-Gymnasium arbeitet.

Neue Corona-Verordnung verbietet Grenzüberquerung

Nur: Vor einigen Monaten hat Russland eine Corona-Verordnung erlassen, die Ausländern das Überqueren der russisch-abchasischen Grenze verbietet. Davon aber weiß Alona Negrich nichts, als sie vor mehr als einer Woche am Grenzposten ankommt. Sie wundert sich zwar, warum sie stundenlang befragt wird, warum sie von einem Grenzbeamten zum anderen geschickt wird – und warum es immer wieder heißt, dass sie trotz ihres Visums später nicht mehr zurück nach Russland komme.

Doch für all das hat sie in diesem Moment keinen Kopf. Kurz zuvor habe sie die Nachricht bekommen, dass ihr Vater gestorben sei, erzählt sie. Einfach nur aufgelöst sei sie gewesen – und froh, als die Beamten sie schließlich doch durchließen nach Abchasien.

Außerdem erinnert sie sich, einer der Beamten habe ihr geraten, direkt nach ihrer Ankunft die deutsche Botschaft in Moskau um Hilfe zu bitten. „Da dachte ich: Das wird schon klappen“, sagt Negrich, die in der Ukraine geboren und vor rund 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist.

Russland lässt sie nicht mehr ins Land

Aber so einfach klappt es nicht: Als Negrich nach der Beerdigung ihres Vaters zurück will, lässt Russland sie tatsächlich nicht mehr ins Land. Und einen anderen Weg heraus aus Abchasien, das sich 2008 von der Ex-Sowjetrepublik Georgien abgespalten hat, gibt es für sie nicht. Das russische Konsulat in der Hauptstadt Sochumi könne ihr nicht weiterhelfen, erzählt sie. Und Deutschland, das Abchasien nicht anerkennt, hat dort keine Vertretung. Negrichs Mann kontaktiert die deutsche Botschaft in Moskau.

Alona Negrich am Grab ihres Vaters.
Alona Negrich am Grab ihres Vaters. | Bild: Privat/Alona Negrich/dpa

Negrichs Fall sei bekannt, heißt es auf dpa-Anfrage vom Auswärtigen Amt in Berlin. Die Behörde stehe mit ihr und ihrer Familie in Kontakt. Mehr könne zu Einzelfällen nicht gesagt werden. Generell aber rate das Auswärtige Amt von Reisen nach Abchasien – ebenso wie in das ebenfalls von Georgien abtrünnige Gebiet Südossetien – „dringend“ ab.

Alona Negrich wohnt unterdessen bei der Frau ihres verstorbenen Vaters. In Sochumi scheint die Sonne, es ist warum und der Strand nicht weit weg. Doch genießen kann Negrich all das nicht. Die ganze Ungewissheit sei schwer zu ertragen, erzählt sie. Seitdem in ihrer Heimat die „Sindelfinger Zeitung“ über ihr Schicksal berichtet hat, bekomme sie immerhin viele Nachrichten mit aufmunternden Worten.

Unter anderem bange sie um ihren Job, erzählt die Lehrerin. Schließlich könne sie nur darauf hoffen, zum Schulstart im September wieder in Deutschland zu sein. Dort wartet ihr Mann auf sie. Und auch ihre 26 Jahre alte Tochter sorgt sich. „Mein Mann weint. Meine Tochter weint. Die haben fast noch mehr Angst als ich“, sagt Negrich. Ihre eigene Gefühlslage beschreibt sie so: „Irgendwo zwischen Angst, Verzweiflung, Trauer und Hoffnung.“ (dpa)