Der Grenzübergang Vyšné Nemecké liegt etwa eindreiviertel Stunden östlich der slowakischen Kleinstadt Košice. Aus der Ukraine kamen hier zu Beginn des Krieges täglich Tausende Menschen an. Inzwischen sind es weniger. „Es ist ja auch viel schwieriger geworden, noch außer Landes zu kommen“, sagt Dorit Töpler von der Konstanzer Hilfsorganisation Hoffnungszeichen. Die 44-Jährige ist seit vier Tagen vor Ort, um sich mit Partnerorganisationen abzustimmen und die Lage vor Ort zu erfassen.

Hinter dem Grenzübergang ist auf slowakischer Seite ein kleines Zeltlager entstanden, trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ein Spielzelt für Kinder, in dem sie basteln und malen können. Ein Zelt voller Kleidung, Babywindeln und Tiernahrung, ein Versorgungszelt mit Wasserflaschen, warmem Essen und Lebensmitteln zum Mitnehmen.

In diesem Versorgungszelt können sich Flüchtlinge eindecken mit Kleidung, Spielzeug für Kinder, Windeln, Babynahrung und vielem mehr.
In diesem Versorgungszelt können sich Flüchtlinge eindecken mit Kleidung, Spielzeug für Kinder, Windeln, Babynahrung und vielem mehr. | Bild: Hoffnungszeichen e.V.

„Das Lager ist nicht dafür gedacht, dass die Menschen hier lange bleiben“, erklärt Töpler. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Flüchtlinge, die hier ankommen, werden mit Reisebussen und Hilfsgütern nach Košice gebracht. Vom dortigen Bahnhof können sie weiterfahren – nach Warschau, Prag oder München.

Wie viele kommen, hängt immer davon ab, ob gerade ein Schutzkorridor offen ist oder nicht. Manchmal kommen mehrere Busse, manchmal ein ganzer Zug. „Das kann mal viel sein und mal ganz wenig, und niemand weiß, wie es in den nächsten zwei Stunden ist“, beschreibt Töpler die Lage vor Ort.

Tagelang auf der Flucht

Viele von den Menschen, die es hierher geschafft haben, sind erschöpft. Sie waren oft tagelang auf der Flucht, teils aus dem Südosten der Ukraine, aus Saporischschja. Die Familien müssen sich an der Grenze trennen, die wehrfähigen Männer dürfen nicht ausreisen, sie sollen ihr Land verteidigen gegen eine russische Invasion der Superlative.

Mutter Anastasia mit dem einen Monat alten Nikita und ihrem vierjährigen Sohn Daniil. Sie musste ihren Mann in der Ukraine zurücklassen.
Mutter Anastasia mit dem einen Monat alten Nikita und ihrem vierjährigen Sohn Daniil. Sie musste ihren Mann in der Ukraine zurücklassen. | Bild: Hoffnungszeichen

Eine junge Frau ist darunter, Anastasia, die erst vor wenigen Wochen entbunden hat. Ihren Mann musste sie zurücklassen. Geflohen ist sie aus Saporischschja in der Südostukraine, wo die russischen Truppen ein Atomkraftwerk angegriffen hatten und es zu Bränden kam – für viele Menschen dort der Auslöser zur Flucht.

„Sie hat nicht mehr aufgehört zu weinen“, erzählt Töpler, merklich selbst angefasst von den Schicksalen, die sie hier tagtäglich miterlebt. „Aber was hilft es dieser Frau, wenn ich mit ihr weine?“, fragt sie. Die 44-Jährige versucht, den Menschen Trost zu spenden, ihnen zuzuhören, sie zu unterstützen. Mehr kann sie nicht tun.

Helfer arbeiten 24 Stunden durch

Es gibt psychologische Hilfe für die Flüchtlinge – aber auch für die Helfer, die teils 24 Stunden durcharbeiten und selbst an ihre Belastungsgrenzen kommen, berichtet die Mitarbeiterin von Hoffnungszeichen. Töpler ist erfahren in ihrem Beruf, doch was sie hier erlebt, geht auch ihr nahe. „Wenn man Kinder in dem Alter hat, wie man sie hier trifft, geht das nicht spurlos an einem vorüber“, sagt sie. Töpler will aber nicht von sich reden. Es gehe um die Menschen hier vor Ort, die vor einem Krieg fliehen mussten.

