Eine Theke voller Schnitzel, roter Würste und marinierten Steaks. Zwei Frauen mit vollen Einkaufstaschen. Ein Mann, der in eine dicke Winterjacke gehüllt vor dem Eingang eine Frikadelle mit Senf isst. Auf den ersten Blick wirkt die Metzgerei Lederer in Weil am Rhein wie jede andere.

Doch etwas ist hier besonders – genauer gesagt hinter Theke: Anakha Mariya Shaji und Lalit Kumar. Die beiden kamen im September als Teil eines Pilotprojekts für ihre Ausbildung aus dem warmen Indien ins fremde, kalte Deutschland. Wie geht es ihnen nach sieben Wochen in ihrer neuen Welt?

Shaji stammt aus Kerala. Der dicht besiedelte Bundesstaat liegt im Südwesten Indiens, direkt am Meer. Im November steigen die Temperaturen dort auf bis zu 30 Grad, der Name Kerala ist von den Kokospalmen abgeleitet, die dort wachsen.

Nun wohnt die 21-Jährige am Rande des Schwarzwalds. Tannen statt Palmen, Wolken statt Sonne, jetzt im November nur zehn statt 30 Grad. „Es ist kalt, sehr kalt“, sagt Shaji im Pausenraum der Metzgerei, schlingt die Arme um ihre die Brust und blickt auf die Wolken hinter dem Fenster.

In Indien beschäftigte Anakha Mariya Shaji sich mit Informatik, nun lernt sie bei Joachim Lederer wie man Tiere entbeint und Schnitzel ...
In Indien beschäftigte Anakha Mariya Shaji sich mit Informatik, nun lernt sie bei Joachim Lederer wie man Tiere entbeint und Schnitzel schneidet. | Bild: Mario Wössner

Ihre Heimat Kerala hat eine eigene, nach dem Bundesstaat benannte Küche. Sie besteht aus vielen vegetarischen Gerichten – aber auch Geflügel, Fisch und rotem Fleisch. Gekocht wird mit Curry, Kurkuma und Senfkörnern. In Weil am Rhein schneidet Shaji im Moment vor allem Frikadellen, Fleischkäse und Schweineschnitzel zurecht – eine neue kulinarische Erfahrung. Doch den Kulturschock hat sie ganz gut verkraftet.

Obwohl sie erst sieben Wochen da ist, spricht sie bereits relativ gut deutsch. „Wir mussten in Indien einen Sprachkurs machen und eine Prüfung auf B1-Niveau ablegen“, erklärt Shaji, die schüchtern wirkt, aber viel lacht.

Neue Welt: Ausbeinen statt Programmieren

Nach der Landung in Frankfurt fielen der jungen Frau zuerst die Preise auf. „Deutschland ist so teuer, vor allem das Internet“, erzählt sie. Sie hatte zuvor in Indien als Informatikerin gearbeitet. Spaß gemacht habe ihr das nicht, sagt sie, „codieren ist langweilig.“

Ihre neuen Aufgaben als Auszubildende zur Fleischereifachverkäuferin klingen deutlich martialischer: Ausbeinen, Zerlegen, Schneiden, Kochen und Braten. Es macht ihr Spaß, aber sie sei davon eher unter- als überfordert. „Aber der Chef hat gesagt, Schritt für Schritt zu lernen ist besser“, sagt Shaji.

Zuschneiden und braten von Fleisch gehört zum Arbeitsalltag der beiden indischen Azubis. Hinter der Theke die Kunden bedienen werden sie ...
Zuschneiden und braten von Fleisch gehört zum Arbeitsalltag der beiden indischen Azubis. Hinter der Theke die Kunden bedienen werden sie erst in einer späteren Phase der Ausbildung. | Bild: Mario Wössner

Ihr Chef, das ist Joachim Lederer. Er ist Landesinnungsmeister des Fleischerhandwerks in Baden-Württemberg und Obermeister der Fleischerinnung Lörrach-Waldshut. 2020 kontaktierte ihn die Agentur Magic Billion, die indische Auszubildende ins Ausland vermittelt.

Er erzählt: „Wir haben gesagt, wenn es eine Möglichkeit gibt, schlagen wir sofort zu.“ Denn seit Jahren mangelt es im Handwerk an Lehrlingen. „Viele Betriebe und Branchen jammern und klagen über fehlende Lehrlinge. Aber jammern hilft nicht. Nur wenn man selbst was macht, dann geht was“, sagt der Metzgermeister. Also packte er an.

Teilnahme am Programm kostet jeden 5000 Euro

Lederer hatte bereits Vorerfahrung mit Lehrlingen aus Italien, Spanien und Afrika. „Ich wusste, worauf es ankommt“ sagt er. Er fragte bei den Betrieben in der Region nach Bedarf und flog nach Indien, um die Bewerber zu casten. Deren Vorteil sei das gute Ausbildungslevel, viele haben mittlere Reife oder sogar Abitur.

