Ein einziger Satz in der Anklageschrift deutet auf eine menschliche Regung bei der Tatverdächtigen hin: „Sie hatte Skrupel, den abgetrennten Kopf ebenfalls in den Abfall zu werfen.“ Ansonsten soll sich die mutmaßliche Täterin, eine 55-jährige gebürtige Ukrainerin mit liechtensteinischem Pass, ausgesprochen kaltblütig verhalten haben.

Laut Anklage zerstückelt sie die Leiche ihrer Mieterin, steckt die Körperteile in weiße Müllsäcke und wirft sie wie Abfall in Mülleimer in der Schweizer Gemeinde Bottighofen, wenige Kilometer von Konstanz entfernt. Mit dem Kopf dagegen hat sie andere Pläne: Sie fährt mit ihm etwa 20 Kilometer zu einem Waldstück in der Nähe von Egnach im Bezirk Arbon, gräbt mit den Händen ein Loch, legt ihn hinein und bedeckt ihn mit Laub und Ästen.

Zufallsfund bringt traurige Gewissheit

Erst einen guten Monat später wird der Kopf in Egnach zufällig bei Mäharbeiten entdeckt. Die Ermittler vermuten von Anfang an einen Zusammenhang mit der Frau, die in Bottighofen seit 31. Oktober 2020 als vermisst gemeldet war. Ein DNA-Abgleich mit der Schwester der Vermissten bringt traurige Gewissheit. Der Kopf gehörte zu einer Schweizerin, die in Bottighofen gelebt hatte. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens war sie 62 Jahre alt. Bei der Obduktion ihres Leichnams stellte sich heraus, dass die Frau erschossen wurde.

Das Opfer wurde 62 Jahre alt.
Das Opfer wurde 62 Jahre alt. | Bild: Kantonspolizei Thurgau

Von da an geht alles sehr schnell. Bereits zwei Tage, nachdem die Identität des Opfers geklärt ist, wird ihre Vermieterin verhaftet. Einen Tag später gesteht sie die Tat. Schon einen Monat zuvor hatte sie ein Video auf YouTube gestellt. Darin singt sie auf Russisch ein Lied über einen Mieter, der erschossen wird. Übersetzt lautet der Text in etwa so:

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, gleich geht der Mieter spazieren.
Ihm nach laufe ich sehr entschlossen, und auf den Mieter wird sogleich geschossen.
Piff-Paff! Oi-oi, mein Gott!
Auf einmal ist mein Mieter tot!“

Motiv: Vier Monate keine Miete bezahlt

Am Mittwoch um 8.15 Uhr beginnt vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen die Verhandlung gegen die Angeklagte. Drei Tage sind für den Prozess eingeplant, der aus Platzgründen im Kreuzlinger Rathaus stattfinden wird. Die Anklage lautet auf vorsätzliche Tötung und Störung des Totenfriedens. Der Staatsanwalt beantragt eine Haftstrafe von 18 Jahren und dazu einen Landesverweis von 15 Jahren.

Das Kreuzlinger Rathaus: Hier wird – wie schon der Mordprozess im Fall Kümmertshausen – auch das Tötungsdelikt Bottighofen ...
Das Kreuzlinger Rathaus: Hier wird – wie schon der Mordprozess im Fall Kümmertshausen – auch das Tötungsdelikt Bottighofen verhandelt. | Bild: Andrea Stalder

Der Grund, warum die Frau sterben musste, ist banal. Sie hatte seit vier Monaten keine Miete mehr bezahlt. Deswegen stritten sich die beiden Frauen mehrfach. So auch am Tag, an dem die Mieterin verschwand. In der Waschküche des gemeinsam bewohnten Hauses muss der Streit eskaliert sein. Für den Staatsanwalt ist erwiesen, dass die Beschuldigte ihrer Mieterin mindestens fünfmal in den Rücken geschossen hat. Nachdem diese am Boden lag, habe sie der noch lebenden Frau mindestens einmal gezielt in den Kopf geschossen.

Version der Verdächtigen deckt sich nicht mit Spuren

Die Beschuldigte selber gibt an, die Mieterin habe sie von hinten angegriffen und mit beiden Händen am Hals gehalten. Da sie sich bedroht fühlte, habe sie mit der rechten Hand die Pistole aus der Bauchtasche genommen, die Waffe durchgeladen und an der linken Hüfte vorbei mehrere Schüsse praktisch aufgesetzt in den Bauch des Opfers abgegeben. Als Hobbyschützin weiß sie, wie man mit Schusswaffen umgeht.

Es habe nicht mehr vollkommen rekonstruiert werden können, was genau in der Waschküche passiert ist, heißt es in der Anklageschrift, die dem SÜDKURIER vorliegt. Die Version der Beschuldigten stimme aber nicht mit den Spuren überein. Außerdem sei das Opfer „deutlich kleiner, körperlich unterlegen und gesundheitlich angeschlagen“ gewesen.

Zwischendurch trinkt sie Kaffee

Was nach der Tat aus Sicht der Kreuzlinger Staatsanwaltschaft geschah, liest sich wie die Szenen einer Horrorgeschichte. Mit Küchenmessern, Gartenwerkzeug und einer Säge habe die Beschuldigte die Leiche zerlegt – so wie sie früher in der Ukraine Tiere geschlachtet und ausgenommen habe. Dabei schnitt sie die Projektile heraus und entsorgte sie. Zwischendurch soll sie Kaffee getrunken haben. Mit einem Gartenschlauch spülte sie anschließend das Blut in den Abfluss.

In diesem Haus in Bottighofen, nur wenige 100 Meter vom Bodensee entfernt, haben das Opfer und die mutmaßliche Täterin unter einem Dach ...
In diesem Haus in Bottighofen, nur wenige 100 Meter vom Bodensee entfernt, haben das Opfer und die mutmaßliche Täterin unter einem Dach gewohnt. | Bild: Donato Caspari

In den folgenden Wochen tat die Beschuldigte alles, um einen etwaigen Tatverdacht von sich abzulenken. Sie beauftragte eine Kanalreinigungsfirma, um den verstopften Abfluss zu spülen und ließ die Videos ihrer Überwachungskameras löschen. Dazu schrieb sie Briefe an die Tote, in denen sie die Mietschulden reklamiert. An der Verhandlung bei der Schlichtungsstelle für Mieter in Bottighofen spielte sie die Entrüstete, die sich über das unentschuldigte Fernbleiben ihrer Mieterin aufregt. Doch die war damals schon über einen Monat tot.

„Nennenswertes Restrisiko“ für weitere Tötungen

Ein Psychiater, der die Beschuldigte begutachtete, kommt zum Schluss, die 55-Jährige weise eine stark akzentuierte Persönlichkeitsstörung mit selbstbezogenen, exzentrischen und unreifen Zügen auf. Ihre Einsichtsfähigkeit sei aber zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt oder gänzlich aufgehoben gewesen. Die Schuldfähigkeit sei höchstens leicht beeinträchtigt. Der Psychiater sieht „ein nennenswertes Restrisiko“ für schwere Gewalt- und gar Tötungsdelikte.

Zynisch mutet die Aussage der Beschuldigten bei ihrer Vernehmung an, warum sie ihre Mieterin getötet hat: Weil „die freche, fettige Kreatur alle Grenzen überschritten hat“ und weil sie die Gesellschaft von einem „Schmarotzer“, einem „Parasiten“ befreien wollte.

Der SÜDKURIER wird vom Prozess berichten. Bereits am Freitag, 25. März, könnte ein Urteil fallen. Es gilt die Unschuldsvermutung.