Mit oder wegen Corona im Krankenhaus? Die Frage wurde im Verlauf der Pandemie immer wieder diskutiert. Konkrete Antworten aber blieben aus, weil die Kliniken bei der Meldung der Fälle schlicht keine Unterscheidung vornahmen. Nun hat das Sozialministerium eine Stichprobe vorgenommen, um nach zwei Jahren Pandemie Licht ins Dunkel zu bringen. Das Resultat: Weniger als die Hälfte, nur 44,5 Prozent, sind demnach wegen einer Covid-Infektion in Behandlung. 55,5 Prozent sind wegen einer anderen Diagnose im Krankenhaus und haben eine Corona-Infektion als Nebendiagnose.

Am Stichtag, dem 4. Mai, wurden den Angaben des Sozialministeriums von 22 der 125 Krankenhausstandorte im Südwesten eine zufällige Stichprobe gezogen. 265 Patienten wurden an diesem Tag mit einer Corona-Infektion behandelt. Doch nur 118 davon waren auch primär wegen der Viruserkrankung in der Klinik.

Anteil an Patienten mit Corona vergleichbar mit dem in Großbritannien

Die Ergebnisse entsprechen damit den Zahlen in der Omikron-Welle aus Großbritannien. Dort waren im Februar und Februar dieses Jahres zwischen 42 und 47 Prozent der positiv getesteten Patienten primär wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus.

Damit wird aber die bisherigen Parameter der Coronapolitik zumindest in Frage gestellt, orientierten sich die inzwischen aufgehobenen Maßnahmen doch an der sogenannten Hospitalisierungsrate und der Belegung der Intensivstationen durch Covidpatienten – ob Corona tatsächlich der Anlass der Behandlung ist, spielte dabei keine Rolle.

Land hält Indikatoren für aussagekräftig

Das zuständige Sozialministerium bekräftigt dem SÜDKURIER auf Anfrage, dass es die Parameter dennoch weiter für sinnvoll hält. „Die Indikatoren sind aussagekräftig“, so Sprecher Pascal Murmann, zumal sich das Land auch immer an der absoluten Auslastung der Krankenhäuser orientiert habe. Zudem bedeute die Diagnose „mit Covid“ zwar, dass der Patient wegen einer anderen Erkrankung eingeliefert wurde. Das sage jedoch nichts über den weiteren Verlauf aus, „beispielsweise ob die Beatmung nach einer Operation bedingt durch Covid länger erforderlich ist als ohne diese Infektion“, so der Sprecher weiter.

Letztlich werden die (künftigen) Indikatoren „vom weiteren Verlauf der Pandemie und der Beschaffenheit des Virus abhängen“, so der Sprecher weiter: „Wenn beispielsweise neue Varianten auftreten, müssen sich auch die politischen Maßnahmen verändern.“

Mit oder wegen Corona muss für Kliniken keinen Unterschied machen

Der SÜDKURIER hatte dazu schon im Februar recherchiert. Das Ergebnis: Die meisten Krankenhäuser machten bei der Erfassung der Corona-Fälle keine Unterscheidung und begründeten dies auch. Der Aufwand bei der Versorgung der Patienten sei der Gleiche, weil Schutzkleidung und Absonderung der Betroffenen auch bei der Nebendiagnose Corona notwendig seien.

„Nur wenige Patienten, die bisher mit der Omikron-Variante in unser Klinikum gekommen sind, waren wegen Covid dort“, sagte Jürgen Schmidt, Chefarzt der Klinik in Tuttlingen, aber bereits im Februar. Demnach seien 70 Prozent der Patienten wegen anderer Krankheiten in seine Klinik gekommen.

Omikron führten nachweislich seltener zu schweren Verläufen als viele vorherige Varianten. Hinzu kommt, dass der Anteil der geimpften Bevölkerung im Vergleich zu vorherigen Wellen gestiegen ist und die Impfung zumindest vor schweren Verläufen schützt.

PCR-Tests werden nur noch bedingt gemacht: Dabei sind die Ergebnisse die einzigen, die in der Statistik auftauchen. Positive ...
PCR-Tests werden nur noch bedingt gemacht: Dabei sind die Ergebnisse die einzigen, die in der Statistik auftauchen. Positive Schnelltests werden darin nicht berücksichtigt. | Bild: Bernd Weißbrod

Die lückenhafte Datenlage zu Corona wurde von Experten immer wieder moniert. So hat die Landesregierung auch die Untersuchung der PCR-Proben auf neue Virusvarianten eingestellt. Wissenschaftler wie der Frankfurter Virologe Martin Stürmer und der Freiburger Hartmut Hengel raten aber dazu, die Entwicklung des Virus weiter möglichst genau zu verfolgen.

Derzeit (Stand 11. Mai) sind in den baden-württembergischen Kliniken 1128 Menschen mit oder wegen Corona in Behandlung, 124 davon auf der Intensivstation. Damit setzt sich der Trend fort, der seit März einen Rückgang der Infektionszahlen, aber auch der Klinikpatienten, zeigt. Bedingt aussagekräftig sind aber auch die Infektionszahlen: Denn hier tauchen nur durch einen PCR-Test bestätigte Fälle auf. Der PCR-Test nach einem positiven Schnelltest ist aber nicht mehr die Regel. Hinzu kommt die verminderte Testbereitschaft in der Bevölkerung.