30 Inder hat er gecastet. Für die Teilnahme am Programm bezahlen sie 5000 Dollar an die Agentur. 13 schafften es durch die im Preis enthaltene Deutschprüfung des Goethe-Instituts und durften einreisen. Im ersten Jahr verdienen sie 944 Euro, im zweiten 1000 und im dritten Jahr schließlich 1300 Euro monatlich. Ihre Wohnungen organisieren die Betriebe, bei erfolgreicher Ausbildung sind ihnen ein Arbeitsvertrag und 1500 Euro Prämie garantiert.

Hintergrund zum Projekt

„Von den Lehrern in den Berufsschulen höre ich, dass sie super mitkommen. Ich denke, in einem Jahr werden sie sogar unterfordert sein“, so Lederer. Auch für die Betriebe seien die Inder ein „Sechser im Lotto“. Normal koste ein Azubi im ersten Lehrjahr den Betrieb noch Geld, im zweiten Jahr trage er sich selbst, im dritten Jahr profitiere der Betrieb. „Ich glaube, die Inder verdienen nach einem halben Jahr ihr Gehalt schon selbst“, vermutet Lederer. Sie seien zuvorkommend, pünktlich, motivierter, und besser ausgebildet als Deutsche – und sehr zufrieden in ihrem neuen Leben.

„Ich genieße die Freiheit hier“

Anakha Shaji stimmt zu: „Die Kollegen und mein Chef sind sehr nett und hilfsbereit, ich fühle mich hier wohl.“ Das Klischee von den verschlossenen Deutschen kann sie nicht bestätigen. „Nein, die Menschen sind nett, sie lachen immer“, erzählt sie. Trotz Kälte, Regen und Verständigungsschwierigkeiten, vermisst sie ihr zuhause darum nicht besonders. „Ich genieße die Freiheit hier, alleine zu wohnen, auf mich selbst gestellt zu sein, eigenes Geld zu haben und machen zu können, was ich will“, sagt Shaji, die zuvor 21 Jahre lang bei ihren Eltern gewohnt hat, etwas verlegen.

Auch Lalit Kumar, der zusammen mit Shaji zu Lederer an den Hochrhein kam, ist gut angekommen. Der 27-Jährige stammt aus Haryana, einem Bundesstaat neben Delhi. Dort ist der Verzehr von Rindfleisch verboten, Kühe sind für Hindus heilig. Nun wird Kumar zum Metzger ausgebildet – und bearbeitet tagtäglich Rind. „Das ist kein Problem, die beiden sind Katholiken“, sagt Metzger Joachim Lederer über seine Azubis.

Lalit Kumar stammt aus Haryana, wo der Verzehr von Rindfleisch verboten ist. In Weil am Rhein arbeitet er nun auch mit Rinderfilet.
Lalit Kumar stammt aus Haryana, wo der Verzehr von Rindfleisch verboten ist. In Weil am Rhein arbeitet er nun auch mit Rinderfilet. | Bild: Mario Wössner

Kumar erzählt: „Es war mein Traum ins Ausland zu gehen.“ Viele Inder würden nach Amerika oder Kanada auswandern, er habe aber nach Deutschland gewollt – die starke Wirtschaft habe ihn angelockt. Vor dem Flug sei er unsicher gewesen, wie es in Deutschland sein würde. „Mein Kopf war voller Fragen“, erzählt er in einem Mix aus Englisch und Deutsch.

In Weil am Rhein teilt Kumar sich eine Wohnung mit drei weiteren indischen Azubis, sie kochen abends oft zusammen. Im ersten Monat habe er seine Familie sehr vermisst. „Aber wir machen jeden Tag Videoanrufe“, berichtet er. Sein Wunsch sei es, langfristig hierzubleiben, ihm gefalle das Leben in Deutschland.

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Haben die Inder eine Perspektive in Deutschland?

Joachim Lederer sagt: „Meine Aufgabe ist es, ihnen eine Perspektive zu geben“. Sie sollen ausreichend qualifiziert werden, um hierbleiben zu können. Kumar könne nach seiner Ausbildung zum Metzger auf die Meisterschule gehen und irgendwann Lederers Metzgerei mitführen.

Shaji soll nach ihrer Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin dual studieren oder Verkaufsleiterin werden. „Ich möchte hierbleiben, mir gefällt es sehr gut“, bestätigt Shaji. Es sei besser für ihre Zukunft. „Aber man weiß ja nie, wie es kommt“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Jede vierte Ausbildungsstellen unbesetzt

Joachim Lederer fliegt derweil am kommenden Freitag wieder nach Indien, Sprach-College und Goethe-Institut begutachten. Die Castings gehen weiter. Denn im kommenden Jahr sollen 25 weitere Inder nach Südbaden kommen, zwei davon wieder zu ihm. Bis 2027 hofft Lederer auf 100 bis 150 neue Leute für die Region – und viele Nachahmer für das Projekt aus anderen Branchen.

Denn in Baden-Württemberg sind laut Wirtschaftsministerium in diesem Ausbildungsjahr von 807 gemeldeten Ausbildungsstellen in der Fleischindustrie 227 unbesetzt geblieben. „Ohne Azubis aus dem Ausland stirbt unser Handwerk irgendwann aus“, sagt Lederer.