Mehr als eine Million Menschen flüchten im vergangenen Jahr aus der Ukraine nach Deutschland. Die Unterbringung bringt viele Städte ans Limit. Auch in den Kommunen in unserer Region wird der Platz knapp. Wie ist die Lage zwischen Bodensee, Schwarzwald, Linzgau und Hochrhein? Wir geben den Überblick.

Kreis Konstanz

100 Flüchtlinge pro Woche kommen in den Landkreis Konstanz – das ist der Zwischenstand, den Landrat Zeno Danner Ende September 2022 zieht. Der Platz ist da schon knapp im Landkreis – alle Kreissporthallen belegt, Leichtbauhallen sollten errichtet werden.

In Konstanz ist es Ende Januar soweit. Das riesige Oktoberfestzelt auf dem Klein Venedig-Areal ist zur Notunterkunft umfunktioniert worden. Dort, wo noch vor wenigen Monaten gefeiert wurde, finden jetzt Geflüchtete eine vorläufige neue Heimat.

Von Oktoberzelt zu Notunterkunft: Die Leichtbauhalle auf Klein Venedig ist bezugsfertig.
Von Oktoberzelt zu Notunterkunft: Die Leichtbauhalle auf Klein Venedig ist bezugsfertig. | Bild: Wagner, Claudia

Der Umbau des großen Festzeltes zog sich – dass es so lange dauern würde, damit hatte auch die Stadt Konstanz nicht gerechnet. Denn das Gelände wird für Feste und Veranstaltungen genutzt, Leitungen und Anschlüsse für Strom und Wasser sind also bereits vorhanden. Doch man muss Vieles beachten, wenn aus einem Veranstaltungsort eine Notunterkunft werden soll.

Noch bevor die Halle fertig ist, herrscht in der Schweiz Aufregung über die deutschen Pläne. Könnten Geflüchtete die offene Grenze auf Klein Venedig für eine illegale Einreise in die Schweiz nutzen? Kreuzlingen will die Lage beobachten – und zu Beginn den Sicherheitsdienst der Stadt verstärkt patrouillieren lassen.

Eine weitere Leichtbauhalle entsteht gerade in Rielasingen. Sie soll bis zu 350 Menschen Platz bieten. Läuft alles nach Plan, können im April die ersten Geflüchteten einziehen. Und auch die nächste Leichtbauhalle im Hegau soll bald folgen: Auf dem Festplatz der Hilzinger Kirchweih soll eine Halle aufgestellt werden, die Arbeiten können bald beginnen.

Auf dem Festzeltplatz in Hilzingen soll demnächst mit dem Aufbau der zweiten Leichtbauhalle im Hegau begonnen werden
Auf dem Festzeltplatz in Hilzingen soll demnächst mit dem Aufbau der zweiten Leichtbauhalle im Hegau begonnen werden | Bild: Matthias Güntert

In Steißlingen dagegen wird es keine Leichtbauhalle geben: Es ist zu umständlich, das dafür geplante Gelände herzurichten.

In Radolfzell ist die Gemeinschaftsunterkunft im November aufgestockt worden: Ein Neubau auf dem Gelände bietet weiteren Wohnraum für Geflüchtete.

Die Stadt Stockach hat mehr Geflüchtete aufgenommen, als sie laut Verteilungsschlüssel müsste. Viele von ihnen sind in der Notunterkunft in der Kreissporthalle untergebracht. Wie lebt es sich dort zwischen Bauzäunen und Stockbetten? Familie Ocheretina erzählt, wie es ist, sich einen Raum mit bis zu hundert Menschen zu teilen.

In der Sporthalle am Berufsschulzentrum in Stockach wurde im September 2022 eine Notunterkunft eröffnet.
In der Sporthalle am Berufsschulzentrum in Stockach wurde im September 2022 eine Notunterkunft eröffnet. | Bild: Moll, Mirjam

Gottmadingen dagegen erfüllt noch nicht die Quote der im Dorf aufzunehmenden Flüchtlinge. Bis Ende 2023 müssen weitere 100 Menschen untergebracht werden – eine Herkulesaufgabe für die Gemeinde. Nun ist die alte Eichendorffschule bald bezugsfertig für weitere Geflüchtete. Bedenken gegen die Notunterkunft mitten in einem Wohngebiet sind nahezu verstummt.

Hier könnten bald Geflüchtete einziehen, die aktuell in Singen in der Kreissporthalle untergebracht sind. Diese kann dann wieder für den Schul- und Vereinssport zur Verfügung stehen.

Blick in die zur Notunterkunft umfunktionierte Kreissporthalle in Singen
Blick in die zur Notunterkunft umfunktionierte Kreissporthalle in Singen | Bild: Georg Winterhalder

Nicht wenigen Gemeinden wächst die Unterbringung über den Kopf. Bereits Ende August vergangenen Jahres schlug der Bürgermeister von Engen und Vorsitzender des Gemeindetags Alarm. Es fehle an Wohnraum, aber auch an Personal für die Betreuung, so Johannes Moser.

Bodenseekreis

Auch im Bodenseekreis stehen die Gemeinden vor Herausforderungen. Ende September kündigte das Landratsamt an: Die große Sporthalle am Berufsschulzentrum Friedrichshafen wird zur Unterkunft für Geflüchtete.

