Nach zehn Wochen Ungewissheit endlich die erlösende Nachricht: Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann will bis spätestens Ende Juni die Kitas im Land vollständig öffnen. Bisher ist nur eine Belegung zu 50 Prozent gegenüber dem, was vor der Corona-Krise möglich war, erlaubt. Kinder in der erweiterten Notbetreuung oder mit besonderem Förderbedarf haben Vorrang. „Für uns sind das gute Nachrichten“, sagt Claus Mellinger vom Gesamtelternbeirat Reutlinger Kindergärten und Kindertagesstätten. Und sie sind längst überfällig – denn dass momentan nur ein Teil der Kinder betreut werden kann und der Rest zuhause bleiben muss, führt gleich zu mehreren Problemen.

Überlastete Eltern, isolierte Kinder

Zum einen seien die Eltern durch die Betreuung ihrer Kinder und die gleichzeitige Ausübung ihrer Arbeit überbelastet, sagt Mellinger. Zum anderen mache die soziale Isolation den Kindern zu schaffen. Kinder seien es gewohnt, in Kindergärten oder Kitas zu gehen und dort ihre Spielkameraden zu treffen. Zu Corona-Zeiten fehlen diese Sozialkontakte aber und für die Eltern sei es schwer, diese so zu ersetzen, wie ein gleichaltriges Kind das könne. „Die kindlichen Bedürfnisse können nicht abgedeckt werden“, erklärt Mellinger. Wer außerdem aus nicht-deutschsprachigen Familien komme, dem fehle die deutsche Sprache. „Das wirft diese Kinder zurück“, beklagt Mellinger. Auch die Bedürfnisse von Inklusionskindern könnten nicht erfüllt werden.

Viele Kita-Plätze sind derzeit nicht belegt. Bis Juni soll nun der Regelbetrieb endlich wieder anlaufen.
Viele Kita-Plätze sind derzeit nicht belegt. Bis Juni soll nun der Regelbetrieb endlich wieder anlaufen. | Bild: Uwe Anspach

Und das sehen nicht nur Eltern so: In einem Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der der Redaktion vorliegt, schreibt die Erzieherin und stellvertretende Leiterin eines Kindergartens, Sabrina Ritter: „Soziale Kontakte sind gerade im Vorschulalter außerordentlich wichtig. Die darauffolgenden Jahre – Schule, Ausbildung, Studium, Arbeitsalltag und so weiter – bauen auf Erfahrungen, Erlebnissen, Gelerntem im Kindergartenalter auf.“

Notbetrieb hilft nur wenigen

„Wenn man einen Vollzeitjob zuhause hat und nebenher noch Kinderbetreuung und Homeschooling machen sollte, dann hat kaum jemand Kapazität mehr, sich politisch zu engagieren“ – Susanne Pantel, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Kindertageseinrichtungen der Stadt Radolfzell
„Wenn man einen Vollzeitjob zuhause hat und nebenher noch Kinderbetreuung und Homeschooling machen sollte, dann hat kaum jemand Kapazität mehr, sich politisch zu engagieren“ – Susanne Pantel, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Kindertageseinrichtungen der Stadt Radolfzell | Bild: Becker, Georg

Susanne Pantel, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Kindertageseinrichtungen der Stadt Radolfzell, nennt noch weitere Probleme: So fehle den Kindern die Bildung, die sie sonst in den Einrichtungen erhalten. Zudem sei es nicht mehr möglich, einen Einblick in die Lebensumstände der Kinder zu erhalten; Erzieher bekommen nicht mehr mit, wie es den Kindern geht, ob sie zuhause etwa Gewalt ausgesetzt sind oder gut versorgt werden.

Der derzeitige eingeschränkte Betrieb hilft nur bedingt, kritisieren Pantel und Mellinger. Denn viele der Plätze seien bereits durch die Notbetreuung besetzt, übrig bleibt für die anderen Kinder nicht viel. „Am Ende sind das je nach Einrichtung vielleicht nur ein paar Plätze“, sagt Susanne Pantel. Und: „Es gibt Einrichtungen, da bleiben keine zusätzlichen Plätze übrig.“

Erzieherinnen und Erzieher beklagen zu wenig Wertschätzung

Auch für Erzieher sei die aktuelle Situation alles andere als gut, erklärt Sabrina Ritter. Sie „müssen momentan noch flexibler sein, haben mitunter Kinder aus anderen Gruppen der Einrichtung oder sogar Kinder aus anderen Einrichtungen zu betreuen, zudem kommen für Leitungen und deren Stellvertretung das Erarbeiten eines geeigneten Konzeptes hinzu, das sowohl am Wohl des Kindes orientiert ist, gleichzeitig aber auch die Eltern entlasten kann und im besten Fall die Wünsche der Familien berücksichtigt.“ Ebenso müssen die Verantwortlichen Gespräche mit den jeweiligen Trägern führen und sich um die schwer und „nur sehr unpädagogisch“ umsetzbaren Verordnungen kümmern. „Eine pädagogisch wertvolle Arbeit mit den Kindern ist derzeit leider nicht, beziehungsweise nur sehr eingeschränkt möglich“, fasst Ritter es zusammen.

