Das breite Grinsen auf dem Gesicht von Winfried Hermann kann man trotz Maske sehen, als der grüne Verkehrsminister kurz nach 18 Uhr im Stuttgarter Landtag vor den Räumen der grünen Fraktion eintrifft. „Ich bin heute der einzige Doppelsieger bei der Wahl“, sagt Hermann zu Umweltminister Franz Untersteller und der grünen Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die ihn mit lautem Hallo und coronakonformem Ellenbogencheck begrüßen.

„Wer kann schon sagen, dass er Susanne Eisenmann persönlich besiegt hat?“, feixt Hermann. Dabei liegt das Ergebnis aus dem Wahlkreis Stuttgart II, in dem die CDU-Spitzenkandidatin Eisenmann gegen Winfried Hermann, den Inhaber des Direktmandats, angetreten ist, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vor. Hermann soll recht behalten: Am Ende holt er mit 39,8 Prozent fast doppelt so viele Stimmen wie Susanne Eisenmann, die mit 21,7 Prozent noch unter dem Landesergebnis der CDU bleibt.

„Bestes Grünen-Ergebnis ever“

Der grüne Fraktionschef Andreas Schwarz reckt bei der 18-Uhr-Prognose im Landtag kurz die Faust in die Höhe. „Super“, „Spitze“ ruft er, nur kurz brandet Jubel in der auf Abstand stehenden Grünen-Traube neben ihm auf. Die grüne Landeschefin Sandra Detzer feiert lauthals „das beste Grünen-Ergebnis ever“ und formuliert sofort den klaren Auftrag ihrer Partei zur Regierungsbildung, den sie dem vorläufigen Ergebnis entnimmt.

Allen Grünen ist in diesem Moment klar: Es reicht bei Weitem – und befördert die Partei und ihren Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann in die einmalige Lage, sich ihren künftigen Koalitionspartner im Südwesten aussuchen und den Preis für einen Platz an ihrer Seite auf der Regierungsbank quasi diktieren zu können.

Corona ist immer präsent

Aber gejubelt wird nicht lauthals. Die Pandemie ist im Landtag an diesem Wahlabend nicht nur an den allgegenwärtigen Masken sichtbar, sondern auch deutlich an der Stimmung spürbar. „Meine Freude ist überhaupt nicht gedämpft, heute Abend kann ich mich freuen, man muss auch mal ein bisschen Abstand haben. Aber morgen holen uns wieder die Mühen der Ebenen ein“, sagt Winfried Kretschmann später in der Spitzenkandidaten-Pressekonferenz, und seine ernste Miene dazu macht deutlich, wie präsent die Pandemie auch am Abend des Wahlsiegs ist.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Fraktionschef Andreas Schwarz (beide Grüne) feiern das Wahlergebnis.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Fraktionschef Andreas Schwarz (beide Grüne) feiern das Wahlergebnis. | Bild: Thomas Kienzle/AFP

Dass es vor allem sein Erfolg ist, erkennt Kretschmann dabei durchaus an. „Es war ja auch vieles auf mich zugeschnitten“, sagt der 72-jährige Frontmann der Grünen. „Aber man gewinnt Wahlen nie allein, sondern man gewinnt sie mit der Partei, die hintendran steht. Er nennt den Ausgang „ein gutes Ergebnis trotz schwieriger Zeiten“ und wertet das Votum als deutlichen Zuspruch der Bürger, Kurs zu halten und weiterzumachen. „Und das, obwohl wir ja tief in die Rechte vieler Bürger eingreifen mussten. Ich bin aber schon auch überrascht. Durch die viele Post, die ich bekommen habe, war ich schon etwas skeptisch, wie sich das auswirkt“, sagt Kretschmann.

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Zu Koalitionsaussagen hält er sich bedeckt – obwohl bei der Pressekonferenz im Plenarsaal des Landtags bereits die Spitzenkandidaten von FDP und SPD, Hans-Ulrich Rülke und Andreas Stoch, neben ihm auf der Regierungsbank sitzen – und auf der anderen Seite, weit entfernt, die Wahlverliererin Susanne Eisenmann von der CDU neben dem AfD-Spitzenmann Bernd Gögel. Das Bild der Zukunft? „Mit allen demokratischen Parteien“ will Kretschmann sondieren, in der Reihenfolge ihrer Größe nach Wahlergebnis sollen die Gespräche mit CDU, FDP und SPD erfolgen.

„Kann schon zwei Dinge gleichzeitig“

Und Sorgen, dass sich der Regierungschef vor lauter anstehender Sondierung nicht mehr auf das Krisenmanagement konzentrieren werde, brauche sich niemand zu machen. „Das kann man einem Ministerpräsidenten schon zutrauen, dass er zwei Dinge gleichzeitig machen kann“, sagt Kretschmann.

Auch Manfred Lucha, der grüne Sozialminister, der wegen seines Corona-Managements neben der CDU-Kultusministerin Eisenmann am stärksten in der Kritik steht, wartet zu diesem Zeitpunkt noch auf das Ergebnis aus seinem Wahlkreis. Ob er erleichtert über das Grünen-Ergebnis ist? „Erleichtert? Nein, das wäre das falsche Wort“, sagt Lucha. „Ich fühle mich bestätigt.“ Und was die Kritik an ihm betrifft: „Alle Gesundheitsminister stehen in der Pandemie im Fokus“, sagt Lucha.

Die grünen Landeschefs Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand kommen im Landtag an.
Die grünen Landeschefs Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand kommen im Landtag an. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Für den Regierungschef geht es an diesem Abend Schlag auf Schlag – Interview folgt auf Interview. An diesem Abend, seinem nach 2011 und 2016 drittem Wahlsieg in Baden-Württemberg, ist erstmals seine Ehefrau Gerlinde nicht an seiner Seite. Am Mittag war das Ehepaar Kretschmann noch in Laiz, ihrem Wohnort bei Sigmaringen, gemeinsam zur Wahl gegangen.

Auf die Fahrt in die Landeshauptstadt und den Gang in die Öffentlichkeit verzichtete Kretschmanns Frau dann aber. Und auch in den Räumen der Grünen-Fraktion im Landtag, wo am späten Abend noch einmal die Spitzenkräfte zusammenkommen wollten, war nichts für eine Feier vorbereitet – es herrschte strenges Alkoholverbot.

Untersteller hofft auf Kretschmanns Schnaps

Der grüne Umweltminister Franz Untersteller, der bereits seinen Abschied aus der Politik angekündigt hat und den Wahlabend im Landtag sichtlich entspannt und gut gelaunt verfolgte, hofft dennoch, mit seinem jahrzehntelangen Weggefährten Winfried Kretschmann noch eine kleine Feier nachholen zu können. „In seinem Keller hatte der Winfried noch einen kleinen Vorrat von sensationellem Schnaps aus einer südbadischen Brennerei, da waren so ganz spezielle Brände dabei wie Vanille-Bergamotte“, sagt Untersteller. „Vielleicht hat er da noch ein Fläschchen übrig.“