Die Woche fängt für Wolfgang Lipperson nicht gut an. Vor dem Grenzübergang zur Schweiz bei Bietingen (Kreis Konstanz) stauen sich die Lastwagen und er steckt mittendrin. Lippersons Lkw mit Aachener Kennzeichen steht. Es geht verflixt zu an diesem Morgen, auf engstem Raum rangieren die Brummis und parken derart knapp ein ein, dass man sich kaum dazwischen durchzwängen kann. Auch Lipperson schiebt seinen Aufleger in eine schmale lange Lücke, die gerade freigeworden ist. Normalität am Grenzübergang Bietingen/Thayngen (Schweiz). Ein kleiner Übergang mit großer wirtschaftlicher Bedeutung. Ein Nadelöhr. Über Thayngen führt die Straße nach Schaffhausen und dann in die Innerschweiz.

Kälte, Frust und Enge: Wolfgang Lipperson (links am Steuer) zirkelt seinen DAF in eine Parklücke.
Kälte, Frust und Enge: Wolfgang Lipperson (links am Steuer) zirkelt seinen DAF in eine Parklücke. | Bild: Fricker, Ulrich

Schwierig war die Lage am Wochenende. Die Schweiz legt das Sonntagsfahrverbot rigide aus: Die Eidgenossen schließen die Grenze, die Grenzer sind zuhause, die Fahrer stehen vor geschlossener Tür. Wenn sie es auf große Rastplätze schaffen, dann hatten sie Glück. An der Raststätte Hegau West, etwa 20 Kilometer nördlich von Bietingen, können sie für drei Euro duschen und die Toiletten benutzen. Bietingen im Hegau bietet lediglich Toiletten. Anders gesagt: 48 Stunden auf diesem Parkplatz sind unterhalb der Menschenwürde.

Öffnet die Sporthallen, fordert ein Bürger

Bürger aus der Umgebung machen auf die Missstände aufmerksam. Der Gottmadinger Klaus Döbel zum Beispiel hat am Wochenende den Stauraum besucht, der bis zum Tunnel reichte. Er sprach mit Fahrern. Sein Eindruck: Zu wenig Platz zum Parken, keine Duschen, Minusgrade. Das alles drückt auf die Stimmung. Die Fahrer, die am Montag aus ihren Fahrerhäusern schauen, wirken grau und müde. Und die wenigsten können Deutsch. „Nix Deutsch“, winkt ein Litauer ab, als der Reporter des SÜDKURIER auf ihn zukommt.

An der Grenze bei Bietingen/Thayngen: Für die meisten Autofahrer ist sie geschlossen, doch Lastwagen dürfen das Nadelöhr passieren. Ihre Fracht ist unverzichtbar.
An der Grenze bei Bietingen/Thayngen: Für die meisten Autofahrer ist sie geschlossen, doch Lastwagen dürfen das Nadelöhr passieren. Ihre Fracht ist unverzichtbar. | Bild: Fricker, Ulrich

Döbel engagiert sich bereits bei der Integration von Flüchtlingen im benachbarten Gottmadingen. Jetzt will er auch etwas für die gestrandeten Trucker tun, berichtet er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Und schlägt vor, dass die Sporthallen in der Umgebung geöffnet werden, um die Fahrer dort anständig unterzubringen. Dort könnten sie auch duschen. Döbel bringt auch das THW ins Spiel, dieses habe die technischen Voraussetzungen, sagt der 62-jährige Bürger. „Lastwagen-Elend vor der Schweizer Grenze“, titelt die Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“ kürzlich.

„Mir stellen sich die Haare auf“, schreibt die Truckerfrau

Aus Fernfahrerkreisen werden in diesen Tagen haarsträubende Details berichtet. „Heute kam mein Mann nach Hause und hat mir Dinge erzählt, bei denen sich mir die Haare aufstellten,“ schreibt die Frau eines Fahrers auf Twitter. „Er braucht im Prinzip auf keinem Rasthof mehr anhalten. Denn es gibt niemanden mehr, der sich um die Sauberkeit der Toiletten schert,“ berichtet „Bine“, wie sie sich nennt auf dem Kurznachrichtendienst.

Grenze bei Weil am Rhein: An Wochenenden stauen sich die Lkw in einer langen Schlange. Wenn ein Fahrer zu spät dran ist, muss er das Wochenende auf der Straße verbringen, da die Rastplätze voll sind.
Grenze bei Weil am Rhein: An Wochenenden stauen sich die Lkw in einer langen Schlange. Wenn ein Fahrer zu spät dran ist, muss er das Wochenende auf der Straße verbringen, da die Rastplätze voll sind. | Bild: Patrick Seeger

Wolfgang Lipperson kann diese pauschalen Feststellungen nicht bestätigen. Ja, sagt er, die Coronakrise und teils extreme Anforderungen an die Hygiene machen die Arbeit am Steuer der Brummis nicht einfacher. Die Fahrer seien nach wie vor unterwegs und setzten sich damit der Gefahr einer Ansteckung aus. Ihre Arbeit wird als lebenswichtig angesehen – sie sorgen dafür, dass die Regale in den Supermärkten gefüllt bleiben und frisches Klopapier in die Hände der Verbraucher gelangt.

„Die Schweiz ist vorbildlich“, sagt der Fahrer

Mit der Hygiene hat der Aachener gemischte Erfahrungen gemacht. „Man kann das nicht über einen Kamm scheren“, meint der bedächtige Mann in der Warnweste. Er lobt zum Beispiel die Raststätte Hegau West, an der viele deutsche Fernfahrer von Norden kommend vorbeifahren. Die sanitären Anlagen dort werden privat betrieben, sie sind gut in Schuss. Anders der Rastplatz St. Louis (Frankreich) an der Grenze zu Basel, ihn bezeichnet Lipperson als katastrophal und ungepflegt. Wer es in die Schweiz geschafft hat und dort seine Ladung löscht, hat es gut erwischt. „Die Schweiz ist vorbildlich“, sagt er, die Anlagen seien gepflegt.

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Deshalb freut er sich schon auf die Stunden, wenn er den Grenzübergang Bietingen passiert haben wird. Vier verschiedene Orte wird er innerhalb der Schweiz anfahren und Ladung (Laugen, Putzmittel) löschen. Sein neuer DAF (480 PS) ist komfortabel eingerichtet. Das Fahrzeug der Spedition Hammer (700 Mitarbeiter) fährt gut. Die Fahrt innerhalb der Schweiz schätzt er als unproblematisch ein. Wenn nur die grenzwertigen Rastplätze nicht wären.