Im Landratsamt des Zollernalbkreises standen die Telefone nicht mehr still. „Das hat uns völlig überrollt, die Zahlen wurden einfach so auf den Tisch gebracht“, sagte Landrat Günther Martin Pauli später bei einer eilends einberufenen Video-Pressekonferenz. Was war passiert? Statt auf Lockerungen der Corona-Verordnung hoffen zu können, stand der Zollernalbkreis über Nacht plötzlich haarscharf an der Grenze zum erneuten Lockdown – und das, obwohl man sich vor Ort auf einem guten Weg wähnte. Schuld daran waren die Zahlen 50/100.000/7, die gestern von den Ministerpräsidenten der Länder zugleich mit den Lockerungen beschlossen worden waren.

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Sie besagen: Landkreise oder kreisfreie Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der letzten 7 Tage müssen die gelockerten Beschränkungen sofort erneut hochfahren. Am Mittwochabend stand der Zollernalbkreis bei der sogenannten 7-Tage-Inzidenz von 46,8, dem landesweit höchsten Wert, und damit kurz vor der zweiten Lockdown-Phase.

Deutlich mehr Tests

„Die Zahlen sind erschreckend, und es stimmt, wir kommen von einem hohen Niveau“, sagte Pauli, der zur Pressekonferenz die ärztliche Führungsriege des Zollernalbklinikums sowie seines Gesundheitsamtes um sich geschart hatte. Aber schon einen Tag später sei die Inzidenz auf 43,9 gesunken, kreisweit gab es lediglich acht Neuinfektionen. „Die Gefahr eines erneuten Lockdowns sehe ich nicht. Ich will das nicht schönreden, und wir nehmen die Lage auch sehr ernst. Aber wenn es richtig angegangen wird, glaube ich nicht, dass wir die Zahl reißen.“

Ein Wahrzeichen des Zollernalbkreises: Die Burg Hohenzollern.
Ein Wahrzeichen des Zollernalbkreises: Die Burg Hohenzollern. | Bild: Manuel Schönfeld - stock.adobe.com

Pauli bemängelte, dass bei dem Wert nicht berücksichtigt werde, wie viele Tests im Kreis vorgenommen würden. Schließlich habe der Zollernalbkreis von Anfang an deutlich mehr getestet als andere Regionen – im Schnitt seit Februar knapp 4500 Tests pro 100.000 Einwohner. Der Bundesschnitt liege dagegen nur bei rund 2800 Tests. „Das ist ein statistischer Effekt, deshalb haben wir auch deutlich mehr Befunde. Und es gibt zusätzlich den Sondereffekt, dass wir viele Hochbetagte im Kreis haben. Aber wir arbeiten uns herunter.“

Im Kreis gebe es weder einen besonderen Infektionshotspot noch eine dramatische Versorgungslage am Klinikum, sagte Pauli, der neben der Disziplin der Bürger auch die erfolgreiche Kontaktverfolgung durch das Gesundheitsamt lobte. Einen Plan B für den Fall, dass die Marke im Zollernalbkreis doch gerissen wird, gibt es laut Pauli jedenfalls derzeit nicht.

Zuständig sind die Kommunen

Zur Festlegung des Grenzwerts von 50 Neuinfektionen verwies das Landesgesundheitsamt (LGA) auf Anfrage auf das Robert Koch-Institut (RKI) und das Bundesgesundheitsamt. Basis seien die von den örtlichen Gesundheitsämtern an das LGA gemeldeten Zahlen, die wiederum an das RKI weitergegeben würden. „Die 7-Tage-Inzidenz ist ein Indikator für eine frühzeitige Erkennung von ansteigenden regionalen Infektionszahlen, um eine Risikobewertung durchzuführen und entsprechende Maßnahmen zur Intervention zu ergreifen“, teilte das LGA mit.

Zuständig für erneute Corona-bedingte Einschränkungen seien dann die Kommunen, also Landkreise oder kreisfreie Städte unter Einbeziehung der Landesbehörden. Ob und für wie lange dann wieder Schulen, Spielplätze und Läden geschlossen, Kontakt- und Mobilitätssperren verhängt werden, müsse vor Ort je nach Situation entschieden werden. Das bestätigte auch das Sozialministerium. „Bei einem lokalisierten und klar eingrenzbaren Infektionsgeschehen, zum Beispiel in einer Einrichtung, kann die Beschränkung auch nur diese Einrichtung umfassen“, so der Sprecher. „Bei einem verteilten regionalen Ausbruchsgeschehen und unklaren Infektionsketten müssen allgemeine Beschränkungen regional wieder konsequent eingeführt werden, und zwar so lange, bis dieser Wert mindestens sieben Tage unterschritten wird.“