Hoffnungszeichen-Mitarbeiterin Dorit Töbler (rechts) mit Antastasia und ihren dreijährigen Zwillingen.
Hoffnungszeichen-Mitarbeiterin Dorit Töbler (rechts) mit Antastasia und ihren dreijährigen Zwillingen. | Bild: Hoffnungszeichen e.V.

Sie erzählt von dreijährigen Zwillingen, die gar nicht wissen, dass sie auf der Flucht sind, die mit Kuscheltieren abgelenkt werden und in den Zelten spielen. Ihre Mutter Anastasia lässt sie in dem Glauben. Ihr Elfjähriger dagegen weiß, warum sein Vater nicht mitkommen durfte und dass sein bester Freund mit seiner Familie in Polen angekommen ist. Von einem Tag auf den anderen ist seine Welt eine völlig andere.

„Das berührt mich sehr, zu sehen, dass für diese Menschen sämtliche sozialen Strukturen zusammengebrochen sind, das normale Leben gibt es für sie nicht mehr.“ Man sehe dieses Kind und denke, „es könnte das eigene sein“, sagt Töpler, die selbst zwei Kinder hat.

Auch Hilfskonvois werden angegriffen

Seit 17 Jahren ist die 44-Jährige für den gemeinnützigen Verein im Spendenmanagement und der Öffentlichkeitsarbeit tätig, mittlerweile lebt sie nicht mehr am Bodensee, sondern im Kreis Ludwigsburg. Ihre Kinder wissen, wo sie ist und was sie tut. „Sie schauen Kindernachrichten und wissen, was passiert“, erzählt Töpler. Sie telefonieren jeden Tag, die Kinder sollen sich keine Sorgen machen um ihre Mutter. Dass Töpler in die Ukraine reist, steht ohnehin außer Frage. „Das ist zu gefährlich“, sagt sie selbst.

Die Hilfsorganisation will die Partnerorganisationen People In Need unterstützen, Lebensmittel, Hygieneartikel und vor allen Dingen Trinkwasser, das wegen bombardierter Leitungen knapp wird, in die Ukraine schleusen. Ein Konvoi soll sich in der kommenden Woche auf den Weg machen – mit Menschen, die das Risiko eingehen, dass sie vielleicht nicht mehr zurückkehren werden. „Diese Konvois werden auch angegriffen“, sagt Töpler. Trotzdem brauchen die Menschen, die nicht fliehen konnten, dringend Hilfe. Gelingt die Aktion, könnten etwa 2000 Menschen für ungefähr zwei Wochen versorgt werden, schätzt die 44-Jährige.

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Töpler selbst kam nicht mit einem Hilfstransport an der Grenze an, sondern mit dem Flugzeug. Der Verein hatte bereits zuvor Sachspenden gesammelt und mit der Organisation Gain an die Grenzen zur Ukraine in Polen, Ungarn und Moldawien geschickt. Aktuell unterstützt Hoffnungszeichen die Hilfsorganisationen vor Ort und an den Grenzen finanziell, um die Flüchtlinge zu versorgen – nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Dorit Töpler (links) von der Organisation Hoffnungszeichen im Gespräch mit einer Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist und gerade ...
Dorit Töpler (links) von der Organisation Hoffnungszeichen im Gespräch mit einer Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist und gerade erst in dem kleinen Lager hinter der Grenze ankam. | Bild: Hoffnungszeichen e.V.

Langfristig will Hoffnungszeichen dann Organisationen unterstützen, die Familien in der Ukraine helfen. An diesem Wochenende soll Töpler zurückfliegen. Bis dahin will sie alles aufgegleist haben, um die Menschen in der Ukraine auch in den kommenden Monaten unterstützen zu können.

Am Abend kehrt Töpler in ihr kleines Hotelzimmer in Košice zurück. Im Einsatz funktioniere sie, könne auch Abstand wahren und sich darauf konzentrieren, den Menschen zu helfen. „Die Gedanken kommen abends“, sagt sie. Gedanken über die Schicksale, die verlorenen Menschen, diesen sinnlosen Krieg.