Liebe Lehrerinnen, liebe Lehrer,

da galten Sie jahrzehntelang als die Faulenzer der Nation – und jetzt das: Eine Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung hat gerade ans Licht gebracht, dass das Gegenteil der Fall ist. Für fast 80 Prozent der Lehrkräfte ist demnach Wochenendarbeit die Regel und für 60 Prozent eine Erholung in der Freizeit kaum noch möglich.

Lehrer und Schüler lernen in Neckartailfingen bei einer Unterrichtseinheit des Programms „Lernen mit Rückenwind“. Die ...
Lehrer und Schüler lernen in Neckartailfingen bei einer Unterrichtseinheit des Programms „Lernen mit Rückenwind“. Die Pandemie hat zu erheblichen Lern-Rückständen geführt und bei Lehrern für hohe Belastung gesorgt. Das belegt eine aktuelle Umfrage. Bild: dpa | Bild: Marijan Murat

Moment mal – und was ist mit der Zeit, die Sie angeblich auf dem Golfplatz, dem Tennisplatz oder beidem verbringen? Rechnen Sie die zur Arbeitszeit?

Das Stereotyp vom freizeitverwöhnten Lehrer hält sich nachhaltig

Scherz beiseite. So richtig lachen kann darüber eh keiner von Ihnen, nehme ich an. Denn die Zeiten, in denen das Lehrerdasein ein stressfreier Job war, sind entweder verdammt lange her oder es gab sie nur in der Vorstellung mancher Zeitgenossen, die mit Neid sahen, dass Sie viele Nachmittage zuhause verbrachten. Allerdings nicht primär, um eine ruhige Kugel zu schieben, sondern um den Unterricht vorzubereiten und Klassenarbeiten zu korrigieren.

Heute nennt man das übrigens Homeoffice. Und den Vorwurf, dass am heimischen Schreibtisch eh nichts geschafft würde, müssten inzwischen viele Nicht-Lehrer entschieden von sich weisen. Komischerweise aber hält sich das alte Stereotyp vom angeblich freizeitverwöhnten Lehrer nachhaltig.

Reden Sie darüber, erklären Sie, was da los ist

Die Sorte gibt es natürlich durchaus – übrigens in allen Berufssparten. Leider weiß die Bevölkerung viel zu wenig über die tatsächlichen Gründe der zunehmenden Belastung im Lehrer-Job. Öffentlich reden möchte kaum ein Lehrer darüber – was verständlich ist, und doch könnte es ein wichtiges Signal sein.

Eine Relativierung wäre fahrlässig – auch gegenüber den Kindern

Freilich traf die Corona-Pandemie auch andere Berufe hart. Viele Selbstständige wurden arbeitslos, mancher war gezwungen, den Job zu wechseln, einfach war das Distanzarbeiten für viele nicht. Es wäre interessant zu sehen, was herauskäme, wenn man beispielsweise bei Paketzustellern den Finger an den Puls legen würde. Eine Relativierung der Umfrage ist trotzdem nicht angebracht.

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Wer Ergebnisse in diesem Ausmaß nicht ernst nimmt, handelt fahrlässig. Zumal hintendran Kinder hängen – deren Bildung und Sozialisierung, letztlich die Zukunft unserer Gesellschaft. Bildungsarbeit ist Beziehungsarbeit, lautet eine alte Weisheit. Die können Lehrer am Rande des Burnouts aber kaum leisten. Nötig wären kleinere Klassen, mehr Schulsozialarbeiter, mehr Pädagogen. Aber das kostet ja alles. Es ist deshalb zu befürchten, dass nichts gemacht wird, schließlich muss der Staat sparen – nur nicht beim Tankrabatt.

Eine Sache aber macht Mut

Es steckt aber auch Ermutigendes in der Umfrage: Vor allem, dass trotz der hohen Belastung drei Viertel der Lehrkräfte mit ihrem Beruf zufrieden sind. Das dürfte daran liegen, dass Ihre Arbeit, die Arbeit mit jungen Menschen, so sinnstiftend und bereichernd ist wie wenige andere. Bewahren Sie sich diese Freude – sie ist wichtig, für uns alle!