Bei Häfler Rektoren lösten die Pläne gemischte Gefühle aus. Denn Schüler aus 100 Klassen sollten ja auch ihren Sportunterricht bekommen. Die Rektoren sprachen von einem Dilemma. Doch die Schulen haben Lösungen gefunden: mal kreativ, mal etwas umständlich. Auch der Umbau der Halle ist Anfang Januar abgeschlossen, 234 Betten stehen zur Verfügung.

Die Sporthalle der Berufsfachschule in Friedrichshafen ist zur Notunterkunft für Geflüchtete umgebaut.
Die Sporthalle der Berufsfachschule in Friedrichshafen ist zur Notunterkunft für Geflüchtete umgebaut. | Bild: Felix Kästle, dpa

Auch im alten Rathaus in Salem-Neufrach sollen bald Geflüchtete einziehen. Auf einer Fläche von etwa 1400 Quadratmetern ist Platz für rund 80 Menschen. Einige Umbaumaßnahmen waren nötig, um aus dem ehemaligen Verwaltungsgebäude eine Notunterkunft zu machen.

In der alten Turnhalle des Gymnasiums in Überlingen öffnete der Bodenseekreis Anfang November eine Notunterkunft. Notgedrungen – die Gemeinschaftsunterkünfte waren bereits voll belegt. 18 Wohnboxen gibt es darin, jeweils 20 Quadratmeter groß. Wie schafft man Menschlichkeit in nackten Räumen?

Die Spieleecke in der Notunterkunft in der alten Turnhalle des Gymnasiums Überlingen.
Die Spieleecke in der Notunterkunft in der alten Turnhalle des Gymnasiums Überlingen. | Bild: Hilser, Stefan

Markdorf hatte dem Landkreis bereits im Frühjahr 2022 die Mehrzweckhalle als Notunterkunft angeboten. Im Landratsamt behält man sich vor, darauf zurückzugreifen.

Hochrhein

Flüchtlingsunterbringung, Corona-Pandemie, gestiegene Bürokratie und die Energiekrise: Die 32 Gemeinden des Landkreises Waldshut sahen Anfang Dezember ihre Belastungsgrenze überschritten und forderten: So kann es nicht weiter gehen.

Über 2000 Geflüchtete hatten Ende vergangenen Jahres im Landkreis Waldshut Wohnraum gefunden, die meisten in einer privaten Unterkunft.

Die Gemeinschaftsunterkünfte des Kreises waren praktisch ausgelastet. In St. Blasien und in Ühlingen-Birkendorf wurden wurden Gemeinschaftsunterkunft reaktiviert, in Hohentengen zwei Hotels belegt, in Niederwihl das alte Schulhaus. In Todtmoos wurde das Hotel Löwen zur Gemeinschaftsunterkunft.

In Rheinfelden ist die Turnhalle der Gewerbeschule für Geflüchtete vorübergehend reserviert. Die Vereine müssen auf andere Orte ausweichen.

Ein solches Szenario wollte der Landkreis Waldshut eigentlich vermeiden. Doch Anfang Februar sind die Asylunterkünfte im Landkreis Waldshut an den Kapazitätsgrenzen. Nur die neue Gemeinschaftsunterkunft in Todtmoos hat noch Platz. Eine zukünftige Unterbringung in Hallen kann der Landkreis nicht mehr ausschließen.

Linzgau-Zollern-Alb

Auch in Pfullendorf steigt die Zahl der Geflüchteten, der Wohnraum wird knapp. Immer wieder appellierte Bürgermeister Thomas Kugler an die Bevölkerung, freien Wohnraum zu melden. Eine Containersiedlung wurde erweitert, die Schlossgartenhalle Aach-Linz als Notunterkunft ausgewiesen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir um die Belegung der Schlossgartenhalle mit Flüchtlingen herumkommen. Aber ich möchte es nicht 100-prozentig versprechen“, erklärte Bürgermeister Kugler Mitte Oktober.

Eine Alternative in Pfullendorf: Das Krankenhaus, das am 31. Oktober vergangenen Jahres seine Pforten geschlossen hat. Im fünften Stock können seit Dezember bis zu 50 Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht werden.

Der fünfte Stock des Krankenhauses, wo einst die Chirurgie untergebracht war, wird umgebaut. Die Zwei-bis Vierbettzimmer werden dann von ...
Der fünfte Stock des Krankenhauses, wo einst die Chirurgie untergebracht war, wird umgebaut. Die Zwei-bis Vierbettzimmer werden dann von Flüchtlingen aus der Ukraine belegt. | Bild: Volk, Siegfried

Im Landkreis Sigmaringen sollen bald neue Plätze für Geflüchtete geschaffen werden. Die Gemeinschaftsunterkünfte sollen aufgestockt werden – doch das Personal für die Betreuung fehlt. Nun sollen neue befristete Stellen geschaffen werden.

Schwarzwald

Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis nimmt die Zahl der Flüchtlinge weiter zu. Noch muss das Landratsamt auf Turnhallen von Schulen nicht zurückgreifen. „Wir hatten bislang noch Glück mit unseren Immobilien“, sagt Landrat Sven Hinterseh. Doch auch hier spitzt sich die Lage zu. „Die Situation ist jetzt sehr angespannt“, so der Landrat.

Das Heilig-Geit-Spital, ehemaliges Villinger Pflegeheim, ist seit einigen Monaten Gemeinschaftsunterkunft. Dort ist man vorbereitet auf die Ankunft weiterer Geflüchteter.

Die Gemeinde Dauchingen geht mit Wohncubes für Geflüchtete mit 19 Quadratmetern, Küche und Bad mit Dusche einen anderen Weg.