„Wir Eltern werden nicht gehört.“ – Claus Mellinger, Gesamtelternbeirat Reutlinger Kindergärten und Kindertagesstätten
„Wir Eltern werden nicht gehört.“ – Claus Mellinger, Gesamtelternbeirat Reutlinger Kindergärten und Kindertagesstätten | Bild: Claus Mellinger

In ihrem Brief an Ministerpräsident Kretschmann kritisiert sie: „Die Coronakrise und die Schließung von Kindertageseinrichtungen hat das gesellschaftliche Bild der Erzieher und Erzieherinnen nicht im Geringsten bestärkt, sondern vielmehr eher verschlechtert, weil dieser Beruf demnach in der Gesellschaft nicht annähernd so relevant ist, wie die Politik in unserem Land vorgibt.“ Ende vergangener Woche, bevor die Öffnung der Kitas bis spätestens Ende Juni bekannt gegeben wurden, schrieb Ritter: „Wenn ab dem ersten Juni wieder Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen erlaubt sind und die Kindertageseinrichtungen weiterhin geschlossen bleiben, beziehungsweise nur eine 50-prozentige Öffnung veranlasst wird, stimmt etwas in unserem Bundesland nicht!“

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Auch die Eltern hingen lange Zeit in der Luft. Claus Mellinger und Susanne Pantel beklagen einen Mangel an Auskunft. Die Kommunikation durch die Landesregierung war aus Sicht der Eltern nicht zufriedenstellend, die bisherigen Verordnungen kamen zu kurzfristig. Susanne Pantel hatte deshalb das Gefühl, dass andere Bereiche viel mehr gefördert werden als die Kinderbetreuung. „Warum gab es bis heute keinen Elterngipfel?“, fragte die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Kindertageseinrichtungen der Stadt Radolfzell. Und bemängelte: „Eltern haben keine Lobby.“ Claus Mellinger ergänzte: „Wir werden nicht gehört.“

Eltern sind die Experten

Um das zu ändern, haben sich Gesamtelternbeiräte aus ganz Baden-Württemberg zu einem Landeselternbeirat der Kinderbetreuungseinrichtungen zusammengeschlossen. Auch Susanne Pantel und Claus Mellinger sind ein Teil davon. „Es geht darum, den Kindern eine Stimme zu geben“, erklärt Mellinger. Eltern seien Experten auf diesem Gebiet, sie erleben die Probleme täglich in ihren eigenen Familien, sie fühlen sich aber hilflos und im Stich gelassen. „Wenn man einen Vollzeitjob zuhause hat und nebenher noch Kinderbetreuung und Homeschooling machen sollte, dann hat kaum jemand Kapazität mehr, sich politisch zu engagieren“, sagt Susanne Pantel. Das soll der Landeselternbeirat nun übernehmen – auch über die Corona-Krise hinaus.

Der Vorstand des Landeselternbeirats der Kinderbetreuungseinrichtungen Baden-Württemberg. Oben, zweiter von links: Claus Mellinger. Untere Reihe, ganz links: Susanne Pantel.
Der Vorstand des Landeselternbeirats der Kinderbetreuungseinrichtungen Baden-Württemberg. Oben, zweiter von links: Claus Mellinger. Untere Reihe, ganz links: Susanne Pantel. | Bild: Landeselternbeirat

Um Bewegung in die aktuelle Situation zu bringen, hatte der neugegründete Beirat sich vor Bekanntgabe der Öffnung mit einem Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann gewandt. Darin weist er auf die Belastungen für Familien mit Kleinkindern hin und schreibt: „Sie erwarten von der Politik eine Perspektive und vor allem Planbarkeit, wollen wissen, wie sich die Politik den Wiedereinstieg in die Kinderbetreuung vorstellt und worauf sie sich einstellen können.“ Der Landeselternbeirat wolle „die Perspektive der Kinder und ihrer Familien in die politischen Entscheidungen einbringen“ und stehe für einen Runden Tisch bereit. „Wir wollen möglichst schnell ins Gespräch kommen“, sagt Claus Mellinger. „Wir versuchen, möglichst alle ins Boot zu bekommen.“

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Und über eine Verbesserung der Situation kann sich der Landeselternbeirat dank der Kita-Öffnungen bis Ende Juni bereits jetzt freuen. Auch wenn nicht genau feststeht, wie diese Öffnung eigentlich bewerkstelligt werden soll. Claus Mellinger weist darauf hin, dass in den Kommunen Personal fehlt und Erzieher, die den Hochrisikogruppen angehören, womöglich nicht arbeiten können. Konkrete Pläne und Vorgaben müssten abgewartet werden. Aber dennoch sagt er: „Ich freue mich.“

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